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„Black Madonna“ in Basel : Auf dem Königinnenweg zur Anbetung

Mit seinem „Black Madonna“-Projekt feiert der afroamerikanische Künstler Theaster Gates die Bedeutung schwarzer Frauen in Politik, Gesellschaft und Religion. Und setzt ein Zeichen gegen die Entsinnlichung der Kunst.

          Die „Schwarze Madonna“ ist bekannt in der Historie Europas, sie ist an vielen Orten Ziel christlicher Anbetung, tiefster Verehrung. Schwarz kann sie sein, weil vom Ruß der Kerzen in den Kirchen und Klöstern gefärbt oder gemalt in dunklen Farben, geschnitzt aus dunklem Holz. Im Kunstmuseum in Basel wird die Schwarze Madonna derzeit anders Gestalt – in Vielfalt; ihre Imagines zielen durchaus auf ihre Vergöttlichung. Mit seinem „Black Madonna“-Projekt öffnet der afroamerikanische Künstler Theaster Gates den schwarzen Frauen den Königinnenweg zur Adoration; er feiert ihre eminente Bedeutung in Politik, Gesellschaft und Religion.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Der Hauptteil der Schau findet im Neubau des Museums statt, im Zentrum des Saals steht ein monumentales hölzernes Archivmöbel, in dem an die dreitausend Fotografien von schwarzen Frauen in Rahmen bewahrt sind. Die Bilder lassen sich einzeln herausnehmen und auf einer Ablage zur Betrachtung hinstellen. Es sind Kopien von Fotos der „Johnson Publishing Company“, die in den fünfziger und sechziger Jahren Journale wie „Ebony“ oder „Jet“ herausgab. Diese Zeitschriften wollten das Selbstbewusstsein afroamerikanischer Frauen in den Vereinigten Staaten zeigen und befördern. Gates hat die Rechte dafür gekauft und daraus eine großartige Edition hergestellt, in der diese schwarzen Madonnen des Alltags ihre Auftritte haben. Die Fotos aus dem Johnson-Archiv machen zweierlei sichtbar: Nicht selten wirken die meist jungen Frauen wie eine Mimikry der dominierenden hellhäutigen Mannequins jener Jahre. Aber es erscheint auch eine kraftvolle blackness, im Wissen um die eigene Attraktivität, jenseits gängiger Klischees.

          Lockenwickler zur „Domestizierung“

          Am Eingang zum Saal steht, Teil der Gesamtinstallation, ein gläserner Kasten voller weißer Handschuhe zum Anfassen wertvoller Kunstwerke. Gebeten wird um ihre Benutzung, um „die notwendige Umsicht beim Herausnehmen und Zurückstellen der Bilder“. Diese Bitte ist materiell gemeint, zugleich symbolisch. Sie mahnt den sorgsamen Umgang an: mit den Fotografien wie mit den Menschen, deren Abbilder sie transportieren. Ein Parcours führt entlang der Wände des weitläufigen Raums. Am Beginn hängt eine „Madonna mit Kind vor einer Landschaft“ vom niederländischen Meister der Spätrenaissance, Maarten van Heemskerck, aus der Museumssammlung. Sie ist – was sonst? – weiß, und sie sieht irritierend aus, mit seltsamem Seitenblick auf ihre Betrachter und dem beinah grinsenden Jesusknaben. Nach heutigem weißen Geschmack ist sie alles andere als schön. Doch Heemskerck war ein Künstler des Manierismus, sein Ideal lag in der Unterwanderung des Gewohnten. Gates hat das Bild „The Ghetto Madonna“ getauft, gefangen in der herrschenden Norm meint er vielleicht.

          Daneben läuft ein Video-Loop unter dem Titel „Black Temple – Shirley Temple Goes Black“, Ausschnitte aus Filmen mit dem amerikanischen Kinderstar. Mitte der dreißiger Jahre wurde Temple berühmt, nicht zuletzt im Zeichen von „Blackfacing“ – als kleines hübsches weißes Mädchen ohne Arg, manchmal selbst „schwarz“ geschminkt, als Tochter einer Sklavenhalter-Familie, fröhlich tanzend mit dem afroamerikanischen Butler, gespielt von Bill „Bojangles“ Robinson.

          Das großformatige Foto einer bildschönen schwarzen Frau unter einem Schleier betitelt Theaster Gates mit „Shroud“, Leichentuch. Ein anderes Bild heißt ironisch genug „Offset Rollers with Revlon“, der Hinterkopf einer Frau voller Lockenwickler, vermutlich zur straffen Domestizierung der Naturkrause, Angleichung an das Ideal der glatten Haare. Doch es gibt dort auch Objekte des Künstlers, ein Kreuz, eine Plastik am Boden, eine düstere Abstraktion an der Wand.

          Theaster Gates, 1973 als jüngstes von neun Kindern und einziger Sohn in Chicago geboren, wurde in Europa spätestens bekannt, als er 2012 für die Documenta 13 in der Altstadt von Kassel das Hugenottenhaus umgestaltete zur Begegnungsstätte. Gates lehrt an der Universität von Chicago, er hat in Problemvierteln seiner Heimatstadt Aktionen initiiert zur Belebung, die auf Gemeinschaft zielen, basierend auf realen und symbolischen Werten, Handwerk, Kunst, Musik: sein Masterplan von Partizipation. Entsprechend geht es im zweiten Teil der Basler Schau, im Haus der Gegenwart des Kunstmuseums, auch um Beteiligung der Besucher. Dort steht eine alte Heidelberger Druckmaschine, oder es sollen gemeinsam Musikaufnahmen produziert werden.

          Theaster Gates arbeitet mit Pragmatismus, Glauben und Poesie an der Veränderung der Verhältnisse, der Verbesserung der Welt. Das klingt hehr – und ist alles andere als naiv. Nun hat er sich der Anbetung von Schwarzen Madonnen zugewandt, die er übersetzt hat in die Gesamtinstallation des „Black Madonna“-Projekts. Neben dem Herzstück in Basel läuft ein weiterer Teil im Sprengel Museum in Hannover; die geplante Station in Münchens Haus der Kunst wurde wegen der aktuellen dortigen Probleme auf unbestimmte Zeit verschoben; keine gute Prognose ist das.

          „Black is Beautiful“, lautete der euphorische Aufbruch der Sechziger; #Black Lives Matter heißt die Bürgerbewegung, die seit 2013 in Amerika die Gewalt gegen Schwarze bekämpft. Auch Theaster Gates geht, pathetisch formuliert, unter die Menschen. Er scheut Pathos nicht, schon gar nicht, wenn er mit seiner Band „The Black Monks of Mississippi“ Musik macht. Jetzt hat er die „Black Madonna“ zur Leitfigur erhoben, selbstgewiss ihrer Schönheit. Und er schlägt mit seinen intensiven partizipativen Interventionen hart ins Kontor jeder Entsinnlichung zeitgenössischer Kunst.

          Theaster Gates. Black Madonna. Im Kunstmuseum, Basel; bis zum 21. Oktober. Daneben im Sprengel Museum, Hannover; bis zum 2. September. Das Bilder-Buch „Black Madonna Press“ kostet in Basel im Museum 58 Franken.

           

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