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Straßenfotografie : Wem gehört das Gesicht der Frau im Leopardenmantel?

In den Museen werden die Klassiker der Straßenfotografie gefeiert, während die heute tätigen Fotografen leicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen können. Nun möchte einer sein Recht erstreiten – mittels Crowdfunding.

          Der Streit begann mit einer elegant gekleideten Frau im Leopardenmantel, die im Mai 2013 mit zwei Einkaufstüten am Berliner Bahnhof Zoo die Straße überquerte. Der Fotograf Espen Eichhöfer stand mit seiner Kamera genau dort, wo die Dame hingehen wollte, und drückte auf den Auslöser. Ein gutes Bild. Es wurde Teil einer Fotoserie namens „A nach B“, die Menschen in der hektischen Situation des Umsteigens einfängt und in der renommierten Galerie „c/o Berlin“ ausgestellt wurde. Dort jedoch sah es die Frau im Leopardenmantel und verlangte, dass das Bild sofort aus der Ausstellung entfernt werden solle. Außerdem ließ sie den Fotografen Eichhöfer abmahnen: Die Aufnahme zeichne aufgrund eines Pfandhauses im Hintergrund, ihres mürrischen Gesichtsausdrucks und der unvorteilhaften Falten ihres Kleides im Bauchbereich ein negatives Bild von ihr. Daher verlangte sie insgesamt 5.500 Euro Schmerzensgeld und Schadensersatz, jeweils die Hälfte vom Fotografen und von der Galerie, plus Erstattung der Anwaltskosten.

          Dass ein solcher Streit möglich ist, liegt an einer gummiähnlich dehnbaren Rechtslage in Deutschland, die die Fotografie im öffentlichen Raum nicht generell, sondern nach Einzelfall regelt. Zuständig dafür ist das Kunsturheberrechtsgesetz, das eine einigermaßen bunte Historie hat: Als die beiden Fotografen Willy Wilcke und Max Priester im Jahr 1898 einen Förster bestachen, um sich Zugang zum Sterbezimmer des alten Reichskanzlers Bismarck zu verschaffen und ihn zu fotografieren, ahnten sie nicht, dass sie damit Generationen von Berufskollegen in die Verzweiflung treiben würden. Denn bereits länger wurde diskutiert, dass nicht jeder jeden einfach ungefragt in jeder Situation ablichten und das Foto dann zu Geld machen könne.

          Der Streit um das Bismarck-Bild befeuerte die Debatte ungemein und führte 1907 zur Verabschiedung des Kunsturheberrechtsgesetzes, kurz „KunstUrhG“. Demnach dürfen Abbildungen nur mit Einwilligung der abgebildeten Person – in Bismarcks Fall der Erben – verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden. Das Gesetz stammt aus einer Zeit, in der Fotografen Plattenkameras herumschleppten, mit denen keine Schnappschüsse möglich waren. Der Fotojournalismus war noch nicht erfunden. Es gab weder Paparazzi noch Facebook.

          Im Grunde ist es verwunderlich, dass in Deutschland seit 1907 überhaupt so etwas wie Straßenfotografie stattgefunden hat. Das liegt vor allem an den Ausnahmen des Gesetzes: Die gelten nämlich für Personen der Zeitgeschichte einerseits – Politiker beim Straßenwahlkampf, Prominente beim Shoppen. Andererseits auch für „Bildnisse, die nicht auf Bestellung angefertigt sind, sofern die Verbreitung oder Schaustellung einem höheren Interesse der Kunst dient“ – und genau hier wird es schwammig. Wo beginnt dieses „höhere Interesse der Kunst“? Gilt das auch für Espen Eichhöfer und das Bild der Frau im Leopardenmantel – oder nicht? Soll man von Eichhöfer verlangen, jeden, der ihm ins Bild läuft, um Erlaubnis für eine eventuelle spätere Veröffentlichung zu bitten?

          Das ist doch keine Kunst!

          Das zu verlangen, käme einem Verbot der Straßenfotografie gleich. Bei den mehreren hundert Personen, die nach einem durchschnittlichen Stadtspaziergang auf Film oder Speicherkarte hängenbleiben, ist das schlichtweg unmöglich. In anderen Ländern ist das einfacher geregelt, in England und den Vereinigten Staaten etwa: Was im öffentlichen Raum passiert, das ist öffentlich und darf fotografiert werden. Anders hätten Chronisten wie Martin Parr, Garry Winogrand oder Lorca di Corcia auch ein Problem. Letzterer arbeitete für eine Serie gar mit mobilen Blitzen, die er an einem Baugerüst anbrachte, und wurde von einem Passanten verklagt, der sein Porträt überlebensgroß und bestens ausgeleuchtet in einer Galerie wiederfand. Der Richter lehnte die Klage ab: Es handele sich um Kunst, nicht um ein kommerzielles Foto, und sei daher rechtens. Umgekehrt gibt es in Italien und ausgerechnet in Frankreich, das eine reiche Tradition an Straßenfotografie vorweisen kann, sehr viel strengere Regeln als in Deutschland.

