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Kunstausstellung in Kassel : Monumenta statt Documenta

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Es sind dann gar nicht einmal die großen, sondern die fast unsichtbaren Eingriffe, die die Stadt zu einem Gesamtkunstwerk im Sinne der Situationisten machen, die das ganze öffentliche Leben mit Kunst durchwirken, überformen und auseinandernehmen wollten: Selten wurde auf einer Documenta so massiv die Beschränkung aufs Visuelle kritisiert. Überall flüstert, pocht, zirpt, klingt etwas, in Kassel dringt ein Flüstern aus einem alten Opel, ein Werk von Pope L.. Es ist, als hätte man plötzlich Stimmen im Kopf, eine akustische Halluzination: Die Stadt spricht zu Dir, alles wirkt verzaubert.

Viele der großen Skulpturen fallen allerdings vor allem dadurch auf, dass sie eine sehr simple Idee mit ungeheurem Materialaufwand illustrieren. Vor der Orangerie hat Antonio Vega Macotelas eine große, so genannte „Blutmühle“ aufgebaut – eine technisch perfekte Rekonstruktion der Mühlen, die die spanischen Kolonialherren errichten und die von indigenen Sklaven betrieben werden mussten. Mit der Mühle in Kassel kann man kleine Silbermünzen prägen – ein sehr aufwendiges Bild für die bekannte Tatsache, dass Wohlstand der Kolonisatoren aus den Körpern der indigenen Bevölkerung gewonnen wurde. So interessant es ist, wie bei dieser Documenta versucht wird, die Kunstgeschichte um außereuropäische, indigene und übersehene Künstler zu ergänzen und gleichzeitig auf Themen wie Migration und den Körper in der marktökonomisch rationalisierten Welt zu reagieren, so entnervend ist oft die Art, wie da Künstler mit einem enormen, manufactumhaften Aufwand politische Allgemeinplätze illustrieren.

Und umso spannender ist es, wie nicht weit von der Blutmühle, in den Auen eine andere Idee von politischer Kunst vorgeführt wird, die sich nicht auf Symbolbilder beschränkt. Politiká bezeichnete im antiken Griechenland ja alle Fragestellungen, die die Polis betrafen, heißt also wörtlich „Dinge, die die Stadt betreffen“ – und vielleicht ist es kein Zufall, dass die Politisierung der Kunst, die sich die Kuratoren erhoffen, am ehesten in einer kleinen Stadt stattfinden: Mitten im Park baut das chilenische Kollektiv Ciudad Abierto den „Pavilion of Hospitality“, der das Motiv der Gastfreundschaft aufgreift. Ciudad Abierto ist eine kleine Idealstadt im Norden von Valparaiso, die 1971 in den menschenleeren Dünen am Pazifik von einer Gruppe von Künstlern, Poeten und Architekten errichtet wurde. Ciudad Abierto, die offene Stadt, besteht aus improvisierten Gebäuden und sollte schon damals ein Gegenmodell zur euro-amerikanischen Stadt und dem Leben darin sein. Beeinflusst von dem Poeten Godofredo Iommi und dem Avantgarde-Maler Joaquín Torres García, aber auch vom Improvisationstheoretiker Yona Friedman bauten die Bewohner dort temporäre Pavillons und feste Häuser, statt Straßen gab es Dünen, in denen man liegen und sitzen konnte und die so auch die Möbel ersetzten – Theateraufführungen finden am Fuß einer Düne statt, die als Auditorium dient. In Europa war diese Utopie einer offenen, improvisierten Stadt, einer Kommune ohne die ideologischen und rituellen Zwänge einer Kommune, kaum bekannt, bis der Kurator Dieter Roelstraete sie zur Documenta brachte. Dort bauen sie eine Art Manifestbau – da werden Tische gezimmert und leichte Stoffbahnen zu zauberhaften Labyrinthdächern zwischen die Bäume gespannt, es gibt Diskussionen und gemeinsame Poesievorlesungen, und es ist auf einmal viel besser zu verstehen, was die Erfindung von Formen und Räumen mit Politik zu tun hat: Die Kunst beschränkt sich hier nicht auf Symbolproduktion, sondern schafft Räume, in denen man ganze Tage verbringen kann, eine Idealwelt, in der an langen Tischen vorgetragen, diskutiert und gefeiert, in Nischen, unter luftigen Dächern, auf Bäumen geschlafen, an Bühnen und Häusern gebaut wird, in denen das Verhältnis von Arbeit und Wohnen, Bildung und freier Zeit ganz anders organisiert ist als in allen Städten und Orten, die wir kennen. Ist der Gang aufs Land immer ein depressiver oder eskapistischer Rückzug aus der städtischen Zivilisation, oder kann auf dem Land ein Gegenmodell entwickelt werden, das dann auch in die Städte abstrahlt? Das ist eine der Fragen, die Ciudad Abierta stellt.

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