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Nach Überprüfung in Amsterdam : Vincent van Goghs Kastanien sind jetzt aus dem Feuer geholt

  • -Aktualisiert am

„Birnen und Kastanien“, zu sehen im Kunstmuseum von San Fransisco Bild: Fine Arts Museums of San Francisco

Nach sechsjähriger Recherche wird ein Stillleben als authentisch anerkannt: San Franciscos Kunstmuseum freut sich über ein Meisterwerk mit hochinteressanter Provenienz.

          Manchmal dauert die Sache ein wenig länger – auch im Van Gogh Museum in Amsterdam. Fast genau sechs Jahre ist es her, seit die Fine Arts Museums of San Francisco dort eine kleine, aber aufwendig gerahmte Leinwand zur Untersuchung abgaben. Das Bild zeigt ein unscheinbares Stillleben: Birnen und Kastanien vor einem dunklen Hintergrund. Irgendwann einmal war es als Werk von Vincent van Gogh in die Sammlung gekommen – schließlich stand auf der Rückseite in unbekannter Handschrift: „Nature morte, peint par Vincent van Gogh“. Der aus Deutschland emigrierte Kulturbeamte und Publizist Bruno Adriani und seine Frau Sadie hatten das Bild 1960 dem Museum gestiftet. So recht mochte dort aber niemand an seine Authentizität glauben: Zu untypisch schien das Sujet, zu merkwürdig der Farbauftrag. Also hing das 27 mal 35 Zentimeter messende Ölgemälde zwanzig Jahre lang teils im Depot, teils in den Schauräumen. In der Gesamtpräsentation der Sammlung Adriani 1976 fehlte es dann aber wieder.

          Nach sechs Jahren Forschung hat das für Fragen von Authentizitätsfeststellung maßgebliche Van Gogh Museum das kleine Stillleben nun kurz vor Weihnachten für echt erklärt. Den Anstoß dafür hatte eine Schau im Kölner Wallraf-Richartz-Museum gegeben, mit der die Kuratorin Barbara Schaefer zum hundertsten Jahrestag die legendäre „Sonderbund“-Ausstellung von 1912 rekonstruierte. In deren Katalog fand sich seinerzeit unter der Nummer 6 auch ein Van-Gogh-Ölgemälde mit dem Titel „Kastanien und Birnen“, das sich keinem anderen bekannten Werk des Malers zuordnen ließ. Die Sonderbund-Ausstellung war eine wichtige Station auf dem Weg zur Durchsetzung des bei seinem Tod 1890 und auch noch viele Jahre danach völlig unbekannten Van Goghs.

          Weitere Recherchen zu dem 1912 katalogisierten Bild ergaben, dass schon im ersten Van-Gogh-Nachlassverzeichnis, der sogenannten „Bonger-Liste“ von 1890, als Nummer 42 ein Werk mit dem Titel „Poires & marrons“ aufgeführt war – mit dem nachträglichen Zusatz „Bernard“. Die Mutter von Van Goghs Malerfreund Émile Bernard hatte es dann am 27. Dezember 1899 für vierzig Francs an den Pariser Galeristen Ambroise Vollard verkauft („4.134 – Tableau à l’huile – marrons et poires“); das damals im Kassenbuch eingetragene Format „27 x 35“ stimmt mit dem des Bildes in San Francisco überein.

          Leinwand und Pigmente stimmen überein

          Vollard reichte es schon im folgenden Februar an die Kunsthandlung Bernheim-Jeune weiter. Der erste Ehemann von Sadie Adriani erwarb das Gemälde dann schließlich 1922, versehen mit einer Expertise des bedeutenden Kunsthistorikers Julius Meier-Graefe, wahrscheinlich vom Berliner Kunsthändler Hugo Moser. 1934 emigrierte das Ehepaar Adriani mit seiner Kunstsammlung in die Vereinigten Staaten. Auf Grundlage dieser Recherchen wagte es Barbara Schaefer 2012, das Bild aus San Francisco in Köln als Van Gogh zu zeigen, obwohl es im offiziellen Werkverzeichnis nicht einmal erwähnt wird.

          Materialtechnische und stilkritische Untersuchungen in Amsterdam und Recherchen zu seiner Herkunft gaben Barbara Schaefer nun recht: Leinwand und Pigmente stimmen mit jenen überein, die Van Gogh zwischen 1885 und 1886 in Paris verwendete. Hyperspektrale Infrarot-Reflektografie enthüllte unter den Früchten ein Porträt, für das der immer geld- und materialknappe Van Gogh die Leinwand zunächst verwendet hatte. Ebenfalls aus Kostengründen malte er vor allem in den Herbst- und Wintermonaten dann aber zahlreiche Stillleben: Anders als für Porträts musste er für Blumen, Gemüse und Früchte kaum Geld bezahlen; anders als bei der Landschaftsmalerei war er dabei unabhängig von Licht und Wetter.

          So nutzte Van Gogh die Stillleben, um sich in der Verwendung von Farben seinen bewunderten Vorbildern Delacroix, Monticelli und den Impressionisten anzunähern. Dass er die Birnen und Kastanien offenbar ohne Zwischengrundierung direkt auf das Porträt setzte, erklärt auch den seltsamen Farbauftrag des ohnehin sehr experimentierfreudigen Künstlers. Das Frankfurter Städel-Museum hat das nun offiziell anerkannte Bild schon seit längerem für seine große Herbst-Ausstellung über Van Gogh und Deutschland angefragt.

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