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© Foto Herzog & de Meuron

Was machen wir mit der Stadt

Von NIKLAS MAAK

03.10.2016 · Herzog & de Meuron sollen auf Berlins Kulturforum ein neues Museum bauen. Doch jetzt gibt es Streit: Was sollen Städte bieten, wie leben wir, in welchen Räumen treffen wir uns?

Es war vor ein paar Wochen, spätabends am Potsdamer Platz in Berlin: Die Einkaufspassage auf dem Daimler-Areal lag wie ein toter Wal in der Dunkelheit, im Sony-Center funzelte ein unheilvolles Licht, und dann tauchte an der Fassade der „Mall of Berlin“, dem Shoppingcenter am Leipziger Platz, erst das Gesicht von Adolf Hitler und dann das von Erich Honecker auf. Die Fassade wurde auf Anregung des Shopping-Center-Investors Harald Huth mit einer Diashow zur Geschichte Berlins bespielt: kein schöner Anblick. Aber es war sowieso niemand da, der es hätte sehen können. Das einzige Zeichen von echtem Leben war ein tiefergelegter Honda, in dem zwei kahlrasierte Männer saßen. Der Wagen stoppte kurz und raste dann unter den Augen von Erich Honecker Richtung Osten.

© Google Earth, F.A.Z. Auf der Fläche des Kulturforums an der Matthäuskirche zwischen Neuer Nationalgalerie und Berliner Philharmonie soll ein Museum gebaut werden.

Ein paar Blocks weiter fand in einer Bar eine Oldie-Party statt. Sie spielten dort die berühmte Vorstadtsehnsuchtshymne „Downtown“ von Petula Clark, „When you're alone, and life is making you lonely / You can always go Downtown . . . Just listen to the music of the traffic in the city / . . . everything's waiting for you“ - es klang wie ein Schrei aus der Gruft. Alles am Text des Liedes klang hier falsch: Die helleren Lichter, die offene Welt, die Kolonnen glitzernder, zuversichtlich brummender Limousinen, die wilde Mischung von Menschen und Kulturen findet man, ja doch, auch in der Hauptstadt, aber eben nicht in Downtown Berlin. Dort gab es: den noch halbnackten Schlossnachbau aus Beton, der überrascht aus seiner Steinkorsage herausschaute. Leere Geschäftsstraßen. Werbung für Fahrten mit Pferdekutschen und Fahrten mit Bierbikes. Baustellen für Shoppingmalls (wie rührend - die großen Dinger, die auf dem Land alle wegen Online-Retail sterben, werden in Berlin haufenweise gebaut). Sogenannte Premiumimmobilien mit Premiumnamen, ein Geschäftshaus im Ostteil der Stadt heißt „The Upper East“, ein Mietshaus „Palais Theising“, ein Wohnblock am Straßenstrich „Carré Voltaire“ (was nur noch übertroffen wird vom mit K wie in Karre geschriebenen „Karree Monte Venezia“ in München). Uhland-Palais, Stadtpalais Wilmersdorf - Projektentwickler verwandeln die Innenstädte in ein hochpreisiges Investitionsgetto für wohlhabende Rentner, an deren gipsverrüschten Carrés und Palais dann die zweite große Bevölkerungsgruppe, die Touristen, je nach Stimmungslage in Kutschen oder auf Bierbikes staunend vorbeirattert, um in den nahen Einkaufsmeilen zu verschwinden. Könnte es sein, dass Downtown seinen Glanz, seine Anziehungskraft verloren und sich in ein Reservat für reiche Rentner, Geldanlagen und Touristen verwandelt hat - und was wären die Orte, an denen sich eine andere Form von Öffentlichkeit Raum verschafft, die Orte, an die alle, auch die Leute aus den Vorstädten, gern kommen, an denen Integration und Bildung und all die Gemeinschaftserlebnisse stattfinden, die neben Arbeits- und Aufstiegsmöglichkeiten entscheidend sind für eine funktionierende Gesellschaft?

© Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa/Sanaa Im Entwurf des japanischen Architekturbüros Sanaa scheint eine dünne Eisscholle auf hauchdünnen Stelzen über den Ausstellungsräumen zu schweben.

© Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa/Sanaa Das filigrane Dach tastet sich an die Grenzen zwischen Außen- und Innenraum.

