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Krippenszene Caravaggios : Wir verkünden euch einen großen Fund

Pünktlich zum Weihnachtsfest: Ein historisches Gemälde, vor fast fünfzig Jahren aus einer Kirche in Palermo gestohlen, soll kurz vor der Wiederauffindung stehen. Über die Tradition einer Spekulation.

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          Mit schöner Regelmäßigkeit meldete in den vergangenen Jahren die Katholische Nachrichten-Agentur archäologische Funde im Heiligen Land mit biblischem Bezug – bevorzugt während des Sommerlochs oder in der Adventszeit. In beiden Zeiträumen darf man der Aufmerksamkeit für Apostel-Altäre oder Reste von Siedlungen, die das Neue Testament als Wunderorte nennt, sicher sein.

          Doch in diesem Jahr? Fehlanzeige. Kein Teich, in dessen Nähe der Heiland gewirkt hat, ist als vertrocknete Wasserstelle im Wüstensand nachgewiesen und kein Wrack einer Petrus-Barke dem See Genezareth abgerungen worden. Also muss etwas anderes her, und die britische Zeitung mit dem jahreszeitlich besonders passenden Namen „Guardian“ weiß auch, was: ein von Caravaggio 1609 für das Oratorio di San Lorenzo in Palermo gemaltes Altarbild mit Christi Geburt, das 1969 gestohlen wurde und jetzt vor der Wiederauferstehung – nein, das passt kirchenkalendarisch nicht –, also vor der Wiederauffindung stehen soll: „Could the painting now be recovered in time for Christmas?“ Käme es so, dann könnten wir etwas feiern, was das Heilige Land mit all seinen Boden- und Unterwasserschätzen noch nie so passgenau hinbekommen hat: einen veritablen Weihnachtsfund vor Weihnachten.

          Man verkündet uns somit große Freude, und dies soll uns zum Zeichen sein: Es habe Aussagen eines Überläufers aus der des Kunstraubs verdächtigten Cosa Nostra gegeben, der das Bild seinerzeit in die Schweiz verbracht haben will. „Eine Art Wunder wäre es“, so meint indes eher hell- als heilsichtig ein skeptischer sizilianischer Museumsförderer, der erst im vergangenen Jahr die Anfertigung einer Kopie des geraubten Meisterwerks für die verwaiste Altarfläche ermöglicht hatte, wenn es je zu einer Rückkehr des Bildes nach Palermo käme.

          Dessen Spur soll sich mittlerweile längst wieder verloren haben, weil es nach Osteuropa verbracht worden sei, so dass doch wieder niemand weiß, an welchem Ort es zu finden wäre. Zumal andere Überläufer der Cosa Nostra vor Jahren ausgesagt hatten, dass das Gemälde durch unsachgemäße Aufbewahrung in einer Scheune – auch das ein aus weihnachtlicher Perspektive passender Ort – zerstört worden sei.

          Der „Guardian“ macht nun aus der Räuberpistole ein Recherchestück, aus dem man alles zu Caravaggio, viel zu abtrünnigen Angehörigen des organisierten Verbrechens in Italien und wenig zur etwaigen Rückkehr des abgängigen Bildes erfährt. Eine Weihnachtsgeschichte der wenig tröstlichen Art: Die Vergegenwärtigung der Geschehnisse am Heiligen Abend im Heiligen Land ist immer weniger ans Wort und immer mehr an Objekte gebunden. Um die man dann aber besonders viele Worte macht. Und wo bleibt das Positive? Man kann fortan jedes Jahr von neuem darüber spekulieren, ob Caravaggios geraubtes Weihnachtsbild wohl bis Weihnachten wieder da sein wird. Und alle, vor die es kommt, wundern sich der Rede.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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