https://www.faz.net/-gqz-87cxw

Youtube-Talk des Städelmuseums : Geschwätz im Rahmen des Unglaublichen

  • -Aktualisiert am

Der Moderator Gert Scobel talkt auf Youtube für das Städel-Museum. Doch außer den Gemälden, die seine Sofagäste sind, liegt bei diesem erdachten Geschwätz nichts mehr im Rahmen.

          Wie konnte das nur passieren? In diesem Jahr hat das Frankfurter Städel Museum den Grimme Online Award erhalten, eine Auszeichnung, die den guten und klugen Ideen in der digitalen Präsentation von Ausstellungen gilt. Jetzt präsentiert das Haus eine weitere Neuerung: „Talk im Rahmen“, so der Titel, eine Kunst-Talkshow, die Gert Scobel moderiert und die auf Youtube läuft. Wer die Gäste sind? Bilder aus der Sammlung. Diese werden, kein Witz, in einem Studio auf Sofas gesetzt. Seile, die zur Decke führen, sorgen dafür, dass die armen nicht nach vorne kippen und vom Polster purzeln.

          Off-Stimmen sprechen, was den Gemälden angeblich so durch die Rübe rauscht. Zum Beispiel das (zornige Frauenstimme, empört): „Wir können nicht ernsthaft über meine Lebenserfahrungen als emanzipierte lesbische Frau zu Beginn des 20.Jahrhunderts sprechen, solange sich diese Möchtegern-Heilige zu meiner Rechten nicht verhüllt.“ Diese Aussage wird dem Selbstbildnis Ottilie W. Roedersteins von 1926 in den Mund gelegt, dem Werk einer Künstlerin also, die weder ballaballa war noch von Malerei keine Ahnung hatte.

          Alle Klischees werden bestätigt

          Echauffieren soll sie sich über Lucas Cranachs „Venus“ von 1532, eine nackte Mädchengestalt, die früher in Serie produziert wurde, weil sie den Zeitgeschmack prägte und dann traf. Die Venus (mit erotischer Stimme gesprochen, klar) gehört zusammen mit Spitzwegs Bild „Der Witwer“ (ja, wirklich in brummendem Gemütlichkeitsbariton) zu dem Talkshow-Trio, das Gert Scobel zu Fragen rund um die Emanzipation („Brauchen wir die heute noch?“) Rede und Antwort steht. Nun aber doch mal erstens: Gemälde, die „ich“ sagen, auf Sofas sitzen und mit verstellter Stimme sprechen – wer denkt sich so etwas aus?

          Der einzige noch peinlichere Einfall, den sich die Autorin dieser Zeilen ausmalen kann, wäre, den sehr würdevollen Direktor des Städel Museums, Max Hollein, zu zwingen, mit Hiphop-Tanzeinlagen über Kunstgeschichte im Foyer zu rappen. Und zweitens: Ottilie W. Roederstein war eine glänzende Malerin. Ihre Werke wurden vom Städel erst vor wenigen Jahren aus dem Depot geholt und wiederentdeckt. Eines davon muss von nun an als Sprechpuppe auftreten, als nörgelnde Spießerin. Alle Klischees werden bedient, wenn Cranachs Venus auf die Anwürfe der älteren Dame antwortet: „Neidisch?“ So einfach ist es, Kunst von Frauen zu Gedöns zu machen.

          Weitere Themen

          Faszinierende Kunst am Strand Video-Seite öffnen

          Geheime Ausstellung : Faszinierende Kunst am Strand

          Kunstfestivals finden oft in großen Städten statt - nicht so in Bombay Beach in Kalifornien. Hier findet einmal im Jahr das "Bombay Beach Festival" statt, das beeindrucke Impressionen für ein - bewusst - kleines Publikum bietet.

          Mal ausgebeutet, mal unterfordert

          Forschung zu Pflegekräften : Mal ausgebeutet, mal unterfordert

          Ohne das Engagement von Kräften aus dem Ausland würde das Pflegesystem hierzulande kollabieren. Zwei neue Forschungsprojekte widmen sich „Care-Arbeiterinnen“ in Privathaushalten und Krankenhäusern.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.