Die Antwort ist immer: die Kulturorte. Konzertsäle, Museen, Skulpturengärten, Parks. Bibliotheken. All das findet sich in Berlin am Kulturforum, und dass die Massen nicht dorthin streben, liegt an der verkorksten Platzgestaltung. Man denkt nicht, dass sich hinter der beschotterten Wüstenei an der Schnellstraße irgendetwas Bedeutsames verbergen könnte, schon gar nicht eine der wichtigsten Sammlungen Alter Meister. Und so waren die Erwartungen enorm, als Kulturstaatsministerin Monika Grütters 200 Millionen Euro organisierte, um an dieser Stelle ein Museum des 20. Jahrhunderts zu bauen. Darin sollen die zu großen Teilen im Depot lagernden Bestände der Neuen Nationalgalerie zusammen mit den Sammlungen Marx, Marzona und Pietzsch gezeigt werden - vor allem soll der Ort zum Leben erweckt werden. Aber wie? Könnte die Gegenwartsarchitektur nach ihrem Schlossplatzdesaster am Kulturforum zeigen, wie eine Stadt aussieht, in der nicht Großkonzerne wie Daimler oder Sony ganze Viertel aufkaufen und mit Stadtsurrogaten wie am Potsdamer Platz bebauen? Und was ein Museum heute für die Stadt sein kann? Die Art, wie wir Museen benutzen, ändert sich. Viele kommen nicht mehr nur, um Kunst zu sehen. In der Tate Modern, im neuen Whitney Museum sieht man Menschen mit Laptops und Mobiltelefonen auf den Dachterrassen und in den großen Hallen sitzen, sie bleiben dort ganze Tage, sie nutzen das Museum als ein kollektives Wohnzimmer. Das Öffentliche und das Intime, Private, findet am selben Ort statt. Könnte das Museum da wieder das werden, was es ganz früher war, in der Antike, als das Museion nicht etwa ein Einzelbau, sondern ein ganzes Stadtviertel von Athen war, mit vielen Tempeln und Wiesen und Winkeln und Wandelgängen, in denen Gaukler auftraten und Bürger flanierten und Erzählern zuhörten und Skulpturen und Kunststücke bestaunten und sich in die Büsche schlugen, und sich austauschten und zum Protest versammelten - wie sähe heute so ein Ort aus für eine Gesellschaft des 21. Jahrhunderts und ihre veränderten sozialen Rituale?

© Aires Mateus e Associados Der Museumsentwurf des portugiesischen Architekturbüros Aires Mateus e Associados ist ein von Mauern umringter Garten.

© Aires Mateus e Associados Hier kann die Hektik der Stadt ausgeblendet werden.

Gewonnen hat den Wettbewerb das Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron: Sie überbauen die gesamte Fläche mit einer gigantischen Halle, die sich über vier Ausstellungshäuser spannt und von zwei breiten Passagen durchkreuzt wird, die einerseits die Bibliothek mit der Gemäldegalerie und andererseits die neue Nationalgalerie mit der Philharmonie verbinden - wobei eine Passage am Kreuzungspunkt unter der anderen hindurchläuft und eine tiefe Halle entstehen lässt, in die das Tageslicht durch die Decke rieselt. Die große Treppe im Haus, so die Architekten, kann auch ein Amphitheater werden: Hier soll das öffentliche Leben stattfinden. Die Wände und das Dach sollen aus Backsteinen mit eingelassenen Lichtöffnungen gemauert werden, wie ein Kettenhemd aus Ziegeln, durch das das Licht bis in die Tiefe der Halle fällt. Natürlich ist das Geschrei jetzt groß, aber das wäre es in jedem Fall: Auf alles, was nach so langer Zeit endlich entschieden wird, gibt es erst mal wütende, fassungslose Reaktionen: Das soll es jetzt sein? Eine Scheune? Was soll man davon halten? Das Gebäude macht nichts von dem, was angefordert worden war. Es hat die großen Tore, ja - aber gerade tagsüber, wenn es nicht so schön transluzent schimmert wie in dem Bild, mit dem die Architekten es bewerben (Architekten, die ihre Gebäude in einer geheimnisvollen, glitzernden Abendstimmung präsentieren, haben immer etwas zu verbergen), wird es ein ziemlich hermetischer Riesenbackstein sein.

© Simulation Herzog & de Meuron Basel Ltd. Herzog & de Meuron gewinnt den 1. Preis des Realisierungswettbewerbs "Das Museum des 20. Jahrhunderts".

