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„Spuren des Geistigen“ in München : Wo die Welt zum Nagel wird

Unendliches von Goya bis Maurizio Cattelan: Das Haus der Kunst in München hämmert in einer Ausstellung auf die Spuren des Geistigen ein. Was den präsentierten Werken gemein sein soll, bleibt unklar.

          Es ist nicht so, dass es in dieser Ausstellung keine interessante Kunst zu sehen gibt. Gern hätte man zum Beispiel mehr erfahren über die Hintergründe der seltsamen kleinen Skulptur „Der Menschheitsrepräsentant“, die der Theosoph und Esoteriker Rudolf Steiner 1915 schuf. Oder über die symbolischen Holzfiguren, die der sehr junge Beuys 1948 für die Kirche entwarf. Oder über die abstrakten Bilder der theosophischen Malerin Hilma af Klint. Oder auch über die Frage, was Künstler wie Gerhard Richter oder Neo Rauch an der Gestaltung von Kirchenfenstern reizt. All das leistet diese Ausstellung, die vom Pariser Centre Pompidou konzipiert und dort auch zuerst gezeigt wurde und jetzt in München zu sehen ist, nicht. Sie heißt „Spuren des Geistigen“, sie könnte auch „Gott und die Welt“ heißen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Geht man durch diese Ausstellung, in der auffallend viele Exponate aus der Sammlung des Centre Pompidou stammen, wird man den Verdacht nicht los, die Aufgabenstellung sei gewesen, die disparaten Bestände unter einem Leitbegriff zusammenzuwürfeln - und dafür ist „Spuren des Geistigen“ natürlich ein dankbares Kriterium, nämlich gar keins. Kein Kunstwerk seit 1800, in dem man nicht mit ein wenig gutem Willen irgendeine „Spur“ von etwas „Geistigem“ finden kann.

          Ein schöner großer Hammer

          Mit der Säkularisierung und der Abkehr von der Kirche, so die nicht eben berauschende These der Schau, habe sich die Suche der Künstler nach dem Unendlichen, nach Transgression, Transzendenz, Grenzerfahrung andere Formen gesucht; sich selbst ins Götterhafte aufschwingend, haben Künstler den neuen Menschen erfunden und ihn dann in den Greueln von Krieg und Völkermord sterben sehen. Dieser Sicht auf die Dinge entkommt nun rein gar nichts, alle Kunst hat dann automatisch Spuren des Geistigen - oder des „Heiligen“, wie „Traces du Sacré“ korrekter übersetzt heißen müsste: Goyas „Desastres“ passen als Bilder einer apokalyptischen Welt des absolut Bösen hinein, de Chiricos „Sehnsucht nach dem Unendlichen“ als surreale Eschatologie ebenso wie der unvermeidliche Homo Novus von Paul Klee oder Koloman Mosers entschlossen losmarschierender Wanderer.

          Man kann ein Spiel machen: Einer nennt einen Künstler, der andere muss sagen, was dessen Spur des Geistigen ist. Malewitsch? Suche nach dem Unendlichen, Absoluten. Rein in die Ausstellung. Mondrian? Sehnsucht nach absoluter Harmonie, göttlicher Proportion. Auch rein. Lehmbrucks „Gestürzter“? Vielleicht zusammengebrochen, weil er keinen Gott mehr hat. Absolute Verzweiflung ist auch irgendwie geistig, also rein damit. Aber André Massons trunkener Dionysos? Auch, rufen die Katalogautoren erfreut, der tanzt, und Tanz ist „als freie, dunkle Verschmelzung mit den kosmischen Kräften der Natur“ ein „Hoffnungsträger für eine geistige Erneuerung“.

          Wenn man einen schönen großen Hammer hat, sieht die ganze Welt aus wie ein Nagel: Nach diesem Motto wird alle Kunst so lange breitgeklopft, bis sie eine „Spur des Geistigen“ absondert. Unter der Rubrik „Homo Homini Lupus“ werden dann noch alle dunklen, apokalyptischen Dystopien einer entgeisterten Welt zusammengefegt, von Georges Rouaults Erhängtem bis zu Jake und Dinos Chapmans Spielzeughorrorwelt „Rivers of Blood“.

          Wie einer, der sich im Wüstensand verlaufen hat

          Dazu kommt, von Damien Hirst über Patti Smith bis zu Martin Kippenbergers gekreuzigtem Frosch und dem dekorativen Trompe-l'oeil-Klamauk von Maurizio Cattelan, der in München eine falschherum angenagelte Frau anliefert, die ganze Phalanx von kritischen Kommentaren zum Glauben und christlicher Ikonographie. Ihnen hätte man durchaus eine Ausstellung widmen können - aber den Ausstellungsmachern geht es um zu viel; so stehen die Werke unerklärt nebeneinander wie erstaunte Partygäste, die feststellen, dass sie entfernt ähnliche Kleider tragen.

          Mehr als Belege einer irgendwie gearteten „Geistigkeit“ dürfen die Kunstwerke hier nicht sein; die ausgestellte Steiner-Skulptur zum Beispiel ist nicht einmal im insgesamt lieblosen Katalog abgebildet, geschweige denn erklärt. Wie man aus dem Bestand einer Sammlung und ein paar Leihgaben erhellende Thesenausstellungen destillieren kann, die eine ganze Epoche in einem neuen Licht erscheinen lassen, hatte unter anderen Werner Hofmann an der Hamburger Kunsthalle mit seinen Ausstellungen zur Kunst um 1800 gezeigt. Die aus Paris übernommene Ausstellung ist das Gegenteil; der Kurator tritt hier an die Kunst wie einer, der sich im Wüstensand verlaufen hat: Die Spuren, die er da sieht, sind die, die er selbst hineingetrampelt hat.

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