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Systemkrise im Kunstmarkt : Als ich mich fand in einem dunklen Walde

  • -Aktualisiert am

Zweistelliger Millionenschaden: Bald beginnt der Prozess im größten deutschen Kunstfälschungsskandal um die angebliche „Sammlung Jägers“. Welche Rolle spielten dabei die Auktionatoren und Gutachter wie Werner Spies?

          Der „Fall Jägers“ ist der größte Kunstfälschungsskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte: Über Jahre hatten der Fälscher Wolfgang Beltracchi, seine Frau und ihre Schwester sowie der Hehler und Pleitier Otto Schulte-Kellinghaus gefälschte Werke in den Kunstmarkt geschleust - mindestens vierzehn vermeintliche Werke von Max Ernst, Heinrich Campendonk, Max Pechstein und Fernand Léger (F.A.Z. vom 19. September 2010), die angeblich aus der Sammlung von Helene Beltracchis Großvater Werner Jägers stammten, aber allesamt Fälschungen waren. In über dreißig Fällen wird nach Angaben der Kölner Staatsanwaltschaft noch ermittelt, der Schaden liegt im mittleren zweistelligen Millionenbereich.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Vertrauen in Auktionshäuser wie Lempertz in Köln, das allein fünf Werke in Umlauf brachte, in Experten und Händler ist erschüttert, die Öffentlichkeit ebenfalls. Auf der Vorderbühne entwickelte sich die klassische Moderne in den letzten Jahren zu einem Erfolgsgaranten, der verlässlich die Publikumsmassen ins Museum zog - auf der Hinterbühne, so zeigt sich jetzt, ist sie dabei auch zu einer enormen Geldmaschine geworden: Die Werke sind offenbar leichter zu fälschen als das Geld, das sich mit ihr machen lässt.

          Jetzt sind die Ermittlungen abgeschlossen, der Prozess beginnt wohl schon Ende des Sommers - und noch immer hängen die Fragen wie Gewitterwolken über dem Kunstmarkt: Wie konnte das passieren? Warum haben alle Kontrollmechanismen versagt? Die Antwort ist einfach: weil es keine gibt. Jedenfalls keine, die den Namen verdienen.

          Bei der Provenienz der Werke grob fahrlässig gehandelt?

          Mittlerweile gilt das Interesse nicht mehr nur den Fälschern, sondern auch ihren Opfern im Kunstmarkt - Opfern, die unfreiwillig und unwissend zu Komplizen des größten Kunstbetrugs aller Zeiten wurden. Da ist Henrik Hanstein, der Chef des Kölner Auktionshauses Lempertz, das neben anderen gefälschten Werken der erfundenen „Sammlung Jägers“ das „Rote Bild mit Pferden“ in den Markt brachte - jenes falsche Campendonk-Gemälde, das den Fall auffliegen ließ. Lempertz hat das Gemälde 2006 für die Rekordsumme von 2,88 Millionen Euro versteigert, Käuferin war ein Unternehmen namens Trasteco. Die juristischen Gegner werfen Hanstein vor, bei der Recherche der Provenienz der Werke grob fahrlässig gehandelt zu haben - was bedeuten würde, dass der Haftungsausschluss des Auktionshauses hinfällig wäre.

          Lempertz hatte vor der Versteigerung des Campendonk-Gemäldes keine Expertise der Autorin des Campendonk-Werkverzeichnisses Andrea Firmenich eingeholt und offensichtlich nicht präzise genug recherchiert, was hinter der ominösen „Sammlung Jägers“ steckt - und das, obwohl das Auktionshaus bereits 1995 ein Gemälde aus der „Sammlung Jägers“, ein angebliches Werk von Hans Purrmann, ablehnen musste, nachdem es von der Familie als Fälschung identifiziert worden war. Nach dieser Vorgeschichte hätte man extrem sorgfältig recherchieren müssen - was nicht geschah.

          Ein ungewöhnliches Blaupigment ließ auf eine Fälschung schließen

          Gegen Lempertz läuft mittlerweile nicht nur ein zivilrechtliches Verfahren, in dem der Käufer des Gemäldes sein Geld zurückverlangt; anders als die Kölner es wiederholt kommuniziert haben, liegt gegen Hanstein nicht bloß eine Strafanzeige wegen Betrugs vor - es läuft, unabhängig vom Verfahren gegen die Fälscher, bereits ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren. Die Staatsanwaltschaft geht also offenbar davon aus, dass der Anfangsverdacht plausibel erscheint. Der Vorwurf lautet, dass Hanstein einen Kunden bewusst getäuscht habe, in dem er ihm belastende Informationen zu einem anderen Werk aus der Sammlung Jägers vorenthielt, dem inzwischen als Fälschung enttarnten Gemälde „Seine-Brücke mit Frachtkähnen“ von Max Pechstein. Dort hatte ein Gutachter ein ungewöhnliches Blaupigment gefunden, dass auf eine Fälschung schließen lassen könnte. Diese Information enthielt Hanstein seinem Kunden vor und behauptete, die Analyse des Pechstein habe ergeben, das Bild sei tadellos.

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