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Surrealismus in der Schirn : Kein Hummer für Nadia

  • -Aktualisiert am

Ich habe Fetisch: Frankfurts Schirn zeigt „surreale Dinge“. Zu denen zählten die Surrealisten auch Frauen. Die wehrten sich - mit Kunst. Hundertachtzig Werke von einundfünfzig Künstlern, bekannten und weniger bekannten, sind in der Kunsthalle versammelt.

          Gleich zu Beginn dieser Ausstellung sieht man, zwischen welchen Polen sich die Objektwelten bewegen, um die es hier geht: zwischen Krieg und Fetisch. Auf dadaistische Traditionen des Surrealismus weist „Der wildgewordene Spießer Heartfield“ hin, mit einer erschreckend ausstaffierten „elektromechanischen Tatlin-Plastik“ voll des beißenden Hohns auf den Krieg und seine Folgen - George Grosz und Heartfield zeigten sie im Jahr 1920 auf der Ersten Internationalen Dada-Messe in Berlin. Sie steht für den einen, den politisch-satirischen Surrealismus. Daneben sieht man ein Beispiel für den anderen: eine mechanisierte Maschinenfrau namens „Maniquí“, ein Werk des Künstlers Ángel Ferrant.

          Die Anhänger von Dada und Surrealismus waren sich zunächst in ihrer Ablehnung bourgeoiser Ideale einig, die sie vor allem in Verbindung mit den internationalen Chauvinismen und Kriegsgelüsten irritierten. Doch dann trennten sich ihre Wege. Jetzt sind „Surreale Dinge - Skulpturen und Objekte von Dalí bis Man Ray“ in einer umfangreichen Ausstellung zur Objektkunst des Surrealismus in der Frankfurter Schirn zu sehen, und, wie erwartet, zitieren alle brav den Comte de Lautréamont, der mit dem Bild von drei Objekten den Surrealismus einst auf so unüberbietbare Weise definiert hat - nämlich als die längst sprichwörtliche „zufällige Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Seziertisch“.

          Elastische Abgrenzung

          Überhaupt hat der Surrealismus, kaum dass er einmal als Ismus benannt wurde, eine selbst fast surreal anmutende Vielzahl an Definitionen hervorgebracht, was bei einer Bewegung, die sich dem Nicht-Identifizierbaren, der Verwirrung und Verschiebung von Kategorien verschrieben hatte, einen ja auch erst einmal irritieren kann. Auch der Chefsurrealist André Breton war gern mit Definitionen zur Hand: „Der Surrealismus beruht auf dem Glauben an die höhere Wirklichkeit gewisser, bis heute vernachlässigter Assoziationsformen, an die Allmacht des Traumes, an das zweckfreie Spiel des Gedankens“, schrieb er. „Er zielt darauf hin, die anderen psychischen Mechanismen zu zerstören und ihre Stelle zur Lösung der wichtigsten Lebensprobleme einzunehmen“ - so nachzulesen im Ersten Surrealistischen Manifest von 1924. Sein zweckfreies Spiel des Gedankens galt jedoch nicht nur der Philosophie und Psychoanalyse, sondern bald auch der bildenden Kunst.

          Im Jahr darauf hatte er offenbar sehnsuchtsvoll über „Objekte, denen man nur im Traum begegnet“, gesprochen. Und 1936 hatte er sich in den „Cahiers d'Art“ intensiv mit der Bedeutung des Objektbegriffs für die surrealistische Theorie beschäftigt. Als surrealistische Objekte bezeichnete er damals in elastischster Zeitrechnung und noch elastischerer Abgrenzung auch Marcel Duchamps „Ready mades“ von 1913 oder Picassos Absinthglas von 1916, aber auch Man Rays mit Nägeln besetztes, charmant und irreführend „Cadeau“ (Geschenk) genanntes Bügeleisen aus dem Jahr 1922. Überhaupt galt Man Ray, dessen geheimnisvolle Fotografie „L'énigme d'Isidore Ducasse“ womöglich eine verhüllte Nähmaschine zeigte, genau wie Marcel Duchamp als ein Vorläufer und später als bedeutender Protagonist des Surrealismus.

          Ziemlich stämmige Damenbeine

          Aber warum jetzt noch mal Surrealismus in einer Ausstellung? Was erkennt man hier Neues? Die Schau surrealistischer Objekte in der Schirn, die hier mit roten Samttapeten und schwarzen Möbeln prunkvoll inszeniert ist, hat natürlich diverse Vorgängerinnen. Bekannt wurde vor allem die Schau in der Pariser Galerie Ratton im Jahr 1936, die allerdings - da leider weitgehend unbeachtet von Publikum und Presse - ein ziemlich trübseliges Ereignis gewesen sein muss. Sehr viel munterer hingegen muss es bei der spektakulären „Exposition internationale du surréalisme“ in der renommierten Galerie Georges Wildenstein des Beaux Arts in Paris zugegangen sein. Fast vierzig surrealistische Objekte waren dort zu sehen sowie sechzehn von Künstlern kunstvoll gestaltete Schaufensterpuppen, die im Eingangskorridor nebeneinander aufgereiht standen - jede unter einem anderen beziehungsreichen Straßenschild: Sechzehn Mannequins als „Inbegriff surrealistischer Objekte“, die hier jetzt aber leider nur noch auf Fotografien zu sehen sind. Dass Frauen von den fast ausschließlich männlichen Surrealisten gern den Objekten zugeschlagen wurden, störte damals keinen und tut es heute offenbar auch nicht weiter.

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