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Russische Kulturpolitik : Die Hockeysieger sind Imperialisten

  • -Aktualisiert am

Russland lernt das Spiel der zweiten Geige: Für das Kulturleben beginnen frostige Zeiten, der zuständige Minister schickt Musiker in Fußgängerunterführungen. Das härtet ab und fördert Humor.

          Russlands Immunabwehr arbeitet auf Hochtouren. Präsident Putin tadelte in seiner Rede auf dem Waldai-Forum in Sotschi wieder einmal die verheerende Politik des Westens im Nahen Osten, die statt Demokratie Chaos erzeuge, dessen Bekämpfung immer größere Anstrengungen erfordere. Wenn dieser Westen den Freihandel, von dem er selbst am meisten profitiere, gegenüber Russland einschränke, werde man damit zurechtkommen. Druck von außen konsolidiere die russische Gesellschaft nur, beteuerte Putin.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dass das stimmt, zeigt die Konjunktur russischen Polit-Humors, der sich auf die Pressefrau des amerikanischen Außenministeriums, Jennifer Psaki, eingeschossen hat. Anlass sind Psakis lustige Versprecher wie der vom Gas, das aus Westeuropa nach Russland fließe. Internetdichter wetteifern um das beste ausgedachte Psaki-Zitat, wie dieses: Bei der letzten, für sie siegreichen Eishockey-Weltmeisterschaft hätten die Russen „schrecklich imperialistisch“ gespielt, gar nicht „wie im 21. Jahrhundert“, sondern „wie zu finstersten Sowjetzeiten“. Nichts mobilisiert so viel Endorphine wie Lachen über Amerika. Im Volk verteilt man schon Psaki-Punkte für den Unsinnigkeitsgrad einer Verlautbarung.

          Es gibt allen Grund, sich und anderen Mut zu machen, die Stimmung aufzuhellen. Seit das russische Staatsschiff sein Wendemanöver in Richtung Osten begonnen hat, hagelt es schlechte Nachrichten. Die Preise steigen, Realeinkommen sinken, Sparer plündern ihre Konten. Aus Geldmangel werden in der Hauptstadt Krankenhäuser geschlossen, Schulen zusammengelegt. Besonders niederschmetternd war der Tod von Christophe de Margerie, dem Direktor des französischen Ölkonzerns Total und einem der tatkräftigsten Russland-Freunde, auf dem Rollfeld des Moskauer V.I.P.-Flughafens Wnukowo 3. De Margerie, ein erklärter Gegner des westlichen Sanktionskurses, startete nach einem Treffen mit Regierungschef Medwedjew zur Rückreise, als sein Privatjet mit einem Schneeräumfahrzeug kollidierte, dessen Fahrer offenbar betrunken war.

          Vorzüge der Leibeigenschaft

          Wie Spitzenfunktionäre degenerieren, führte der eigentlich hochgebildete Vorsitzende des russischen Verfassungsgerichts, Waleri Sorkin, vor, als er jüngst öffentlich über die Vorzüge der Leibeigenschaft nachdachte. Kulturminister Medinski beklagt ein Übermaß an russischen Humanwissenschaftlern und sagte den Studenten des Konservatoriums eine Zukunft in Fußgängerunterführungen voraus. Die Bastionen des intelligenten Journalismus müssen büßen. Die „Nowaja Gaseta“ wurde wegen eines Artikels der Publizistin Julia Latynina verwarnt, in dem diese sich über das Gerede vieler Duma-Deputierten von der besonderen russischen Kultur lustig machte, die angeblich dem europäischen Ungeist widerstehe.

          Latynina schrieb, dass auch Hitler einst die schroffe nordisch-germanische Kultur der westeuropäischen Dekadenz entgegenstellte, was die Überwachungsbehörde Roskomnadsor als extremistisch einstufte. Eine zweite Verwarnung bedeutet für die „Nowaja“ die Schließung. Der Radiosender „Echo Moskwy“ wagte es, ein Interview mit dem unter Hausarrest stehenden Korruptionsbekämpfer und Oppositionellen Alexej Nawalnyj zu bringen - obwohl die Behörden davon „abgeraten“ hatten -, und bekam prompt Besuch von Katastrophenministerialbeamten, die in den Redaktionsräumen nach Verstößen gegen die Feuersicherheit fahndeten.

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