          Interessant ist auch ein weiterer Einwand der Klägerin gegen die Fotografie, nämlich der, es handele sich nicht um Kunst, sondern nur um einen Schnappschuss: „Der Beklagte habe Hunderte von Fotos in kurzer Zeit angefertigt und später, vermutlich am Computer, eine Selektion vorgenommen und die allermeisten davon wieder gelöscht. Diese durch Digitalfotografie ermöglichte Arbeitsweise unterscheide sich grundlegend von der ursprünglichen 'Street Photography'. Deren Pioniere hätten lediglich Filmkameras zur Verfügung gehabt und seien daher gezwungen gewesen, selektiv und mit deutlich niedrigerer Frequenz zu fotografieren.“ So wird die Klägerin in der Urteilsbegründung zusammengefasst. Echte Kunst könne man demnach nur auf chemischen Filmstreifen mit möglichst umständlichen Arbeitsprozessen herstellen, nicht jedoch mit digitalen Sensoren. Zum Glück wurde dieser Einwand nicht weiter aufgegriffen – er sagt aber viel über die Ressentiments, der die digitale Fotografie ausgesetzt ist. Und es bleibt noch eine weitere Frage: Wie wird Kunst definiert, wenn ein Fotograf noch keine großen Ausstellungen oder Veröffentlichungen nachweisen kann? Espen Eichhöfer ist da über jeden Zweifel erhaben – aber wie steht es mit Hobbyfotografen? Dürfen die weniger?

          Eichhöfer ist fest entschlossen, die Verhandlung um die Grenze zwischen Persönlichkeitsrecht und Kunstfreiheit bis zum Ende durchzufechten – notfalls bis vor das Bundesverfassungsgericht. „Es ist einfach wichtig, dass man versucht, ein Grundsatzurteil zu bekommen“, sagte er FAZ.NET. „Die Straßenfotografie hat ja unglaubliche Popularität erlangt, auch im Gropiusbau gibt es regelmäßig Ausstellungen von Fotos, die auf der Straße entstanden sind.“ Dass diese Bilder oft unter eigentlich rechtswidrigen Bedingungen entstanden sind, bezeichnet er als „schizophrene Situation“.

          Da bleibt nicht mehr viel legaler Raum

          Um das Geld für die Prozess- und Anwaltskosten zusammenzubekommen, greift Eichhöfer zu einem ungewöhnlichen Mittel: Er hat, mit Unterstützung seiner Agentur Ostkreuz, eine Crowdfunding-Kampagne auf die Plattform Startnext gestellt. Etwa 14.000 Euro wird er brauchen, wenn er im schlimmsten Fall bis vor das Bundesverfassungsgericht zieht. Dieser „Worst Case“ war jedoch innerhalb einer Woche finanziert, was ihn selbst überraschte. Bisher fanden sich knapp 500 Unterstützer.

          Nun hat die erste Instanz entschieden, das Landgericht Berlin. Die Zahlung eines Schmerzensgeldes lehnten die Richter ab, zugleich urteilten sie jedoch, Eichhöfer habe eine rechtswidrige Persönlichkeitsverletzung an der Passantin begangen und müsse daher die Abmahnkosten tragen. Das Gericht stellt in seinem Urteil also den Schutz der Privatsphäre der auf offener Straße abgebildeten Person über die Interessen des Fotografen und des Ausstellungshauses in der Ausübung ihrer Kunstfreiheit. „Sollten die in diesem Urteil enthaltenen Rechtsausführungen des Landgerichts tatsächlich richtig sein, was wir bestreiten, hätte dies für die Straßenfotografie eine verheerende Ausstrahlungswirkung“, sagt Eichhöfers Rechtsanwalt Sebastian Graalfs auf Anfrage von FAZ.NET. „Wenn solche Bilder daher eine Privatsphärenverletzung darstellten, wie es das Landgericht Berlin annimmt, bleibt für die Straßenfotografie nicht mehr viel legaler Raum.“
          Mit dem Urteil sind beide Parteien nicht zufrieden, denn es bedeutet, dass ein Fotograf in solchen Fällen eine Unterlassungserklärung unterzeichnen, die Anwaltskosten beider Parteien zahlen und das Bild aus der Ausstellung entfernen muss. Und wenn ein Katalog gedruckt worden ist – muss dann die ganze Auflage eingestampft werden?

          Das Gegenteil der Paparazzifotografie

          „Im Kunsturheberrechtsgesetz selbst steht nicht sehr viel drin“, sagt Graalfs, solche Fragen hingen immer in erster Linie von der Auslegung des Gesetzes durch die Rechtssprechung ab. „Aber man findet in der Gesetzesbegründung von 1905/1906 Hinweise, dass man damals nicht verhindern wollte, dass Künstler soziale Realitäten abbilden.“ Andererseits sei heute durch das Internet die Sensibilität größer geworden, was die Verletzbarkeit von Persönlichkeitsrechten angehe. Nur werde da nicht differenziert: „Ich habe schon Angst, dass die Straßenfotografie in einen Topf geworfen wird mit Paparazzifotografie oder Leserreportern“, sagt Graalfs. Und da gehört sie seiner Meinung nach nicht hin: Während Paparazzi die Privatsphäre bekannter Personen aufdecken, tut die Straßenfotografie genau das Gegenteil. Man wisse nichts über die abgebildete Person, und das Bild stehe für sich. Am 3. Juni 2014 erging das Urteil des Landgerichts, nun steht für Eichhöfer und Graalfs steht die nächste Instanz an, das Kammergericht.

          Inzwischen wurde zum 21. Januar diesen Jahres ein weiteres Gesetz beschlossen, das die Persönlichkeitsrechte Abgebildeter stärken soll, der Paragraph 201a, – die sogenannte Lex Edathy. Demnach wird bestraft, wer „unbefugt von einer anderen Person eine Bildaufnahme, die geeignet ist, dem Ansehen der abgebildeten Person erheblich zu schaden, einer dritten Person zugänglich macht“, so der Gesetzestext. Wo die Rufschädigung beginnt oder endet, dürfte demnächst Anlass für weitere Verhandlungen werden.

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