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Auschwitz-Vergleich in Kassel : Relativierung? Oder doch nur grob assoziiert?

  • -Aktualisiert am

Die Performance soll am Donnerstag im Kasseler Fridericianum stattfinden, wo zur Documenta die Botschaft „Being safe is scary“ auf der Fassade steht. Bild: dpa/Uwe Zucchi

Er ist wieder da, der Holocaust-Vergleich: Schon die Ankündigung der Performance „Auschwitz on the Beach“ bei der Documenta löst heftigen Streit aus. Was wollen die Initiatoren damit bezwecken?

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          Auch ohne den Ableger in Athen mitzuzählen, zeichnet sich bei der noch bis zum 17. September geöffneten Documenta in Kassel wieder ein Besucherrekord ab. Dass die fast durchweg negativen Kritiken niemanden vom Besuch abhalten, lässt auf einen gesellschaftlichen Konsens schließen: Was auf der Documenta passiert, ob gut, ob schlecht, ist in jedem Falle wichtig. Das zeigt auch die Empörung über die Ankündigung einer Performance, die sich am kommenden Donnerstag im Fridericianum der europäischen Flüchtlingspolitik widmen möchte. Ihr Titel: „Auschwitz on the Beach“. In ihren Ämtern als Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und als Beauftragte für Holocaust-Gedenken des World Jewish Congress forderte Charlotte Knobloch am Freitagabend die Absage: „Was hier geplant ist, ist eine groteske Inszenierung.“

          Nun kann das Frau Knobloch noch nicht wissen, ist doch bislang nur die Ankündigung bekannt. Darin heißt es, die Performance basiere auf einem Gedicht des italienischen Philosophen und Schriftstellers Franco Berardi, auf einem Soundtrack von dessen Bruder Fabio Stefano Berardi und auf einer Bildinstallation des brasilianischen, in Bologna lebenden Künstlers Dim Sampaio, der schöne abstrakte Bilder in Spritztechnik herstellt. Auch der Ankündigungstext stammt von Berardi, in den siebziger Jahren Vordenker der Autonomen in Bologna, heute gerngeladener Gast auf Podien der Kunstszene: „Auf ihren eigenen Territorien errichten die Europäer Konzentrationslager“, steht da, „und bezahlen ihre Gauleiter in der Türkei, Libyen und Ägypten dafür, die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeeres zu erledigen, wo Salzwasser mittlerweile das Zyklon B ersetzt hat.“

          „Um unser Gewissen zu wecken“

          Er ist wieder da, der Holocaust-Vergleich. Den Beteiligten ist sicher bewusst, dass man das in Deutschland, wie man so sagt, nicht machen kann. Man darf es aber machen. Nur stellt sich dann die Frage, was man damit erreichen möchte, außer noch so hehre Anliegen unter der absehbaren Reiz-Reaktions-Kette zu begraben. Als Erster bezeichnete Martin Sehmisch von der Informationsstelle Antisemitismus Kassel die Ankündigung in der „Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen“ (HNA) als „politisch-moralische Bankrotterklärung der Verantwortlichen“. Und Charlotte Knobloch schreibt in ihrer Mitteilung: „Die Flüchtlingsthematik mit Termini aus dem Kontext der systematischen nationalsozialistischen Judenvernichtung zu beschreiben (...) ist unhaltbar, zeugt von unsäglichem Unwissen und entbehrt jeglichen Schamgefühls. Der Holocaust (...) ist ein singuläres, präzedenzloses Verbrechen. Jede Relativierung oder Leugnung verbietet sich.“

          Da würden wahrscheinlich auch die Initiatoren zustimmen. Weder Relativierung noch Leugnung dürfte ihre Absicht sein. Der für das Veranstaltungsprogramm zuständige Kurator Paul B. Preciado relativiert in der HNA den Vergleich mit den Worten, Berardi nutze „das unberührbare Wort Auschwitz, um unser Gewissen zu wecken“.

          Ein Gespenst philosophischer Abstraktion

          „Ich habe lange gezögert, diese Worte zu schreiben, denn ich bin mir bewusst, dass der Name von Auschwitz nicht sinnlos vergeudet werden darf“, rechtfertigt sich Berardi selbst. „Am Ende entschied ich, dass wir sagen müssen, was wir sehen: Das Unmenschliche ist zurück.“

          Unmenschliches waltet tatsächlich am Mittelmeer. „Das Unmenschliche“ aber ist ein Gespenst philosophischer Abstraktion, das niemandem hilft, der aufgrund präziser Analyse eine Änderung realer Politik herbeiführen möchte. Soweit zur Ankündigung. Die erste der drei Aufführungen am Donnerstag um 20 Uhr wird per Livestream übertragen. Vom Komponisten Philip Glass, auf dessen 1976 uraufgeführte Oper „Einstein on the Beach“ in ähnlich grober Assoziation Bezug genommen wird, sind noch keine Beschwerden bekannt.

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