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Weltverband der Museen : Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr

Hier könnte irgendwann einmal eine Ausstellung über den Streit um die Museumsdefinition und die Missverständnisse unter Museumsexperten stattfinden: Das Museum für Kommunikation in Frankfurt. Bild: obs

In der Weltorganisation der Museumsfachleute eskaliert der Richtungsstreit. Die Präsidentin ist zurückgetreten. Wie ernst meint man es mit der Vielfalt, die man fördern will?

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          Was ist ein Museum? Ein „polyphoner Ort“. So lautet eine Teilbestimmung im Entwurf einer neuen Definition des Museums, der im September vergangenen Jahres in Kyoto von der Generalversammlung von ICOM, dem Weltverband der Museen, debattiert und auf das Jahr 2021 vertagt wurde. Die deutsche Sektion von ICOM hat inzwischen ihre Mitglieder zum Text des Entwurfs befragt, und zwar zu jedem Textbaustein, ebenso wie zu allen Elementen der geltenden Fassung der Definition aus dem Jahr 1974.

          Ist es wichtig, vom Museum in einer amtlichen Definition zu sagen, dass es ein polyphoner Ort sei? 147 deutsche Mitglieder von ICOM – Einzelpersonen, die damit nicht für ihre Museen sprechen – haben die Frage bejaht, 101 verneint. Das kleinteilige Verfahren hat zwangsläufig dazu geführt, dass das Ergebnis der Umfrage so ist, wie das Museum angeblich sein soll: vielstimmig. Die Leitung der deutschen Sektion, die in Kyoto die Opposition gegen die Neutöner anführte, kann dem Meinungsbild nicht den Auftrag entnehmen, dem Weltverband auf der nächsten Generalversammlung den Marsch zu blasen. Was in welchem Zahlenverhältnis als wichtiges oder unwichtiges Ziel von Museumsarbeit verbucht wurde (Demokratisierung: 133 zu 115, planetarisches Wohlergehen: 80 zu 137), muss schon deshalb noch einmal gewichtet werden, weil nur 302 Mitglieder an der Abstimmung teilgenommen haben, weniger als fünf Prozent.

          Aus der Verlegenheit, kaum von einem so unübersichtlichen Blatt spielen zu können, befreit die deutschen Stimmführer jetzt die Nachricht, dass ihre Gegenspieler die Instrumente weggeworfen haben. Die Präsidentin von ICOM, Suay Aksoy, hat mit sofortiger Wirkung ihren Rücktritt erklärt, und mit ihr sind zwei Vorstandsmitglieder zurückgetreten, darunter Léontine Meijer-van Mensch (Dresden). Den mit der Überarbeitung der Definition betrauten Ausschuss haben sieben Mitglieder verlassen, darunter die Vorsitzende Jette Sandahl.

          Wenn ein Museum ein polyphoner Raum sein soll, was ist dann die Organisation aller Museen der Welt für ein Raum? Derzeit ein kakophoner – und zwar gerade deshalb, weil jeder Missklang vermieden wird. Inhaltliche Gründe für die Rücktritte sind nicht mitgeteilt worden. Ein vielleicht nicht offen genug artikuliertes Bedenken gegen die neue Definition besagt, dass viele ihrer Vokabeln aus der Weltumgangssprache der Kulturpolitik als Euphemismen geläufig sind, Formeln eines fingierten Schönklangs. Polyphonie setzt Harmonie voraus, aber welche Vielfalt von Stimmen wird wirklich ertragen?

          Die Direktion des Metropolitan Museum of Art hat soeben dessen Chefkurator für europäische Malerei, Keith Christiansen, gemaßregelt, weil er auf Instagram ein Bild von Alexandre Lenoir verbreitete, der die Königsgräber von Saint-Denis vor dem revolutionären Bildersturm rettete. Museen „pflegen diverse Erinnerungen“: 164 deutsche ICOM-Mitglieder finden dieses Bestimmungsmerkmal wichtig, 135 unwichtig. Doch was Diversität ist, wird im Zweifel ad hoc definiert.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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