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Synagoge Stommeln : Der Stern hinter den Spiegeln

  • -Aktualisiert am

Santiago Sierra verwandelte vor vier Jahren die Synagoge von Stommeln in eine Gaskammer. Der französische Künstler Daniel Buren geht mit dem Austellungsraum zärtlicher um - er zaubert ein Farbenmeer in das Mahnmal.

          Die kleine Synagoge liegt mitten in der Provinz. An der Hauptstraße von Pulheim-Stommeln. Einige Kilometer entfernt von Köln. Im Hinterhof eines Blumenladens schmiegt sich das Backsteingebäude an die benachbarte Häuserwand. Ein idyllischer Ort. Unübersehbar aber ist das Gebäude markiert und erzählt, was hier einmal geschah. Der Davidstern im Giebel bestimmt die Funktion als jüdisches Gotteshaus. In seinem Innern erinnert jedoch nur noch eine Empore und ein Toraschrein an die Vergangenheit, als hier noch eine sehr übersichtliche, aber lebendige Gemeinde ihren Glauben leben konnte, bevor sie von den Nationalsozialisten ermordet und vertrieben wurde. Der Hallenbau vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts misst nur rund sechs mal sechs Meter.

          Seit 1991 ist dieser Ort schon Mahnmal und Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst. Vor zwanzig Jahren wurde die Idee geboren. Einmal im Jahr wird seither ein Künstler gebeten, sich der Herausforderung zu stellen. Die Liste ist prominent: Carl Andre, Richard Serra oder Georg Baselitz. Für die meisten von ihnen drängte sich die Auseinandersetzung mit dem Davidstern auf. Jannis Kounellis machte den Anfang. Auch Richard Serra nahm das gleichschenklige Dreieck auf, in dem er zwei einander spiegelbildlich zugeordnete Winkel aufstellte. Jeder der beiden Winkel braucht den anderen, um aufrecht zu stehen.

          Der Kitzel erschien vielen reizvoller als das pietätvolle Gedenken

          Mischa Kuball verschloss die Synagoge für die Besucher. Im Innern brannte ein helles Licht, dass durch die Fenster leuchtete. Vor vier Jahren sorgte Santiago Sierra dann für einen Skandal, als er Autoabgase in das Gebäude leitete und die Besucher mit Gasmasken hineingehen ließ. Niemals hätten sie damals damit gerechnet, dass die Leute das Haus wirklich betreten würden, sagt Angelika Schallenberg von der Kulturabteilung in Pulheim heute, sie hätten davor gewarnt. Doch der Kitzel erschien vielen reizvoller als das pietätvolle Gedenken. Eine nicht unerhebliche Lehre und ein neues Erbe, das sich eingeschrieben hat in den Umgang der Künstler nach ihm. Die Büchse der Pandora wurde nicht mehr geöffnet.

          Die Synagoge transportiert nun trotzdem eine neuere Geschichte, sie reicht nicht mehr nur bis 1945; jeder Künstler fügt ihr jedes Jahr einen neuen Mosaikstein hinzu. Real weiter wirken kann in Stommeln jedoch nur ein einziges Werk, nämlich der Beitrag von Max Neuhaus von 2007. Er blieb erhalten, weil sein „Time Piece“ auf dem nahegelegenen Ortsplatz installiert ist: Dort erklingt nun jeden Tag ein dumpfer Brummton im strengen Intervall, erst leise und dann immer lauter, bis er plötzlich abbricht. Die Einteilung entspricht der Zeit zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang in zwölf rituellen Stunden, Zmanim, wie es das jüdische Gesetz es vorsieht. Da sich die Zeitpunkte das Jahr hindurch verschieben, weichen auch die Zeiten, in denen der Ton zu hören ist, von der allgemeinen Uhrzeit ab.

          Den Sinn für die kleinen Eingriffe nicht verloren

          Die Klang-Installation drückt Respekt aus vor den Opfern der Schoa. Diese Achtung ist auch dem französischen Künstler Daniel Buren wichtig. Er ist in diesem Jahr Gast in Stommeln: mit „Multiplikationen“. Buren hebt die Tragödie nicht hervor, indem er der Synagoge etwas hinzufügt, wie zum Beispiel Santiago Sierra, sondern indem er die letzten Spuren markiert: Er hat den Raum durch Spiegelwände an zwei Seiten ins Unendliche anwachsen lassen. Die architektonische Vorgabe der Kirchenfenster mit Davidstern und leuchtend roter Einrahmung reihen sich wie in einer prächtigen, weitläufigen Hallenkirche aneinander. Hinzugefügt hat Buren nur eine formale Wiederholung des Sterns durch Klebefolie.

          Daniel Buren wurde in den sechziger Jahren bekannt durch radikale Setzungen und durch die Befreiung der Kunst aus dem Museum: Gemeinsam mit Olivier Mosset, Michel Parmentier und Niele Toroni reduzierte er die Malerei auf ihre geometrischen Grundstrukturen. Heute ist Daniel Buren schon längst wieder museal geworden. Das Neue Museum in Nürnberg hat ihm im vergangenen Jahr eine große Ausstellung gewidmet, im November folgt eine umfangreiche Retrospektive in Baden-Baden. Doch Buren hat den Sinn für die kleinen Eingriffe nicht verloren.

          Die Streifen fehlen auch in Stommeln nicht

          Seine Sache ist es nicht, sich unmittelbar mit der Schoa zu beschäftigen. Aber er hat das architektonische Erbe erkannt. Der Besucher sieht sich im Spiegel, umgeben von jüdischer Symbolik. In der Tiefe der Spiegelung zeigt sich schließlich die Zerbrechlichkeit dieses so erhaben erscheinenden Moments - dort zersplittern die roten Sterne. Doch wo finden wir seine berühmten Streifen? Sein „visuelles Werkzeug“ bestand seit 1966 aus Streifen, jeweils 8,7 Zentimeter breit, abwechselnd weiß und farbig, also der vertraute Markisenstoff. Jede künstlerische Handschrift wurde vermieden.

          Seine Streifen hat er auch in Stommeln ganz präzise eingesetzt: Die erdbraunen Rahmen der Fenster sind beklebt. Sie unterbrechen die reine Vervielfältigungsmaschine. So markiert er den Spiegeltraum vom Wiedererstarken einer zerstörten Kultur als realer Architektur und schützt sich vor dem Kitschverdacht.

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