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Südseekunst in Dahlem : Der Mann mit dem Tropenhelm

Was hier zu sehen ist, erzählt mehr über die Begegnung der Kulturen als manche umlärmte Großausstellung: Das Ethnologische Museum in Berlin-Dahlem zeigt die großartige Ausstellung „Neuirland - Kunst der Südsee“. Von Niklas Maak.

          5 Min.

          Neumecklenburg. Darauf muss man erst mal kommen, eine Südseeinsel mit Urwäldern, Strohhütten und weiten Stränden so zu nennen. Nicht weniger eigenartig als den Namen fanden die Einwohner der Insel anscheinend auch die Deutschen, die 1885 das heutige Neuirland zum Teil der deutschen Kolonie Deutsch-Neu-Guinea erklärten die Insel auf den Namen Neumecklenburg tauften.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Und mit der gleichen Präzision, mit der die Deutschen dort Zeichnungen und Fotografien der melanesischen Dörfer und ihrer Bewohner anfertigten, stellten die Insulaner Bilder und Skulpturen von den Neuankömmlingen her, Werke, in denen die angereisten Europäer mit all ihren Eigentümlichkeiten vor Augen treten: Wie sie auf kurzbeinigen Pferden einherreiten, steif und langnasig im Sattel sitzen, ganz weiß gekleidet, mit einem überdimensionierten Tropenhelm auf dem Kopf. Ethnologie ist offensichtlich keine Einbahnstraße, auf jeden Fall gab es auch einen umgekehrten Weg künstlerischer Rezeption.

          Auf Neuirland konnte er das nicht gesehen haben

          Auf das heutige Auge wirkt diese Skulptur, die in der Ausstellung „Neuirland - Kunst der Südsee“ zu sehen ist, wie eine Karikatur. Der Künstler musste den Europäer mit seinem Pferd bei einem Aufenthalt auf der Gazelle-Halbinsel gesehen und dann aus der Erinnerung nachgebildet haben, da Pferde erst 1902 nach Neuirland eingeführt wurden, die Skulptur aber schon 1898 nach Ungarn kam, wo sie heute im Néprajzi-Museum gezeigt wird. Die Südsee war eines der frühen Forschungsobjekte der Ethnologie - aber das, was viele in ihr sahen, waren eher europäische Wunschprojektionen. Vor allem hat die Vorstellung, auf diesen Inseln „ursprüngliche“, kulturell abgeschlossene, stagnierende Völker zu finden, die keinerlei Außeneinflüssen ausgesetzt waren, wenig mit der Realität zu tun.

          Die Bewohner Neuirlands konnten navigieren, es gab einen regen Handelsaustausch zwischen den melanesischen Stämmen, die untereinander, das zeigt der hervorragende Katalog der Schau, sogar mit kulturellen Praktiken handelten: So habe der Geheimbund der Tubuan nicht nur seine Masken, sondern auch die dazugehörigen Rituale an den Tolai-Stamm in Neubritannien verkauft. Auch die Kipang-Aufführung - ein Maskenereignis, das die Geschichte des kleinwüchsigen, weißhäutigen Kipang erzählt, der noch keine Sprache hatte, in Höhlen schlief und nur grunzen konnte - wurde von umherziehenden Gruppen an die Bewohner der Dörfer, in denen sie auftraten, verkauft und breitete sich so aus.

          Feiern des Auftauchens und Verschwindens

          Für solche Aufführungen wurden die berühmten Masken hergestellt, die in europäischen Museen meistens nur als isolierte Skulpturen gezeigt werden, was ein Missverständnis ihrer Funktion ist. Masken waren Teil von rituellen Auftritten; aus dem Kontext gerissen, erzählen sie so wenig wie die Requisiten über das Theaterstück. In der Ausstellung werden deshalb auch Filme gezeigt, die einen Eindruck von den Malagan-Ritualen geben: Tänzer mit Federn, Muscheln, Blättern und Pelzen dekoriert; der Klang der Livikas, der Streichtrommeln, Muschelhörner und der Schwirrhölzer; dann die Masken, deren Augen aus den Verschlussdeckeln einer Schnecke hergestellt wurden und starr schimmernd zu schauen scheinen - all das ist Teil der Malagan-Rituale, in denen mit geheimnisvollen Effekten Auftauchen und Verschwinden nachgespielt wird.

          Malaganrituale sind Totengedenkfeiern. Die Zeremonie beginnt damit, dass sämtliche Spuren des Verstorbenen getilgt werden - die Früchte, die er sammelte, werden aufgegessen, seine Hütte verbrannt. Dann wird ein Bildnis hergestellt. Diese Malaganfiguren sind Traumbilder: Sie zeigen Wesen, die dem Malagan-Schnitzer zwischen Schlaf und Wachsein erscheinen. Die fertigen Bilder werden in Schauhütten ausgestellt, gelten als belebt und werden wie lebende Personen behandelt und versorgt. Später werden die Bilder dem Tod übergeben; erst dann gilt der Verstorbene auch als tot.

          Schnell wurde für frühe Touristen produziert

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