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Maler Gerard ter Borch : Nach dem Fest ist vor dem Fest

  • -Aktualisiert am

Gerard Ter Borch, Bildmontage aus: Eine Dame in weißem Atlas vor dem Bett mit roten Vorhängen, Die galante Konversation, Die Musikstunde, Brieflesende Dame mit Page Bild: Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Geht es hier um käufliche Liebe oder um ganz etwas anderes? Der niederländische Maler Gerard ter Borch erscheint in der Berliner Gemäldegalerie jedenfalls in neuem Licht.

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          Ein Offizier, welcher, mit einem über das Knie geschlagenen Beine, den Federhuth in der Linken, auf einem Stuhl sitzt, erteilt seiner Tochter, die in einem atlassenen Kleide, verschämt, mit von dem Beschauer des Bildes abgewendetem Gesicht vor ihm steht, eine Ermahnung. Neben ihm sitzt seine Frau, beschäftigt ein Glas Wein zu trinken. In dem Zimmer ein Bett, ein Tisch mit Geräth und ein Tabourett.“ Dies ist die Beschreibung der Nummer 278 in der zweiten Abteilung des Kataloges der Gemälde des Königlichen Museums in Berlin, der 1830 zu dessen Eröffnung erstmals gedruckt wurde.

          Der Text wiederholt, nahezu wörtlich, eine Passage aus dem 1809 erschienenen Roman „Die Wahlverwandtschaften“ von Johann Wolfgang von Goethe. Das Bild – „die sogenannte väterliche Ermahnung‘ von Terburg“ – dient hier als Vorlage für ein Tableau vivant, obwohl das nachzustellende Gemälde den Beteiligten gar nicht bekannt sein konnte, weil es sich damals noch in einer Pariser Privatsammlung befand, aus der es erst 1815 für das Berliner Museum erworben wurde.

          Ermahnung aus Goethes Zeiten

          Auch Goethe selbst hatte bestenfalls eine (von Caspar Netscher gemalte und signierte) Kopie in Gotha gesehen. Bekannt war nur der „herrliche Kupferstich“, der 1765 von Johann Georg Wille nach dem Original geschaffen und mit dem Titel „Instruction Paternelle“ versehen wurde. Dieser Titel setzte sich durch, und auch das Schildchen der Berliner Gemäldegalerie, die das Bild seit über zweihundert Jahren besitzt, präsentierte das Werk bis vor kurzem, so wie zu Goethes Zeiten, als eine „Väterliche Ermahnung“.

          Nun hat sich das geändert. Derzeit widmet man dem Werk in seinem Saal Nummer 18 eine kleine, aber sehr sehenswerte Kabinettausstellung, die das Bild mit einem neuen Titel in einem anderen Licht erscheinen lässt. Es heißt nun „Die galante Konversation“. Ter Borch selbst hatte dem Bild gar keinen Titel gegeben. Als er es um 1654 malte, reihte es sich aber in die damals beliebten Darstellungen von jungen Frauen ein, die Liebesbriefe lesen, Verehrer empfangen und ihnen gegen diskrete Geldzuwendungen manchmal auch zu Willen sind. Hundert Jahre später, zur Zeit der bürgerlichen Aufklärung, wollte der Kupferstecher Wille von solchen Frivolitäten nichts mehr wissen.

          Seine Beschriftung machte aus dem Bild eine Familienidylle, und danach dauerte es geraume Zeit, bis man wieder sah, dass es hier um käufliche Liebe geht. Das bemerkte man jedoch nicht erst 1926, wie noch unlängst zu lesen war, denn Carl Lemcke bezweifelt schon 1875, dass es sich bei dem sitzenden Mann um den Vater der stehenden Frau handelt, und wenig später beschreibt Richard Muther ihn als einen Besucher, der „Eindruck auf das Herz einer jungen Witwe“ machen möchte. Von da ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zur Deutung des Bildes als Bordell-Szene, die heute gern vertreten wird, wobei man die Geste des Mannes damit erklärt, dass er eigentlich eine Münze zwischen Daumen und Zeigefinger hält, die man ihm irgendwann wegretuschiert hat.

          Da es hierfür aber keinen Beweis gibt, lässt sich die „Väterliche Ermahnung“ dann doch nicht so ohne weiteres zum „Besuch im Freudenhaus“ umdeuten. Wenn nun stattdessen von einer „Galanten Unterhaltung“ die Rede ist, dann passt das zumindest zu dem Umstand, dass ter Borch eine vergleichsweise vornehme Variante der Genremalerei entwickelt hat, bei der die Figuren stets beherrscht und distanziert auftreten und sich auch Bordelle nicht auf Anhieb als solche zu erkennen geben.

          Fetischistische Obsession

          Neben dem Berliner Bild, das als Vorlage für Willes Stich diente, sind in der Gemäldegalerie vier weitere Varianten zu sehen. Zwei gelten als Werkstattarbeiten, die beiden anderen als eigenhändig. Die eine davon kommt aus Dresden. Es zeigt die Frau in ihrem hellen Seidenkleid allein vor einem großen Bett. In einem weiteren Gemälde aus Amsterdam sieht man die Frau mit denselben Personen wie in dem Berliner Bild. Die Amsterdamer Version ist allerdings breiter und zeigt rechts noch einen Hund. Diese Fassung ist wahrscheinlich die frühere, denn der Entschluss, den Hund wegzulassen und das Format zu erhöhen, führt zu einer klaren kompositorischen Verbesserung.

          Sieht man alle fünf Gemälde nebeneinander, wird vor allem deutlich, dass sich die nahezu identische Wiederholung der schimmernden Umhüllung des weiblichen Körpers anscheinend einer ausgeprägten fetischistischen Obsession verdankt. Dafür spricht ein Detail, das nur in den drei eigenhändigen Bildern vorkommt. Darin hängt, wie auch in Willes Stich, jeweils ein schmales Band an der Tischkante herab. Schon Jacob Burckhardt fragte sich, was das für „ein seltsamer Riemen“ sei.

          Die Antwort ist nicht schwer zu finden. Die beiden durch das Band gebildeten Formen – die ovale Schlinge und der vertikal herabhängende Streifen – dienen der Codierung sexueller Differenz. Wird diese Differenz verleugnet, heftet sich das Begehren an einen Fetisch, und für ter Borch ist dieser Fetisch das metallisch glänzende, irisierende Silbergewand, das unsere Blicke abprallen lässt, um inmitten des Sichtbaren einen Schutzschirm zu errichten, der den Körper der Frau zum Verschwinden bringt. Paradoxerweise erreicht jenes obskure Objekt des Begehrens seine volle Strahlkraft aber erst in seiner blendenden Maskierung.

          Glanzvolle Verpackung triumphiert, wie auch die Erfahrung der Weihnachtszeit lehrt, über jeden Gehalt. So löst sich das Rätsel des verschlungenen Bandes, das auf den Texttafeln dieser Ausstellung (wie auch in der Fachliteratur) seltsamerweise – aber auch verständlicherweise – nie zur Sprache kommt.

          Zur Ausstellung

          Galante Konversation. In der Gemäldegalerie, Berlin; bis zum 29. Februar 2020. Kein Katalog.

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