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Streik der Künstler : Fake News war gestern, hier kommt Fake Art

Das im September eröffnete Museum für Afro-Amerikanische Geschichte und Kultur in Washington, welches Trump nie besuchte. Bild: Picture-Alliance

Liebe Ivanka: Amerikanische Künstler rufen zum Streik gegen Trump. Doch was bringt es, etwas wegzunehmen, das die allermeisten ohnehin kaum wahrnehmen?

          Wenn an diesem Freitag in Washington der nächste Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt wird, dürfte es einen Donnerhall geben. Vielleicht kommt es ja zu Neuwahlen. Mindestens aber werden die Wähler, wie es in Texten über Kunst so gerne heißt, zum Nachdenken angeregt. Denn zur historischen Zahl von mehr als zwei Dutzend Protestkundgebungen, die in der Hauptstadt angemeldet wurden, kommt nun auch noch: ein Kunststreik! „Keine Arbeit, kein Unterricht, kein Handel“, lautet ein Aufruf, den rund 150 teils namhafte Künstler, Kritiker und Kuratoren unterschrieben haben, darunter Cindy Sherman, Richard Serra und Joan Jonas. „Museen. Galerien. Theater. Konzerthallen. Ateliers. Nonprofits: Bleibt an diesem Tag geschlossen. Geht auf die Straße. Bringt eure Freunde mit. Wehrt euch.“ Alle Museumsdrehtüren stehen still, wenn dein rechtschaffener Geist es will.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es sage jetzt keiner, Künstler könnten gar nicht streiken, sie gingen ja sowieso nicht zur Arbeit. Die meisten Künstler arbeiten hart, entweder weil sie nichts verdienen oder weil sie zu viel verdienen – wer es als Künstler zu einiger Nachfrage gebracht hat, muss heute Klein- bis Mittelstandsunternehmen führen. Man sage auch nicht, Künstler, die das Idealbild des hyperindividualisierten Selbstunternehmers verkörpern, könnten sich nicht organisieren. Die mitzeichnende Theoretikerin Lucy Lippard gehörte schon 1969 zu den Gründern der „Art Worker’s Coalition“, die mehr farbige und weibliche Künstler in der Sammlung des New Yorker MoMA durchsetzte, dazu den bis heute geltenden freien Eintritt an einem Wochentag – und die das MoMA und das Whitney-Museum dazu brachte, im Rahmen eines „Kunstmoratoriums für die Beendigung des Vietnamkriegs“ für einen Tag geschlossen zu bleiben.

          Zeit zum Marschieren

          In letzter Zeit ist die Streikidee wieder populärer geworden, was sicher mit dem Bedürfnis zu tun hat, auf eine aus dem Ruder laufende Wirklichkeit Einfluss zu nehmen, bei gleichzeitig empfundener schwindender Wirkmacht künstlerischer Gesten. Die Absicht, der „Normalisierung des Trumpismus, einer toxischen Mischung aus weißer Vorherrschaft, Misogynität, Xenophobie, Militarismus und Oligarchenherrschaft“ aus Bürgerpflicht etwas entgegenzusetzen, mag einleuchten. Doch was bringt es, etwas wegzunehmen, das die allermeisten ohnehin kaum wahrnehmen, außer in Meldungen über Transaktionen zwischen Superreichen? Jonathan Jones vom „Guardian“ ätzte, wenn man die Leute erreichen wolle, müsse schon das Reality-TV streiken. Auch die Schriftstellerin Joyce Carol Oates bezweifelte auf Twitter den Nutzen.

          Die Reaktionen sind denn auch sehr verhalten. Einige Galerien hatten schon länger vor, geschlossen zu bleiben, vor allem in New York, wo der Handel wegen der Sicherheitsvorkehrungen um den Trump Tower ohnehin leidet. Das erlaubt es den (überwiegend weiblichen) Galeriemitarbeitern, am für Samstag geplanten Women’s March teilzunehmen. Was die Museen angeht, schließen nach einer Umfrage des Magazins „artnews“ nur das National Museum of the American Indian und die Renwick Gallery in Washington, offenbar aus logistischen Gründen; und das National Museum of Women in the Arts in New York, was allerdings schon vorher geplant war. Das MOCA in Los Angeles und das Walker Art Center in Minneapolis antworten mit gesteigerter Gastfreundschaft und verzichten auf den Eintritt, während etwa das Whitney-Museum in New York es den Besuchern überlässt, wie viel sie bezahlen möchten.

          „This is not my work“

          Im Streikaufruf zeigt sich die Sinnkrise, in die die Kunst durch die Erstarkung des Populismus gerät. Die Künstlerin Coco Fusco ruft auf, den Streik dafür zu nutzen, das eigene Verwickeltsein ins System zu überdenken, das Trump trägt. Wie andere Vermögende ist dessen Tochter Ivanka gerngesehener Gast in New Yorker Galerien. Unter dem Schlagwort „Dear Ivanka“ adressierten seit November auf Twitter und auf Kundgebungen Kunstszenenangehörige ihre Ängste und Wünsche ob des neuen Amts ihres Vaters an sie – ein weitere hoffnungsloser Protestversuch, der in der eigenen Filterblase aus Überheblichkeit, Besserwisserei und Ratlosigkeit widerhallt.

          In Trumps Welt kommt man mit dem Streit über Fakten nicht weiter, man muss Fakten schaffen. So wie jüngst der Künstler Richard Prince, der schlicht die Urheberschaft an einem Gemälde in Ivanka Trumps Sammlung zurückzog und die 36.000 Dollar Kaufpreis erstattete. „This is not my work“, twitterte er satirisch im Trump-Duktus. „I did not make it. I deny. I denounce. This fake art.“ Die beste Geste von Prince seit langem – beste art of the deal.

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