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Kunst und Jazz : Wenn der gelbe Klang errötet

  • -Aktualisiert am

Hat Jackson Pollock den Bebop gemalt, oder Miles Davis den Expressionismus vertont? Wie die Moderne zum Jazz kam, zeigt eine Stuttgarter Ausstellung in Bild und Klang.

          Was wippt die Frau da so komisch mit dem Fuß? Tanzen in der Kunstausstellung, wo gibt es denn so etwas? Vielleicht ist es auch nur ein nervöses Zucken. Sieht aber irgendwie gut aus, kann man das auch haben? Also schnell mal das Gerät auf das Schallplattensymbol an der Wand halten, so wie es alle machen, die hier mit Kopfhörern durchlaufen und merkwürdig euphorisch aussehen. Klong! Die Synapsen sind verschaltet. Da knackselt es, dann legt cremiges Tanzorchester los, und Artie Shaw spielt „Begin the Beguine“.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist ein Lied, geschrieben von Cole Porter 1935 – aber es ist auch ein Bild, gemalt von Max Beckmann 1946. Wenn Shaw seine Klarinette am Ende wie eine Krankenwagensirene klingen lässt, ist das Jazz. Wenn Beckmann einen Tänzer mit Holzbein und seine Partnerin über eine am Boden sitzende Frau mit abgetrennten Händen tanzen lässt, während im Hintergrund verrückte Pelikane zuschauen, ist das auch Jazz?

          Vieles spricht dafür. Bis ins achtzehnte Jahrhundert zurück reichen die Ideen für ein „Farbklavier“; mit Wassily Kandinskys Experimentalstück „Der gelbe Klang“, das 1912 im Almanach des „Blauen Reiter“ erschien, war in der Moderne das Zeitalter der Synästhesie eingeläutet. Hat Jackson Pollock den Bebop gemalt, oder hat Miles Davis den Expressionismus vertont? Wie sehr der Jazz ganz verschiedene Kunstformen bis heute durchdringt und vereint, kann man nun in einer außergewöhnlichen Ausstellung sehen.

          Die Schau „I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920“, mit der das Kunstmuseum Stuttgart zehnjähriges Bestehen feiert, wirkt wie eine tollkühne Improvisation über ein hauseigenes Thema. Denn das Hauptwerk der einstmaligen Galerie der Stadt Stuttgart, aus der 2005 das Kunstmuseum im imposanten Glaskubusbau am Kleinen Schlossplatz wurde, ist ja selbst Jazz: Otto Dix’ Triptychon „Großstadt“ (1927/28), das nun im Erdgeschoss zu bestaunen ist, würde allein schon den Besuch rechtfertigen. Das Bild mit seiner schwindelerregenden Verbindung aus Dix-typischer Darstellung von Kriegsversehrten und Prostituierten mit swingtanzender Großstadteleganz, die einerseits neusachlich, andererseits wie ein nach Freudscher Logik verschobener und verdichteter Traum in exotischen Farben wirkt, ist fast ein Museum für sich. Das erst detailgetreu und dann doch plötzlich wachsend wirkende Bariton-Saxophon, die jäh sich spreizende Charleston-Grätsche der rückenfreien Tänzerin, die das Bild fast schon zum Film werden lässt, der mit Wahnsinnserotik gefüllte Pelzmantel der Frau auf der rechten Seite schließlich, gegen den jedes Werk von Georgia O’Keeffe harmlos wirkt: Über dieses Dix-Bild allein könnte man ein Seminar abhalten.

          Hart am Kitsch vorbeigesegelt

          Die Improvisation der Jazz-Ausstellung besteht aus 138 Leihgaben aus aller Welt. Sie erzeugt in triftiger Chronologie beeindruckende Korrespondenzen zwischen Weltkünstlern und weniger bekannten. Da antwortet auf Dix etwa die „Jazztänzerin“ (1929) der jüdischen Malerin Lotte B. Prechner, die bald wie viele andere in Stuttgart gezeigte Künstler den Nationalsozialisten als „entartet“ galt. Da zieht einen Jackson Pollocks Kleckerbild „Reflection of the Big Dipper“ (1947) genauso in Bann wie Romare Beardens Collage „The Savoy“ (1975) oder Ernie Barnes’ „Late Night DJ“ (1980), der eine schwarze Frau im roten Kleid beim Auflegen einer Vinylplatte in einer hart am Kitsch vorbeigesegelten Szene aus den goldenen Tagen des Radios zeigt.

          Ein besonderer Raum ist der Sängerin und Tänzerin Josephine Baker gewidmet, deren legendäre Auftritte im Bananen-Rock eine Reihe von zeitgenössischen Künstlern inspirierte (hier sieht man eine ganze Mappe des französischen Plakatgraphikers Paul Colin mit dem Titel „Le tumulte noir“ aus dem Jahr 1929). Die Herausforderung, welche die früher auch als „Hottentotten-Venus“ bezeichnete Josephine Baker insbesondere für feministische Kritik darstellt, spiegelt sich aber auch in aktueller Kunst wie Kara Walkers Scherenschnitt „Consume“ von 1998.

          In einer ganzen Etage wird die Verbindung von Jazz und afroamerikanischem Befreiungskampf verfolgt. Besonders hier zeigt sich, wie gut die Verzahnung von Musik und Kunst gelungen ist: wenn man etwa die „Fables of Faubus“ von Charles Mingus hört und dabei Rose Pipers feinnerviges Bild „The Death of Bessie Smith“ betrachtet, oder vor Joe Overstreets Gemälde „Strange Fruit“ steht und dabei das gleichnamige Lied von Billie Holiday hört. Dem Kuratorenteam aus Ulrike Groos, Sven Beckstette und Markus Müller, das im Katalog auch sehr lesenswerte Hintergrundaufsätze liefert, ist mit dieser Schau ein Gesamtkunstwerk gelungen, das im Kubusbau glänzend zur Geltung kommt und oft fast zur Synekstase führt. Wenn man sich gut positioniert, kann man gleichzeitig mit Josephine Baker tanzen, sich von Andy Warhols doppeltem Elvis erschießen lassen und mit „Eurydice“ von Weather Report im Ohr sterben.

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