https://www.faz.net/-gsa-8ymd1

Kunstausstellung in Kassel : Monumenta statt Documenta

Ein Mann geht in Kassel am bepflanzten Kunstwerk „The Living Pyramid“ der Künstlerin Agnes Denes vorbei.

Am Montag vor der Eröffnung kam Cecilia Vicuna, die chilenische Dichterin und Künstlerin, die in Kassel wie in Athen ihre riesigen roten Stoffknotenkunstwerke zeigt, und gab eine kleine Vorstellung, sang ein paar Lieder und erzählte den Studenten, die an den Pavillons bauen, von den Dünen und der wünschenswerten Versandung des Lebens, ein paar Ciudadanos luden zu einem Assoziationsspiel ein, weiter hinten diskutierte ein Ingenieur über das, was Ciudad Abierto auch ausmacht, nämlich über ressourcen- und umweltschonendes Bauen, und so sah das Ganze in seiner beiläufigen Leichtigkeit auf einmal viel zukünftiger und gegenweltlicher und damit politischer aus als die angestrengte Bebilderung bekannter politischer Missstände nebenan.

Letztendlich muss man auch die Orte, die die Kuratoren auswählten, selbst als Skulpturen und als politische Statements sehen: In Athen waren es die öffentlichen Kulturinstitutionen, die aufgrund der Austeritätspolitik von der Schließung bedroht oder nie geöffnet waren, in Kassel sind es Orte wie das ehemalige Briefverteilungszentrum, ein brutalistischer Riesenbau aus den siebziger Jahren, in dem sich das ganze Selbstbewusstsein und der Organisationsstolz der alten Bundesrepublik abbildet. Man kann die Wahl dieses Orts nostalgisch finden – oder als ein politisches Statement lesen gegen die Privatisierung und Erosion öffentlicher Infrastruktur, schließlich war die Deutsche Bundespost einmal ein staatseigenes Unternehmen und größter Arbeitgeber der Bundesrepublik - bis mit ihrer Privatisierung 1994 ihr Niedergang begann.

Nicht immer kann die Kunst mit den Orten mithalten, und je banaler das Werk, desto mehr geben die Katalogschreiber Gas: Agnes Denes’ bepflanzte Pyramide „ist eine soziale Struktur – sozial, weil das gepflanzte Material Vorstellungen von Evolution und Regeneration vermittelt; die Arbeit fördert außerdem eine Mikrogesellschaft aus Menschen, die sich um Bepflanzung und laufende Pflege kümmern.“ So klingt es, wenn in der Kunstwelt zwei Leute Blumen gießen.

Die Kunst, für die sich die Documenta-Macher interessieren, scheint immer schwerer aus ihrem lokalen Kontext herauszulösen zu sein. So gesehen war es eine wichtige Leistung und konsequent, die Documenta nach Athen zu verlagern. Viele Werke in Kassel, die man auf der hervorragenden Website einsehen kann, sind Verweise auf einen anderen Ort, an denen die Kunst eigentlich stattfindet oder stattfand – Ciudad Abierta etwa, und auch der „Parthenon der Bücher“ hatte bei aller formaler Schönheit 1983 in Buenos Aires eine andere Dringlichkeit. Die etwas poesiealbenhafte Weisheit „Being safe is scary“, die über dem Eingang des Fridericianums montiert wurde, drückt so gesehen vielleicht auch die Angst der Documenta-Macher aus, dass die Kunst vielleicht gerade etwas ganz anderes als die Sicherheit einer etablierten Großausstellung in einer mittelgroßen deutschen Stadt brauchen könnte.

Weitere Themen

Filmkomponist Ennio Morricone verstorben Video-Seite öffnen

Spiel mir das Lied vom Tod : Filmkomponist Ennio Morricone verstorben

Die italienische Filmmusik-Legende Ennio Morricone ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren in einer Klinik in Rom. Morricone gilt als einer der größten Komponisten der Filmgeschichte. Berühmt wurde er unter anderem mit Titelmelodien den Kultfilm „Spiel mir das Lied vom Tod“.

Humorist und  Moralist

Thomas Gsella : Humorist und Moralist

Thomas Gsella lebt vom Dichten. Er empört sich in Reimen. Lehrer ist er nicht geworden, aber einen pädagogischen Hang zur Weltverbesserung hat er noch immer.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.