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Staatsgalerie : Das Stuttgarter Schüttelprinzip

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Die Staatsgalerie in Stuttgart spielte bisher in der ersten Liga der deutschen Museen. Große Ausstellungen und der spektakuläre Bau der Neuen Staatsgalerie sorgten für verlässliche Besucherströme. Dann wollte Sean Rainbird, der Direktor, das Haus sanieren - und jetzt traut man seinen Augen nicht mehr.

          Wie Moos ist der Grünspan dem König um den Bronzeleib gewachsen. Etwas unnütz sitzt er auf dem hohen Ross, blickt leer in die Zeit, die nicht mehr seine ist. Lang ist es her, dass der Hofbildhauer "Dank und Ehrfurcht" in den durchlauchtigsten Sockel gemeißelt hat. Heute schaut von der achtspurigen Adenauerstraße niemand mehr auf zur vormals königlichen Gemälde- und Kupferstichsammlung. Wie es ja überhaupt um die nachmals schwäbische Stuttgarter Staatsgalerie seltsam ruhig geworden ist.

          Das Museum hat immer in der ersten Liga gespielt, mit Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg in einer Klasse. Große Ausstellungen und der jedenfalls spektakuläre Bau der Neuen Staatsgalerie von James Stirling sorgten für verlässliche Besucherströme. Rund eine halbe Million zählte man sonst an den Kassen. Im vergangenen Jahr kamen gerade noch 160 000.

          Dass man sich an einem Museumswerktag Joseph Beuys' bedenkliche Installation "Plastischer Fuß Elastischer Fuß" einmal mit dem Aufsichtspersonal teilen würde, hätte man vor ein, zwei Jahren noch kaum vorausgesehen. Immer waren da Leute, die mit Inbrunst die Köpfe schüttelten. Was ist los an einem Museum, wenn niemand mehr die Köpfe schüttelt? "Eine schwierige Phase", sagt Sean Rainbird, der Direktor.

          Von London nach Stuttgart

          Im November 2006 trat der Senior Curator an der Tate Gallery London sein deutsches Amt an. Ministerpräsident Oettinger ließ erklären, dass die hervorragenden Kenntnisse des Kandidaten auf den Gebieten der klassischen Moderne und aktuellen Kunst sowie langjährige Erfahrungen im Management an einem weltweit renommierten Kunstmuseum ausgezeichnete Voraussetzungen für die Leitung der Staatsgalerie Stuttgart seien.

          Der freundliche Brite versprach, neben dem Stammpublikum ein neues, vor allem junges Publikum ansprechen zu wollen - mit einem Programm, das hohe künstlerische Ansprüche erfülle, daneben aber auch publikumsorientiert und abwechslungsreich gestaltet sein solle. Das publikumsorientierte und abwechslungsreich gestaltete Programm aber findet vorerst im Kunstmuseum statt, das unter der Leitung der jungen Marion Ackermann zu einem ebenso vergnüglichen wie gescheiten Stuttgarter In-Ort geworden ist.

          Rainbird will keine Blockbuster

          Wer weiß, vielleicht ist ja alles nur Heilschlaf. Tatsächlich haben die Hypotheken, die Rainbird übernehmen musste, allzu ehrgeizige Projekte erst einmal ausgebremst. Ein Bericht des baden-württembergischen Rechnungshofs, der dem Haus vorhielt, den genehmigten Stellenplan beträchtlich überschritten zu haben, strikte Sparvorgaben des Landes, dazu der Schimmelpilz in den Wänden des alten Galerietrakts, eine Großbaustelle, die zur Schließung des halben Museums nötigte: Seinen Start in Stuttgart hat sich der neue Direktor schon anders vorgestellt.

          Andererseits lässt er im Gespräch keinen Zweifel aufkommen, dass er dem Blockbuster-System gründlich misstraut und seine Zukunft weniger in der Bewirtschaftung der Eventkultur als in der Pflege der Sammlung sieht. Dass ein Museum ohne Sonderausstellungen nicht im Gespräch bleibt, verkennt er nicht. Und dass auch von ihm die Reizstoffe verführerischer Namen erwartet werden, weiß er wohl. Und doch will er die Hoffnung nicht aufgeben, dass es ihm gelingen könnte, mit den Pfunden in der eigenen Sammlung zu wuchern.

          Es hat insofern Methode, dass sich die Ausstellungsankündigungen nicht unbedingt ehrgeizig, originell oder ereigniskündend ausnehmen. Die Porträts der Pop-Art, die im Frühjahr auf mildes Interesse stießen, waren eine Übernahme aus London. Die für den Herbst annoncierte Landesausstellung "Matisse - Menschen, Masken, Modelle" entsteht mit dem Bucerius Kunst Forum in Hamburg. Und was sonst noch auf der Liste steht - unter anderen "Adolf Fleischmann zum 40. Todesjahr", "Zeichnungen und Druckgraphik des deutschen Informel", "Edward Burne-Jones", "Andrea Mantegna und die Druckgraphik" -, mag den Kenner durchaus rühren, erscheint als Jugendgewinnungsmaßnahme aber doch von herbem Charme.

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