© Simulation Herzog & de Meuron Basel Ltd. Der Platz des Kulturforums soll vollständig überkuppelt werden.

© Simulation Herzog & de Meuron Basel Ltd. Ein Querschnitt durch die riesige Halle.

Die Philharmonie wirkt daneben ein bisschen wie die erschreckten Reste eines Käsebüfetts. Natürlich kann man ein Haus so groß machen, dass eine ganze Stadt darin Platz findet, man kann die Fassade so porös und offen gestalten, dass die Stadt Anschluss findet. Aber ist das hier der Fall? Soweit man sieht, betritt man den Backsteinziegel durch Tore und Schleusen, ein Restaurant gibt es nur innen. Das Prinzip der Shoppingmall, die alles Leben im Inneren stattfinden lässt, ist nicht weit. Nun wird das Innere vielleicht einer der schönsten denkbaren Wandel- und Museumsräume werden - Herzog & de Meuron haben immerhin in der Schweiz und den Vereinigten Staaten einige der schönsten Kulturbauten der Gegenwart errichtet. Aber man muss sich keine Illusionen machen: Dies ist ein Solitär, kein Bauwerk, das sich in die Stadt hinausfaltet. Es will nicht mit der Kunst nach außen - es will die Leute durch sein Schimmern nach innen holen. Wenn es Besucher anzieht, dann gerade durch seine Hermetik.

Was bedeutet das für die Stadt? Interessant ist, wie Jacques Herzog seinen Entwurf erklärt. Er nennt die Idee des „Tempels - einen Ort der Stille“ und der Lagerhalle, „wie ein landwirtschaftlicher Betrieb“. Die Tempel, das Land, der Backstein - viele fanden das empörend reaktionär, und diejenigen, die Backsteine und Tempel mögen, finden die Art, wie die Architekten mit einer Großform alles überbauen, was offener Platz, enge Straße, also alte europäische Stadt hätte werden können, unmöglich. Aber ist der Verweis aufs Land reaktionär? Wer einmal in jüngster Zeit auf dem Land war, sieht dort riesige Hallen aus dem Boden schießen, die die Ausmaße von Wolkenkratzern haben - nur eben liegend: gigantische Gewächshäuser, Amazon-Lager, Rechenzentren; die postindustrielle Moderne des Informationszeitalters baut sich dort ihre Großstrukturen, die wie umgefallene Hochhäuser in der Landschaft liegen. Es ist paradox: Während in den Städten alles kleiner und ruraler und rustikales Bio-Essen auf selbstgehobelten Holzbrettern serviert wird, die Stadt sich also dem Entschleunigten und Idyllischen und Hausgemachten hingibt, passieren die großen Dinge auf dem Land. Tatsächlich prägt das Dörfliche und Nostalgische heute eher die militant ruralisierten Innenstädte, in denen alles verkleinert, musealisiert und miniaturisiert wird. Downtown erfüllt alle Negativklischees, die über das Dorf kursieren: homogene Bevölkerungsstruktur, latente Fremdenfeindlichkeit (im Zentrum werden nie Container aufgestellt, Flüchtlinge kommen in die Vorstadt), enge Straßen, Verlangsamung. Die alle Dimensionen sprengende rohe Halle auf dem Land, das liegende Hochhaus des 21. Jahrhunderts als Museum in die sich selbst musealisierenden Städte zurückzubringen, könnte ein subversiver Akt sein: eine große Halle für alle, ein Ort optimistischer Beschleunigung, Aufklärung und Politisierung, in der sich die Stadt zwischen der Kunst einnisten und revoltierend ins Leben hinaus kann.

© Staab Architekten Der Entwurf von Volker Staab erinnert an ein Kloster.

© Staab Architekten Das Museum als urbaner Ruheort.

