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Tate Modern : Kunst soll verbinden, nicht gekauft werden

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Welche Rolle haben die Kunst, Museen und Künstler in einer sich rasant verändernden Welt? Ein Tag mit Chris Dercon, dem Leiter der Tate Modern in London.

          London, kurz vor zehn, am Mitarbeitereingang des Museums. Gleich wenn man hereinkommt, stößt man auf eine Liste mit „zehn Regeln des besseren Arbeitens“. Dort steht: Beschäftige dich immer nur mit einer Sache. Kenne das Problem. Lerne zuzuhören. Lerne, Fragen zu stellen. Unterscheide Sinn von Unsinn. Akzeptiere Veränderung als etwas Unvermeidliches. Stehe zu Fehlern.Sage es einfach. Sei ruhig. Lächele!

          Chris Dercon lächelt. Er ist ruhig. Er holt sich noch schnell einen Cappuccino und ein Croissant mit Bacon aus der Kantine. Auf dem Weg grüßt er entgegenkommende Mitarbeiter. Es bedrücke ihn, erklärt er, zu wissen, dass ihm an der Spitze einer öffentlich-staatlichen Einrichtung die Hände gebunden seien, was die niedrigen Gehälter der beinahe sechshundert Mitarbeiter betrifft. Viele sind auf Zweit- und Drittjobs angewiesen, während die Preise für Gegenwartskunst durch die Decke schießen. Diejenigen, die diese Werte mitproduzieren, die Mitarbeiter des Museums, können von ihrer Arbeit nicht leben. Die Diskrepanz zwischen immens vermögenden und relativ armen Menschen, die teilweise überdurchschnittlich ausgebildet, aber unterdurchschnittlich bezahlt sind: das störe ihn, erzählt er, vor allem an London. Chris Dercon, 1958 geboren, gilt als einer der international bedeutendsten Kuratoren für Gegenwartskunst. Acht Jahre lang leitete er als Direktor das Haus der Kunst in München, seit zwei Jahren mit der Londoner Tate Modern eines der weltweit wichtigsten Ausstellungshäuser für Gegenwartskunst.

          Durch Nichtwissen entsteht immer mehr dumme Kunst

          Im Sauseschritt geht es in sein Büro im dritten Stock. Vor dem Fenster steht sein riesiger, insgesamt aufgeräumt wirkender Schreibtisch mit einem sagenhaft langsamen Computer, Telefon, einigen Unterlagen, einem gemeinsamen Foto mit Christoph Schlingensief, dem verstorbenen guten Freund. Dercon vertritt die These, dass die Kunst in eine weltweite Wirtschafts-, aber auch Gedankenkrise geraten sei. „Wir sind alle Teil dieser Krise. Heute, in einer Welt von Hochfrequenzhandel und in einer Welt, in der so viele Menschen so viel Geld haben, dass es eigentlich nichts mehr bedeutet, sind die Händler zu Marken geworden. Jeder hat seinen privaten Kunstberater. Und weil die sich nicht auskennen und weil sich die Sammler auch nicht auskennen, entsteht als Kompensation von Nichtwissen immer mehr dumme Kunst. Voilà, das ist meine Theorie.“

          Und was ist das Gegenteil von dummer Kunst? Natürlich die, die etwas mit einem macht, die etwas im Betrachter auslöst. Aber was?

          Kunst, sagt Dercon, separiere, schocke oder polarisiere heute nicht mehr; die Aufgabe der Kunst und damit auch ihre Strahlkraft liege darin begründet, ein Gefühl der Verbundenheit zu bewirken. „In einer immer komplexer werdenden Welt, in der sich niemand mehr wirklich auszukennen vermag, sehnen sich die Menschen nach Zugehörigkeit. Kunst bedeutet heutzutage, eine Form von Verbundenheit zu suchen, von Dazugehörigkeit statt von Besitz.“ Deshalb funktioniere Ai Weiwei so gut. Man müsse seine Werke nicht besitzen oder zu Hause ausstellen, man fühle sich seinen Ideen verbunden. Der Betrachter habe das Gefühl, an Ai Weiweis Leben teilzuhaben. Seine Kunst sei imstande, die eigenen Sichtachsen zu ändern, neue Perspektiven auf die Welt zu gewinnen.

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