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Sammlung Doebbeke in Hannover : Raubkunst auf der Spur

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Max Liebermanns „Tennisspieler am Meer (Scheveningen)“ von 1901 befand sich ebenso wie zahlreiche andere Kunstwerke in der Sammlung Doebbekes. Bei vielen Stücken ist über ihre Herkunft wenig bekannt. Bild: Niedersächsisches Landesmuseum Hannover

Das Sprengel Museum in Hannover erforscht die eigene Sammlung Doebbeke. Dadurch will sie Lücken in der Biografie des Kunsthändlers schließen, der von den Enteignungen der nationalsozialistischen Zeit profitiert haben könnte.

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          Zwei Frauen in langen Kleidern, expressionistisch verzerrt. Im Hintergrund bizarr schiefe Wände und leuchtende Blumen. Ein Flügel scheint aus dem Bild herauszufallen. Ernst Ludwig Kirchners Gemälde „Musikzimmer II“ von 1920 ist eines der Meisterwerke des Brücke-Künstlers und einer der Höhepunkte der modernen Sammlung im Sprengel Museum Hannover. Doch das Bild ist von einem Geheimnis umgeben. Seine Herkunft ist nicht vollständig geklärt. Es ist Teil des Kunstkonvoluts Dr. Conrad Doebbeke.

          Nach dem Krieg lag die Kunstlandschaft Hannovers ebenso in Trümmern wie der zerbombte Stadtkern der niedersächsischen Landeshauptstadt. Das Provinzialmuseum und das Kestner Museum mussten schwere Kriegsverluste hinnehmen. Das Leine-Hochwasser von 1946 tat ein Übriges und zerstörte einen Großteil der ausgelagerten Kunstgegenstände, die in einem Depot am Fluss untergebracht waren. Nach dem Krieg wollten die hannoverschen Museen deshalb einen Neustart. Die wohlhabende Stadt entschied sich dazu, prestigeträchtige Werke aus Kunsthandel und Privathand zu erwerben. Ein Vorhaben, das 1949 mit dem Ankauf der Sammlung Doebbeke begann und die Museumsdirektion heute vor große Herausforderungen stellt.

          Ein erster wichtiger Schritt

          Die Ausstellung „Verfemt – gehandelt. Die Sammlung Doebbeke im Zwielicht“ wirft nun erstmals einen Blick auf die Provenienzforschung um die Kollektion des Berliner Immobilienhändlers, aus der die Stadt mehr als 120 Kunstwerke erwarb. Die Schau beleuchtet am Beispiel von sechzig davon die Handelswege und Eigentumsverhältnisse geraubter Kunst und stellt dabei die Schicksale der oftmals jüdischen Opfer von Kunstenteignung im „Dritten Reich“ vor.

          Teil der Sammlung Doebbeke: Max Pechsteins „Stillleben mit Judenkirschen und Pfefferschoten“ aus dem Jahr 1906 Bilderstrecke

          Die Stadtverwaltung kaufte das Konvolut, um die während der Zeit der NS-Diktatur erlittenen Verluste auszugleichen. Deshalb sind darin nicht nur bedeutende expressionistische Meisterwerke von Künstlern wie Kirchner, Erich Heckel, Emil Nolde oder Max Pechstein enthalten, sondern auch Kunstwerke des deutschen Impressionismus. So bilden die Gemälde von Lovis Corinth und von Max Liebermann den Kern der Sammlung. Sie wurden kurz nach der Erwerbung dem Landesmuseum übergeben, wo sie bis in die siebziger Jahre in der daran angeschlossenen Städtischen Galerie zu sehen waren. Als 1979 mit Unterstützung der gleichnamigen Schokoladendynastie das Sprengel Museum für Moderne Kunst gegründet wurde, zogen alle Werke des zwanzigsten Jahrhunderts in den Neubau am Maschsee.

          Nach dem Tod von Doebbeke im Jahr 1954 waren in den darauffolgenden Jahren durch seine Witwe Elsa Doebbeke immer wieder Bilder aus seinem Besitz in den deutschen Kunsthandel gelangt. Erst die 1998 geschlossene Washingtoner Vereinbarung zur Restitution veränderte die Lage der Kunstsammlung entscheidend, denn die Stadt Hannover hat sich selbst verpflichtet, alle Erwerbsvorgänge der städtischen Museen von 1933 an nachzuverfolgen. 2008 wurde eigens eine Forschungsstelle für Provenienz eingerichtet. Diese Ausstellung ist nun ein erster wichtiger Schritt, um die Verstrickungen des Kunsthandels zu dokumentieren.