Auch das könnte aus der Halle noch werden, wenn man den Entwurf massiv bearbeitet. Aber wollen die Auftraggeber das - oder wollen sie zu sehr ein geschmackvolles Museum mit traditionellen Fassadenmaterialien, den Tempel, in dem man ehrfürchtig immersiv umherschreitet? Was wäre sonst noch denkbar gewesen? Was haben die anderen vorgeschlagen? Die zweitplazierten Dänen Lundgaard & Tranberg haben einen freundlich um die Bäume herumkurvenden, konsensualistischen Bau entworfen, der nichts falsch macht und kaum jemanden vor Freude oder Schreck vom Hocker reißt, die drittplazierten Berliner Bruno Fioretti Marquez ein Museum mit skulptural harten Innenräumen und einem etwas unentschlossenen Äußeren. Unter den „Anerkennungen“ findet sich der Entwurf des japanischen Büros Sanaa - ein filigranes Glasdach schwebt da wie eine dünne Eisscholle auf hauchdünnen Stelzen über Ausstellungsräumen, die über Grünflächen in den Außenraum und in die Stadt hinein ausfransen - hier ist das Museum ein wettergeschützter öffentlicher Park. Volker Staab und das Lissaboner Büro Mateus e Associados entwerfen beide das Museum als urbanes Kloster mit eingelassenen Gärten, in denen die Stadt ausgeblendet oder nur ein ferner Schimmer ist.

© Office for Metropolitan Architecture Im Entwurf von Rem Koolhaas‛ Büro OMA verschachteln sich Ausstellungsräume mit Veranstaltungsplätzen zu einer Pyramide.

© Office for Metropolitan Architecture Die Wände können flexibel geklappt werden und eine Museumsfläche in eine Bühne verwandeln.

Ebenfalls in die Anerkennungen verbannte die Jury den Vorschlag mit der am schärfsten formulierten Antithese zu Herzog & de Meuron: im Entwurf von Rem Koolhaas' Büro OMA gibt es ebenfalls vier Häuser - aber hier krempelt sich das Museum nach außen. Seine Form ähnelt einer komplex gefalteten Pyramide, in der sich die Ausstellungsräume in eine Kaskade von Terrassen erweitern; das Dach wird Teil der Ausstellungsfläche und des Stadtraums, nach Norden, zur Philharmonie hin, faltet es sich zu einer öffentlichen Tribüne, die für Open-Air-Konzerte und Aufführungen genutzt werden kann.

Das verglaste Erdgeschoss an der Straßenseite kann Teil des Museums sein, ein Raum für Wechselausstellungen, die Fassade kann aber auch ganz weggefaltet werden - dann wird die Halle ein Außenraum, eine große Loggia, Teil der Stadt. Hier könnten Lesungen und Performances, politische Versammlungen, Kundgebungen und Demonstrationen stattfinden. Es ist weniger ein klassisches Museum als eine politische Stadtgesellschaftsmaschine. Eine Performance im Bau von Herzog & de Meuron wird eine Performance in einem lichten, mit wunderbaren Materialien gestalteten Museumsraum sein. Eine Performance in der Stadtmaschine von OMA oder unter dem filigranen Sanaa-Dach wäre ein Auftritt auf der Straße, eine Aktion im Außenraum der Stadt, ganz im Sinne der Kunst, die ja seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts auch Performance, Film und andere Formen umfasst, die aus dem White Cube ins Leben auf der Straße drängten und den Alltag politisieren wollten und sich vor Musealisierung und Ästhetisierung in edlen Hallen fürchteten.

© Lundgaard & Tranberg Arkitekter Der kurvige Bau der Architekten Lundgaard & Tranenberg bekam den 2. Preis.

© Lundgaard & Tranberg Arkitekter Das Gebäude mutet organisch und behaglich an.

Ein Museum ist in den Entwürfen, die zur Wahl standen, etwas ganz Unterschiedliches: einmal ein Kloster, um sich aus der Stadt zurückzuziehen, einmal eine Maschine zur Aktivierung der Außenwelt, einmal ein perfektes Museum, das seine Nachbarn gleichzeitig verbindet und formal völlig ignoriert. In der Polemik um die Entscheidung zeichnet sich ein größerer, längst überfälliger Streit darüber ab, was unseren Städten fehlt und mit Steuergeldern gefördert werden soll - was der Staat seinen Bürgern bauen muss als Gegenräume zu den Shoppingmalls, den öden Straßen, öden Läden und den schrecklichen Palais, Quartieren und Carrés.

© Bruno Fioretti Marquez Architekten Die Berliner Architekten Bruno Fioretti Marquez schlagen ein Museum mit skulptural harten Innenräumen und einem etwas unentschlossenem Äußeren vor.

© Bruno Fioretti Marquez Architekten Sie bekommen damit den 3. Preis.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 03.11.2016 13:01 Uhr