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Sammlung Doebbeke in Hannover : Raubkunst auf der Spur

  • -Aktualisiert am

Nachweise über Kunstkäufe verschwanden angeblich

Conrad Doebbeke selbst war an vielerlei Institutionen im „Dritten Reich“ beteiligt und konnte seine Kunstsammlung nur aufbauen, weil sich durch die brutale Enteignungs- und Arisierungspolitik der Nationalsozialisten ein Kunstschwarzmarkt etabliert hatte. Über sein Leben ist bislang nur wenig bekannt. 1889 in Gelsenkirchen als Sohn eines Kaufmanns geboren, studierte er Jura und verließ mit dem Ende des Ersten Weltkriegs das Ruhrgebiet, um sich in Berlin eine Geschäftstätigkeit aufzubauen. Doebbeke wurde ein umtriebiger Kaufmann, der im Holzhandel, im Baugeschäft und im Immobilienhandel tätig war. Kurzzeitig war er Mitglied der SPD, änderte seine politische Einstellung jedoch grundlegend und engagierte sich seit dem Ende der zwanziger Jahre in der Deutschnationalen Volkspartei. Von 1929 an widmete er sich dem Sammeln von Kunst, zwei Jahre später trat er in die NSDAP ein.

Die genauen Daten seiner Bilderkäufe können heute nur noch beschwerlich nachverfolgt werden, denn die Aufzeichnungen, die er über seine Kunstkäufe führte, verschwanden angeblich in den Kriegswirren. In Hannover selbst existieren neben der Sammlung Doebbeke noch vier weitere Kunstkonvolute, die 1941 durch die Enteignungen der Nationalsozialisten in städtischen Besitz gelangt waren. Darunter sind impressionistische Kunstwerke aus dem Eigentum von Gustav Rüdenberg, Mobiliar von Klara Berliner oder Goldmünzen von Albert David.

Auf der Suche nach Antworten

Objekte dieser Sammlungen sind damals mit den Mitteln der Stadt Hannover für das Museum August Kestner erworben worden. Direkt nach Kriegsende wurden sie von den westlichen Alliierten beschlagnahmt und teilweise restituiert. Auch die Sammlung Doebbeke war von der umfassenden Rückgabepolitik der Briten und Amerikaner nicht ausgenommen. Corinths Gemälde „Römische Campagna“ beispielsweise wurde aus dem Sammlungsbestand rückübereignet.

Mit Akribie versucht das Museum nun, die Lücken in den Handelswegen der Raubkunst aufzudecken. In der Ausstellung wird das etwa an George Grosz’ Aquarell „In den besten Jahren“ von 1923 gezeigt. Das Bild stellt ein Paar der Berliner Oberschicht dar, als kritische Auseinandersetzung mit den sozialen Ungleichheiten in der Weimarer Gesellschaft. Es wurde 1946 von amerikanischen Besatzern in einem Schließfach der Dresdner Bank in Wiesbaden aufgefunden. Schnell stellt sich heraus, das Doebbeke Eigentümer des Safes war, weswegen er den rechtmäßigen Erwerb des Aquarells nachweisen musste, was ihm damals trotz fehlender Beweise gelang.

Die Ausstellung zeigt, dass Reinhard Spieler, der Direktor des Sprengel Museums, und die Stadt Hannover die Restitutionsfrage pragmatisch angehen, um die Erforschung der Sammlungen und die Spuren der Raubkunst öffentlich zu machen. Zudem soll die aktuelle Ausstellung helfen, Lücken in den Biographien des Ehepaars Elsa und Conrad Doebbeke zu schließen, da immer noch viele Informationen für weitere Restitutionsanalysen fehlen. Auch in der neuen Dauerausstellung im Neubau ist der Provenienzfrage ein umfassender Ausstellungsteil gewidmet. Mit dieser Strategie ist ein weiterer wichtiger Schritt zu mehr Transparenz getan. Was unter deutschen Museen Schule machen sollte.

Verfemt – gehandelt. Die Sammlung Doebbeke im Zwielicht

Von Corinth bis Kirchner. Im Sprengel Museum, Hannover; bis zum 17. November. Ein Katalog ist in Vorbereitung.

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