https://www.faz.net/-gsa-8ymrg

Documenta in Kassel : Ein tiefsitzendes Unbehagen an der Kunst

Die Documenta 14 will, dass wir alles verlernen, was wir von Kunst erwarten. Aber was bietet sie in ihren Räumen stattdessen an?

          Welche Art von Betrachter entwirft diese Documenta? Seit den Weltausstellungen des neunzehnten Jahrhunderts organisieren die großen Publikumsschauen ja nicht nur Exponate, sondern auch Menschen. Damals übte sich im Anblick der Errungenschaften der Kolonialreiche (und der archaischen Rückständigkeit der Kolonisierten) der lernwillige, mündige, sich selbst verwaltende moderne Bürger; ein Modell, in dessen Tradition seit 1955 auch die Documenta als Instrument kollektiver Umerziehung nach dem Nationalsozialismus stand. Dieser Documenta dagegen, die einen Schlussstrich unter jeden Universalismus ziehen möchte, hat ihr künstlerischer Leiter das postkoloniale Modewort des unlearning vorangestellt. „Die beste Art, sich der Ausstellung zu nähern, ist, zu verlernen, was wir glauben zu wissen“, empfiehlt Adam Szymczyk. Nur so könne man „wieder“ zum politischen Subjekt werden. So viel vorweg: Verlernen ist noch schlimmer als Lernen.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der ideale Betrachter dieser Documenta ist also radikal bereit, von sich selbst abzusehen. Er ist unendlich füll- und dehnbar, er öffnet sich der Kunst mit allen Sinnen, wie ein Konzertbesucher. Er verlernt dank der von Banu Cennetoglu neu gesetzten Giebelaufschrift des Fridericianums „beingsafeisscary“ sein Sicherheitsbedürfnis (was wäre die Konsequenz: Unsicherheit für alle?). Er ist in der Lage, sich zu teilen und in zwei Städten zugleich zu sein oder zumindest den bis Ende Juni eigens zweimal wöchentlich angebotenen Direktflug zwischen Athen und Kassel wahrzunehmen. Vor allem aber ist er bereit, sich von mitgebrachten Erwartungen an eine Kunstausstellung zu verabschieden.

          Denn dieser Schau genügt es nicht, die Krise der Demokratien unter der Diktatur der Finanzindustrie auszurufen. Sie kündet auch – und damit ist sie zumindest interessanter als die sich naiv affirmativ auf bestehende Konzepte von Werk und Künstler zurückziehende Venedig-Biennale – von einem tiefsitzenden Unbehagen an der Kunst.

          Dieses Unbehagen zeigt sich in der deutlichen Abkehr von am Markt erfolgreichen Positionen. Und in der Hinwendung zu Werken aus nichtmodernen Traditionen, etwa den Masken des Künstlers Beau Dick vom Volk Kwakwaka’wakw, die für ihre Benutzer Wesen nicht nur darstellen, sondern auch sein können – und deshalb, falls die eine oder andere für eine Zeremonie gebraucht wird, zurück nach Kanada geschickt werden, wie in Athen bereits geschehen. Sind sie dort pathetisch im Kreis angeordnet, so bilden ihre Verwandten am Eingang der Documenta-Halle eine subtilere Passage. Hier, in der Documenta-Halle, zeigt sich eine Einzigartigkeit dieser Ausstellung, nämlich der durch die Spaltung in zwei Standorte gewonnene Nachbild-Effekt. Es ist, als träfe man alte Bekannte: Die neunundsechzigjährige Chilenin Cecilia Vicuña lässt wieder Tentakeln aus roter Wolle von der Decke fallen. Die Wolle der Schafherde, die Aboubakar Fofana in Athen mit Indigo gefärbt hatte, hängt jetzt, zu Tüchern gewebt, von der Decke und erinnert an die Rebellion der Indigo-Bauern 1859 im britisch besetzten Bengalen. Zeigt der mexikanische Komponist Guillermo Galindo in Athen kleinere, aus Sperrmüll eines Kasseler Flüchtlingsheims gebaute Musikinstrumente, so ragen hier die Buge zweier auf Lesbos gefundener Flüchtlingsbootswracks hoch auf, mit Klaviersaiten und einem zur Trommel umgebauten Rettungsreifen. Und die Posen antiker Statuen, die das Duo Prinz Gholam in seinen Performances im Olympieion und im Panathinaiko-Stadion einnahm, finden sich an gleich zwei Stellen des Gebäudes in Videos wieder – das ist, in der entortenden Verschränkung von Körper, Bild und Architektur, eine der wenigen gelungenen Hängungen.

