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Staatsgalerie Stuttgart : Die Gegenwelten des Oskar Schlemmer

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Nach jahrelangen Querelen eröffnet in Stuttgart endlich eine großartige Retrospektive. Dabei zeigt sie nicht nur die Arbeiten von Oskar Schlemmer. Sie ermöglicht den Einblick in ein Künstlerleben.

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          Mit der „Bauhaustreppe“, dem bekanntesten Gemälde von Oskar Schlemmer (1888 bis 1943), einer Leihgabe des Museum of Modern Art in New York, beginnt in der Stuttgarter Staatsgalerie eine faszinierende Entdeckungsreise in den Kosmos des talentreichen Künstlers. Ob als Maler und Bildhauer, Choreograph, Bühnenbildner, Lehrer am Bauhaus oder kunsttheoretischer Autor: immer ging es ihm um den utopischen Entwurf einer Gegenwelt zu der - gerade in seiner Lebenszeit oft beklemmend düsteren - Realität. Und nur ein kurzer Moment des Glücks war es, als Alfred H. Barr, der erste Direktor des Museum of Modern Art in New York, und der Architekt Philip Johnson auf der Suche nach Bauhauskünstlern 1933 nach Stuttgart kamen und die „Bauhaustreppe“ erwarben. Sie entdeckten das im Jahr zuvor entstandene Schlüsselwerk von Schlemmer, ein „einprägsames Symbol des Aufstrebens der Jugend in eine lichtere Zukunft“ (wie es Karin von Maur beschreibt), in seiner Ausstellung im Kunstverein, die jedoch sofort wieder geschlossen wurde. Die Zeit der nationalsozialistischen Kulturpolitik hatte begonnen.

          In Stuttgart kam Oskar Schlemmer auch zur Welt, als Sohn eines lebensfrohen rheinischen Kaufmanns - und Dichters der Komödie „Pension Schöller“ - und einer schwäbischen, eher besinnlichen Mutter. Auf diese unterschiedlichen Wurzeln führte er auch seine wechselnden, von ihm auch als apollinisch-dionysisch beschriebenen Neigungen zur Malerei oder zum Theater zurück. Das zeigt sich immer wieder in seinem einzigartigen Werk, das erstaunlicherweise fast vierzig Jahre nahezu unsichtbar war, und dies aus einem sehr unerfreulichen Grund: Noch viel unbegreiflicher als der Ärger mit manchen Künstlerwitwen war es, dass die Erben von Oskar Schlemmer das gesamte Werk des Künstlers jahrzehntelang in eine Art Wachkoma versetzt hatten, durch ihre endlosen Streitereien um seinen Nachlass und indem sie als Inhaber der Urheberrechte jegliche Katalogabbildung untersagten.

          „Bad publicity“ ist auch „publicity“

          Aber das ist vorbei. Siebzig Jahre nach dem Tod eines Erblassers ist dieses Recht „gemeinfrei“, also erloschen. Endgültig vorbei ist die böse Vergangenheit auch für die Stuttgarter Staatsgalerie, die jetzt in dieser ersten umfassenden Retrospektive ganz frische Blicke auf sein OEuvre bietet.

          Zu sehen sind eine Fülle wunderbarer Gemälde und Skulpturen, die unglaublichen Kostüme des berühmten Triadischen Balletts, das auch in einer rekonstruierten Filmaufführung zu erleben ist. Und von besonderem Zauber sind Schlemmers Bühnenbilder oder seine Kostüme, etwa zu dem Einakter „Das Nusch-Nuschi“ von Franz Blei mit der Musik von Paul Hindemith, der 1921 jedoch beim konservativen Stuttgarter Publikum als zu erotisch überhaupt keinen Erfolg hatte. Indes: „bad publicity“ ist besser als „no publicity“, Oskar Schlemmer begann nun Karriere am Theater zu machen, beispielsweise an der Kroll-Oper in Berlin. Er legte eine dreijährige Malpause ein und notierte er in seinem Tagebuch: „Ich bin zu modern, um Bilder zu malen. Die Krise der Kunst hat mich erfasst! Bühne! Musik!“

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