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Gegenwartskunst in Russland : Zottelstern am Optikturm

  • -Aktualisiert am

Das Selentschuk-Observatorium bei Nischni Archys Bild: Yuri Palmin

Keine Aliens, kein Geld, kein Gott, doch die Forscher im größten Observatorium Eurasiens lassen sich nicht bremsen. Jetzt hat sich hier in Russland für kurze Zeit die Gegenwartskunst eingenistet.

          5 Min.

          Am Südrand der Russischen Föderation, im Schatten des Großen Kaukasus, dort, wo die Lichtverschmutzung am geringsten und die Nächte am dunkelsten sind, steht das größte astronomische Observatorium Eurasiens. Wie ein Tempel der Grundlagenwissenschaften erhebt sich auf einem zweitausend Meter hohen Plateau sein mächtiger Silberdom ausgerechnet an der Stelle über den Bergdörfern von Karatschajewo-Tscherkessien, wo im Tal prachtvolle Kuppelkirchen aus dem 10. Jahrhundert zu bewundern sind, die das früh christianisierte Reitervolk der Alanen dort errichtete. Erbaut in den siebziger Jahren, der goldenen Zeit der Sowjetunion, überstand das Observatorium nach deren Zerfall nationalistische Bandenkriege, Finanzchaos und die Deklassierung der russischen Wissenschaft, ohne dass sein tief in den Weltraum spähendes Superauge jemals geschlummert hätte. Dabei spielte sicher auch eine Portion quasireligiöser Treue dieser Forschergemeinde zu ihrer weit entrückten Materie eine Rolle. Darauf deuten jedenfalls die Arbeiten österreichischer und russischer Künstler, die auf Initiative des enthusiastischen Leiters des Österreichischen Kulturforums in Moskau, Simon Mraz, diese Wissenschaftsoase zwischen Himmel und Erde für einige Wochen in einen Ausstellungsparcours verwandelt haben.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Observatorium, das der Russischen Akademie der Wissenschaften angehört, ist auch ein Design-Wunder. Man betritt es durch ein wegrollbares Aluminiumportal von der geschwungen rechteckigen Form eines alten Fernsehmonitors. „Garderobenhaken“ in Gestalt von Sonnentellern aus Birkenholz schmücken die Vorhalle, aus der man durch eine Glaswand den dreh- und schwenkbaren Optikturm über dem tausend Tonnen schweren, sechs Meter breiten Parabolspiegel erblickt. Kein Stäubchen darf zu den hochempfindlichen Geräten dringen. Um die menschliche Sphäre davon abzusetzen, hat der Künstler Michail Michailow auf einer Videoleinwand, auf der ein schwarzer Zottelstern herumrutscht, Krümelchen und Härchen eingezeichnet. Michailows „Stern“ entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Luftaufnahme eines Kaukasiers, der in Schaffellmütze einen Volkstanz hinlegt. Und auf der Empore, wo Schautafeln von Größenklassen und Lebenszyklen ferner Himmelskörper erzählen, finden sich urige Rätselartefakte von Eva Seiler: Geräte aus Holz, Wachs und Metall, die das Kosmosverständnis eines Schamanen vergegenwärtigen.

          Das Wesen der Welt erforschen

          Forschungsaufträge für das Observatorium, das Sterne in einer Entfernung von Milliarden Lichtjahren beobachten kann, kommen auch aus Deutschland, Spanien, der Ukraine, in jüngster Zeit zudem verstärkt aus Indien und China. Die Wissenschaftler, deren Arbeitsnacht mit Einbruch der Dunkelheit beginnt, analysieren vor allem die Spektren ferner Sonnen, was Aufschluss auf deren chemische Zusammensetzung gibt. Man fahnde insbesondere nach Sauerstoff, dem Indiz von Leben, verrät der diensttuende Laborleiter. Dass auf der Erde Leben möglich ist, liege daran, dass Wasser im flüssigen Aggregatzustand vorkomme, was wiederum damit zu tun habe, dass die Sonne nur ein „gelber Zwerg“ sei, ergänzt der Astrophysiker Ewgeni Semenko. Gelbe Sonnen verbrennen nämlich gleichmäßiger als die größeren roten, was den stabilen Korridor für die Erdumlaufbahn in jener Zone flüssigen Wassers überhaupt erst ermögliche – zwischen der dafür zu heißen Venus und dem zu kalten Mars.

          Sollte es in unserer Milchstraße noch so eine gelbe Sonne mit einem Planeten mit Erdeigenschaften geben, wäre sie freilich viel zu klein, als dass man sie selbst mit dem Observatorium von Nischni Archys identifizieren könnte, versichert Semenko. Das würde allenfalls mit dem neuen Vierzig-Meter-Teleskop möglich, das die Europäische Südsternwarte in der chilenischen Wüste errichtet. Russland wollte der Europäischen Organisation für astronomische Forschung beitreten, brachte jedoch die erforderlichen Finanzmittel nicht auf. Wissenschaft habe für die russischen Machthaber keine Priorität, bedauert Semenko. Sie glauben, eine unwissende Bevölkerung sei leichter zu regieren.

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