          Nachweise über Kunstkäufe verschwanden angeblich

          Conrad Doebbeke selbst war an vielerlei Institutionen im „Dritten Reich“ beteiligt und konnte seine Kunstsammlung nur aufbauen, weil sich durch die brutale Enteignungs- und Arisierungspolitik der Nationalsozialisten ein Kunstschwarzmarkt etabliert hatte. Über sein Leben ist bislang nur wenig bekannt. 1889 in Gelsenkirchen als Sohn eines Kaufmanns geboren, studierte er Jura und verließ mit dem Ende des Ersten Weltkriegs das Ruhrgebiet, um sich in Berlin eine Geschäftstätigkeit aufzubauen. Doebbeke wurde ein umtriebiger Kaufmann, der im Holzhandel, im Baugeschäft und im Immobilienhandel tätig war. Kurzzeitig war er Mitglied der SPD, änderte seine politische Einstellung jedoch grundlegend und engagierte sich seit dem Ende der zwanziger Jahre in der Deutschnationalen Volkspartei. Von 1929 an widmete er sich dem Sammeln von Kunst, zwei Jahre später trat er in die NSDAP ein.

          Die genauen Daten seiner Bilderkäufe können heute nur noch beschwerlich nachverfolgt werden, denn die Aufzeichnungen, die er über seine Kunstkäufe führte, verschwanden angeblich in den Kriegswirren. In Hannover selbst existieren neben der Sammlung Doebbeke noch vier weitere Kunstkonvolute, die 1941 durch die Enteignungen der Nationalsozialisten in städtischen Besitz gelangt waren. Darunter sind impressionistische Kunstwerke aus dem Eigentum von Gustav Rüdenberg, Mobiliar von Klara Berliner oder Goldmünzen von Albert David.

          Auf der Suche nach Antworten

          Objekte dieser Sammlungen sind damals mit den Mitteln der Stadt Hannover für das Museum August Kestner erworben worden. Direkt nach Kriegsende wurden sie von den westlichen Alliierten beschlagnahmt und teilweise restituiert. Auch die Sammlung Doebbeke war von der umfassenden Rückgabepolitik der Briten und Amerikaner nicht ausgenommen. Corinths Gemälde „Römische Campagna“ beispielsweise wurde aus dem Sammlungsbestand rückübereignet.

          Mit Akribie versucht das Museum nun, die Lücken in den Handelswegen der Raubkunst aufzudecken. In der Ausstellung wird das etwa an George Grosz’ Aquarell „In den besten Jahren“ von 1923 gezeigt. Das Bild stellt ein Paar der Berliner Oberschicht dar, als kritische Auseinandersetzung mit den sozialen Ungleichheiten in der Weimarer Gesellschaft. Es wurde 1946 von amerikanischen Besatzern in einem Schließfach der Dresdner Bank in Wiesbaden aufgefunden. Schnell stellt sich heraus, das Doebbeke Eigentümer des Safes war, weswegen er den rechtmäßigen Erwerb des Aquarells nachweisen musste, was ihm damals trotz fehlender Beweise gelang.

          Die Ausstellung zeigt, dass Reinhard Spieler, der Direktor des Sprengel Museums, und die Stadt Hannover die Restitutionsfrage pragmatisch angehen, um die Erforschung der Sammlungen und die Spuren der Raubkunst öffentlich zu machen. Zudem soll die aktuelle Ausstellung helfen, Lücken in den Biographien des Ehepaars Elsa und Conrad Doebbeke zu schließen, da immer noch viele Informationen für weitere Restitutionsanalysen fehlen. Auch in der neuen Dauerausstellung im Neubau ist der Provenienzfrage ein umfassender Ausstellungsteil gewidmet. Mit dieser Strategie ist ein weiterer wichtiger Schritt zu mehr Transparenz getan. Was unter deutschen Museen Schule machen sollte.

          Verfemt – gehandelt. Die Sammlung Doebbeke im Zwielicht

          Von Corinth bis Kirchner. Im Sprengel Museum, Hannover; bis zum 17. November. Ein Katalog ist in Vorbereitung.

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