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Schmerz im Goldenen Zeitalter : Der Heiland ist schockierend schön

Ich leide, also bin ich: Das Nationale Skulpturenmuseum in Valladolid zeigt, dass die spanische Kunst des Goldenen Zeitalters keinem Gefühl so vertraut wie der Empfindung von Schmerz.

          5 Min.

          Kulturen soll man an der Quelle studieren. Spaniens Nationales Skulpturenmuseum schickt regelmäßig Holzplastiken zu Sonderschauen nach Deutschland, unlängst zur Ausstellung illusionistischer Kunst im Frankfurter Liebieghaus, im kommenden Jahr bestückt es eine Retrospektive klassischer spanischer Sakralkunst in der Berliner Gemäldegalerie. Doch viel zu wenige Kunstliebhaber statten der Schatzkammer im nordwestlich von Madrid gelegenen Valladolid einen Gegenbesuch ab. Dabei führt gerade diese Sammlung exemplarisch vor Augen, wie die extremen Kulturleistungen des „Goldenen Zeitalters“ zustande kamen - hier in der alten Haupt- und Residenzstadt, der Keimzelle des modernen Spaniens. Schon ihr Gebäude, die dominikanerklösterliche Kaderschmiede Colegio de San Gregorio aus dem späten 15. Jahrhundert, kündet mit ihrem delirierend spitzenklöpplerischen Schaufassadenschmuck von der expansionistischen Euphorie seiner Entstehungszeit, da die christliche Reconquista vollendet und unter spanischer Flagge Amerika entdeckt wurde.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die formplastische Sprache für die radikale Horizonterweiterung fand Alonso Berruguete (1489 bis 1561), dessen rastlos aufgewühlte, wie unter Strom stehende Heiligenfiguren nirgends in solcher Zahl und Qualität zu bewundern sind wie hier. Wie sein Vater, der auch in der Sammlung vertretene Maler Pedro Berruguete, ging Alonso nach Italien, wo er die Antike und die Avantgarde eines Michelangelo studierte. Berruguetes mächtiger Altar aus der Benediktinerklosterkirche von Valladolid beantwortet mit einer antikischen Heiligen Familie, expressiv vorkragenden Prophetenbüsten und anmutig träumenden Sibyllenfiguren dessen Sixtinische Kapelle. Doch den hölzernen Figuren fehlt die muskulöse Statuarik, was nichts mit ihrem leichten, warm organischen Material zu tun hat. Berruguete schnitzt sehnig nervige Körper, die von kreatürlichem Leid, ja Panik übermannt werden. Der physische Schwerpunkt fehlt ihnen, ebenso wie die psychische Mitte eines Subjekts. Der überschlanke, dornengekrönte „Ecce homo“-Christus, offenbar fassungslos angesichts der Abgründe der Menschennatur, lehnt sich an sein Gewand, als wolle er umkippen. Der feingliedrige heilige Sebastian windet sich aufschreiend am Baumstamm. Urvater Abraham, dem sein grauer Bart expressiv vom Kinn fließt, heult, im Begriff, seinen Sohn Isaak zu opfern, den Himmel an. Selten wurden die menschlichen Zumutungen des Christentums auf so drastische und so zeitlose Weise verdeutlicht.

          Von Berbern versklavte weiße Christen

          Juan de Juni (1507 bis 1577), in Burgund geboren und ausgebildet, die zweite tragende Säule der Sammlung, bereichert diese um kerneuropäische Gravitas. Eine Generation jünger als Berruguete, arbeitete auch de Juni für den Königshof und die Klöster der Stadt, deren Kunstschätze nach der Säkularisation den Grundstock des 1842 gegründeten Museums bildeten. Seine über dem Christusleichnam dramatisch zusammenbrechenden Marien, sich vor Schmerz gewagt verschraubende Magdalenen, sein exaltiert tanzender Täufer Johannes beweisen, dass dieser Virtuose anatomischer und Gewandvolumina sich auch die spanische Intensität und Theatralik ganz zu eigen machte. Einzigartig gestaltet de Juni das Alter. In seiner Grablegungsgruppe aus dem Franziskanerkloster wendet die Figur des Joseph von Arimathia, mit dem Ausdruck totaler, nicht affekthafter Trauer im faltigen Gesicht, sich dem Betrachter zu und hält ihm mahnend ein Stück Dornenkrone entgegen. Aus den zerfurchten Zügen seiner Reliquiarbüste der heiligen Anna spricht die Anstrengung, Verluste und Enttäuschungen verarbeiten zu wollen, wie deren Vergeblichkeit.

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