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Frankfurter Altstadt : Lebendige Boten des Vergangenen

  • -Aktualisiert am

Magie der Spolien: Historische Relikte sind das Gütesiegel der Frankfurter Altstadt. Ein Rundgang lohnt sich, vielerorts versteckt sich spannende Vergangenheit.

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          Im April 1952 geschah beim Durchbruch der neuen Ost-West-Achse, der klaffend breiten Berliner Straße, durch die Trümmerhalden der Frankfurter Altstadt etwas Außergewöhnliches: Plötzlich stoppten die Pressluftbohrer, Abrissbirnen und Bulldozer. Denn beim Abbruch der Ruine eines gründerzeitlichen Geschäftshauses war in deren Erdgeschoss unvermutet ein gotisches Gewölbe aufgetaucht. Sensibilisiert durch die Verluste an letzten erhaltenen historischen Bauten, die zuvor durch überhastete Abbrüche und mangelnde Bausicherung verursacht worden waren, verständigten die Bauarbeiter die zuständigen Behörden.

          Drei Tage später hatte man eine vollständig erhaltene, von zwei weiten, filigranen Kreuzgratgewölben überspannte Kapelle der Spätgotik freigelegt. Schlusssteine mit den Wappen Alt-Frankfurter Patrizierfamilien bezeugten, dass es sich um eine vergessene Hauskapelle handelte. Die Presse jubelte, der Denkmalschutz feierte die Auferstehung eines verschollenen Denkmals.

          Auf die Poesie folgte die Prosa der Aufbauwut: Die Kapelle stand der Fluchtlinie der Berliner Straße im Weg. So wurden der Abbruch und die Lagerung der wichtigsten Bauteile in Frankfurts Historischem Museum beschlossen. Zwanzig Jahre später, als der Museumsdirektor Willi Stubenvoll plante, die Kapelle in den Museumsneubau am Römerberg zu integrieren, waren die wesentlichen Bauteile noch vorhanden. Der Plan scheiterte am fanatischen Willen der Bauherren zum radikal modernen Museum des Betonbrutalismus. Heute fehlt jede Spur der Kapelle; ihre Überreste, im Fachjargon Spolien, sind verschollen.

          Abriss und Verlust bilden heute das Fundament

          Von den fünfziger Jahren bis in die jüngste Zeit trieb und treibt Frankfurt Schindluder mit solchen Überresten seiner Altstadt. Extrembeispiele sind der spätromanische zinnengekrönte Wohnturm des Patriziersitzes Fürsteneck, der seit den Bomben des März 1944 plötzlich freistehend die Trümmer der Fahrgasse überragte – und 1949 wegen eines Risses in seiner Südwand gesprengt wurde. Mit Stahlseilen riss man wenig später die frühgotische, mit einem Stufengiebel geschmückte Westwand des Salzhauses am Römer ein; selbst der Fund eines gotischen Freskos (ein delikat gezeichnetes schachspielendes Paar) hielt den Abbruch nicht auf.

          Das Allerheiligentor, eine vollständig erhaltene, monumentale Anlage der Spätrenaissance: 1953 niedergelegt für eine neue Nord-Süd-Achse. Im Frankfurter Stadtwald vergammelt seit 1906 die prächtige Schaufront des Darmstädter Hofs, eines ehemaligen Palais an der Zeil, dessen gediegene Eleganz so manches deutsche Adelsschloss in den Schatten stellte, und bei einem Bildhauer im Frankfurter Vorort Bonames vermodern die originalen Renaissance-Arkaden und Maskensteine des Hauses „Schwarzer Stern“, das 1983 als Prunkstück der Ostzeile an Frankfurts Römerberg vollständig rekonstruiert wurde.

          Die Reihe der Verluste ließe sich fast beliebig fortsetzen. Eine Wende trat erst ein, als 2010 der Wettbewerb zum neuen Altstadtquartier zwischen Dom und Römer ausgeschrieben wurde. Ein zentraler Punkt darin war die Empfehlung, beim Entwurf der neuen Häuser die Wiederverwendung von Spolien einzuplanen. Favorisiert wurden Bauteile, die nach 1945 auf den betreffenden Parzellen selbst geborgen worden waren. Aber auch bauliche Überreste aus der näheren Umgebung des zum Wiederaufbau vorgesehenen Areals wurden zugelassen.

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