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Stephan Balkenhols Skulpturen : Solch ein Gewimmel

Diese Figuren sind nie fein raus, nur aus dem Gröbsten: In geduldiger Arbeit hat Stephan Balkenhol seine Geschöpfe für die Freiheit zugeschnitten. Was ihnen zum Glück fehlt, ist die Frage seiner Hamburger Schau.

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          Gälte an öffentlichen Orten ein gesetzliches Rauchgebot, fielen die Figuren Stephan Balkenhols gar nicht mehr auf. Denn dann wären es ja die Nichtraucher, die von Zeit zu Zeit am Straßenrand Position bezögen, vom Staatsmoralkodex zum Nichtstun und Herumstehen verdammt und nur wegen ihres Atemluftgeschmacks genötigt, sich als Abweichler zu exponieren. So, wie es ist, können Balkenhols Abgestellte in Bankfoyers und vor Behördentüren ins Auge fallen, weil sie keine Zigarette in der Hand haben. Sie haben überhaupt nichts in der Hand, diese handgemachten Verkörperungen des Subjekts, das gelassen dasteht, weil es weiß, dass es aus den anonymen Prozessen der modernen Gesellschaft nicht wegzudenken ist – sondern nur von Fall zu Fall gemaßregelt, versetzt und entlassen werden kann.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Männer tragen die unauffällige Uniform, die in den Bürohäusern in den Zonen jenseits des Publikumsverkehrs die Kleiderordnung bestimmt, beziehungsweise den Typus dieser Uniform: weißes Hemd mit offenem Kragen, schwarze Hose. Die Skulpturen, mit denen Stephan Balkenhol berühmt geworden ist, bringen einen Prozess zum Abschluss, der nach Jacob Burckhardt „eine der entscheidenden Taten der Renaissance“ war: „die Einführung der isolierten Statue in die Kunst“. Balkenhol hat in seinem Werk, das nun schon seit einem Vierteljahrhundert voranschreitet, diese Tat wiederholt, die allerdings gar keine Tat war, die im pathetischen Sinne der Johannes-Übersetzung von Goethes Faust den Anfang der modernen Kunst markieren könnte. Es handelt sich um einen Vorgang des allmählichen Herausholens und Abräumens, das soziale Äquivalent des Abschlagens und Wegschneidens, das die Fertigung jeder Skulptur ausmacht.

          Aus dem Gröbsten heraus

          Balkenhol hat das erste Menschenpaar noch einmal aus dem Relief herausgearbeitet und ist zunächst mit Nischenstehern hervorgetreten. Man sieht dem Werk des Bildhauers an, was weggehauen wurde. Dieses Gesetz der Skulptur hat Balkenhol zum Prinzip seiner Arbeit gemacht mit der Entscheidung für sein Material: Holz. Auf die Glättung der Oberfläche hat es der Künstler nicht abgesehen. Er setzt sich damit in den denkbar größten Gegensatz zu den Virtuosen seines Faches, die mit der Vortäuschung des Biegsamen und Geschmeidigen im Bronzeguss verblüfften. Balkenhols Figuren sind nie fein raus, nur aus dem Gröbsten.

          Im Zurichten durch Zuhauen knüpft er an die Volkskunst an. Wie im Mittelalter die Leiber der Heiligen, deren Integrität doch eschatologisch garantiert war, zerteilt wurden, damit jede Gemeinde einen Knochensplitter erhielt, so verbürgen die Späne, die Balkenhol nicht weghobelt, die Lebenskraft des Bildes. Die Unvollkommenheit macht wie bei der Kinderzeichnung anschaulich, dass Ähnlichkeit einen Akt der Identifikation voraussetzt: Das soll ich sein – oder der heilige Paulus. Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass Balkenhol zumal bei den Porträtreliefs durch Variation des Schlagwinkels einen Reichtum von Schattierungen erzeugt, der unser paradoxes Wissen von der Haut mit Anschauung anfüllt: dass sie so uneben wie gleichförmig ist. Maserungen setzt Balkenhol so raffiniert zur Simulation von Durchblutung ein wie ein Steinbildhauer die Adern des Marmors.

          Frappierender Befund

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