          Über fünfunddreißig Orte in der Stadt verteilt sich die Ausstellung, von Leo von Klenzes Ballhaus auf der Wilhelmshöhe bis zum neu renovierten Stadtmuseum. Passend zum zentralen Thema der Flucht wurde mit dem alten Hauptpostamt und den Glaspavillons an der Kurt-Schumacher-Straße die migrantisch geprägte Nordstadt erschlossen. Neben den Büros der Diakonie für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge trifft man hier auf banalste Beispiele möchtegernpolitischer Konzeptkunst. Dan Peterman hat in einer Duisburger Fabrik, die auf das Recyclen von Stahlstaub spezialisiert ist, achtzig Tonnen Stahlbarren bestellt und diese hier und an anderen Ausstellungsorten abladen lassen, wo sie nun liegen wie der Altschrott einer wohlfeilen Referenzkunst, die Gleiches mit Gleichem aufwiegt und nichts sagt. Zur Monströsität wächst diese sich in der Installation Theo Eshetus aus, der die Masken auf einem riesigen Banner der auf den Einzug ins Humboldt Forum wartenden Ethnologischen Museen Dahlem mit Porträts überblendet und mit dräuenden Klängen und Zitaten etwa von Hannah Arendt den Raum autoritärst in die Zange nimmt. Unentschuldbar in einer Schau, die sonst im Ausstellen von Partituren und Choreographien aus den siebziger Jahren auf Musikalität und Stille setzt.

          Weitere Themen

          Muss das weg?

          Koloniale Raubkunst : Muss das weg?

          Soll man die ethnologischen Museen räumen? Was ist da drin? Und wo schickt man die Stücke hin? Antworten auf wichtige Fragen zur Restitutionsdebatte.

          CDU debattiert über Grundrente Video-Seite öffnen

          Mit Blick auf Landtagswahlen : CDU debattiert über Grundrente

          Das Thema stehe auf der Prioritätenliste der Regierungsparteien weit oben. Hintergrund ist die Vermutung, dass die AfD in den Landtagswahlen das Thema mit dem Vorwurf einer Benachteiligung von Rentnerinnen und Rentnern im Osten nach oben ziehen will.

          Topmeldungen

          Nach dem Mord an Boris Nemzow : Propaganda auf Moskauer Art

          Sie war die Freundin des russischen Oppositionellen Boris Nemzow und ging neben ihm, als er im Februar 2015 nahe dem Kreml ermordet wurde. Russische Medien wie der Sender NTW setzen Anna Durizkaja nach, auf unfassbare Weise.

          CSU : Jetzt muss Söder allein klarkommen

          Auch am Tag des Übergangs kommen Seehofer und Söder nicht ohne Spitzen gegeneinander aus. In Zukunft muss Söder allein für den Unterhaltungswert sorgen – und für die bundespolitische Relevanz der CSU.
          Souveränes Spiel gegen Freiburg: Die Frankfurter Profis kamen zu einem ungefährdeten Erfolg.

          Frankfurts 3:1 gegen Freiburg : Die Eintracht rollt weiter

          Nach zwei Dämpfern vor dem Jahreswechsel knüpft die Eintracht nun wieder an die überwiegend guten Leistungen in der Bundesliga-Hinrunde an. Gegen Freiburg kommt Frankfurt zu einem souveränen Erfolg.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.