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Pariser Jagdmuseum : Brillianter Fisch sucht Fischerin

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Die Künstlerin Sophie Calle geht im Pariser Jagdmuseum auf die Pirsch und zeigt in ihrer schrägen Schau: Im Angesicht des Todes sind sich Mensch und Tier sehr nah.

          Die Zeiten ändern sich und mit ihnen auch Stil und Inhalt von Kontaktanzeigen. „Zeigen Sie mir eine schöne Braunhaarige“, schreibt so ums Jahr 1900 ein Heiratswilliger, „mit schlichtem, rustikalem Geschmack, die Jagd und Haushalt liebt und Waise ist. Mitgift zuzüglich 5000 bis 20.000 Francs Rente. Belohnung: ein Gewehr.“ Heute klingt das ziemlich anders. „Schöner Fisch, 40 Jahre, brillant, charmant, mit Allüre und ohne Tabu sucht bodenständige Fischerin, um ihr den Hof zu machen.“ Gemein ist beiden Annoncen eines: die Thematik der Jagd. Jagd nach Liebe, Jagd nach Mitgift, Jagd nach einer Haushaltshilfe und/oder besseren Hälfte.

          Die zwei Inserate erheitern zurzeit die Besucherinnen und Besucher des Musée de la chasse et de la nature in Paris. Sie sind dort neben Hunderten weiterer Teil einer neuen Serie der französischen Konzeptkünstlerin Sophie Calle. „Le Chasseur français“ vereint auf zehn Wandtafeln, die je ein Jahrzehnt zwischen 1895 und 2010 abdecken, ausschließlich durch Männer aufgegebene Heiratsanzeigen aus dem titelgebenden Jäger-Blatt.

          Wie ein Trüffelschwein auf Spurensuche

          Auf jeder dieser Tafeln sind einzelne Wörter oder Ausdrücke, die sich von Anzeige zu Anzeige wiederholen beziehungsweise demselben lexikalischen Feld angehören, farblich hervorgehoben. So wird für jedes Jahrzehnt ein Profil der jeweiligen Trophäen-Frau umrissen: „mit oder ohne Fleck“ für das Jahrzehnt vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs; „lieb“, „zärtlich“ und „anhänglich“ für die Zwischenkriegszeit; „vollbusig“ in allen möglichen Variationen für die 1980er Jahre.

          Dass lebende Künstler eingeladen werden, in Museen temporäre Schauen auszurichten, die in Dialog mit der Dauerausstellung treten, ist heute banal. Selten jedoch wirkt das Ergebnis einer solchen Initiative so stimmig wie zurzeit „Beau doublé, Monsieur le marquis!“ im Pariser Jagdmuseum. Das liegt zum einen daran, dass Sophie Calle sich seit je mit Themen befasst, die denen des Musée de la chasse eng verwandt sind. So schafft die Konzeptkünstlerin Dispositive, die Fallen gleichen, um Beute zu schlagen in Gestalt ahnungsloser Passanten beziehungsweise freiwilliger Teilnehmer an ihren Installationen zum Mitmachen.

          Oder aber sie begibt sich gleich einem Trüffelschwein selbst auf Spurensuche, stürzt sich wie ein Bluthund in erschöpfende Treibjagden auf Unbekannte – so sie sich nicht selbst durch einen Privatdetektiv verfolgen lässt. Ein gutes Beispiel für eine derartige Pirsch – um die Jagd-Metapher weiterzuspinnen – ist die „Suite vénitienne“ von 1980, ein Ensemble von Fotos, Texten und Stadtplänen, das die mehrtägige Beschattung eines Quasi-Unbekannten im winterlichen Venedig dokumentiert.

          Zum andern jedoch ist die durch Sonia Voss kuratierte Ausstellung dem Musée de la chasse, seiner Sammlung, seinen Räumlichkeiten und seiner Ambiance ebenso subtil wie passgenau auf den Leib geschneidert. Eine spannende Schnitzeljagd bildet etwa die Suche nach den 38 „Histoires vraies“, die inmitten von Stilmöbeln, Jagdgemälden und historischen Waffen über die Säle, Salons und Kabinette der Beletage verstreut sind. Diese autobiografisch-anekdotischen Textchen mit pointierter Form und oft leicht absurdem Inhalt werden in kitschigen kleinen Rahmen präsentiert, die Hunde und Wölfe, Hirsche und Elche, Adler und Fasane darstellen. Ein anderes älteres Werk, die Serie „Dommages collatéraux. Cœur de cible“, zeigt im sogenannten Trophäensaal, dessen Wände Gewehre und Geweihe sonder Zahl zieren, zehn Porträtfotos von Delinquenten, die in einer US-amerikanischen Stadt als Ziele für Schießübungen missbraucht wurden.

          Im Kabinett der Lockvögel wiederum rezitiert – via Lautsprecher – ein ebenso schräger wie verführerischer Vogel, nämlich Calle höchstselbst, ein dreiminütiges Poem. Es handelt sich dabei um eine Liste von knapp 150 Wörtern oder Ausdrücken aus dem Jägerlatein, die anscheinend nach klanglichen, rhythmischen und semantisch-assoziativen Kriterien komponiert wurde. Dieses Lautgedicht ohne (zumindest für Nichtjäger) erschließbare Bedeutung ist unter dem Titel „Les Fanfares de circonstance“ auch in Form eines Kunstbuchs mit passendem Etui aus Webpelz greifbar, das die Pariser Editions Xavier Barral herausgegeben haben.

          Calles jüngste Arbeiten, fast alle aus dem Jahr 2017, finden sich in den ebenerdigen Sälen für Wechselausstellungen. Die meisten von ihnen thematisieren das Verschwinden – und spezifischer den Verlust geliebter Wesen. Sujets, die sich wie Leitmotive durch das Werk der Künstlerin ziehen, durch den Tod ihres Vaters sowie ihres Katers letztes Jahr aber schmerzhaft neue Dringlichkeit erhalten haben. Calle trägt den doppelten Verlust mit einer charakteristischen Mischung aus verspielter Schwere und hintergründiger Leichtigkeit.

          Ein weiß gerahmter Text über einem Foto des Vierbeiners Souris („Maus“) bringt mit jener unnachahmlich Calleschen Mischung von banal-alltäglicher Anekdotik und schier schockierender Selbstentblößung den feinen Unterschied zwischen den beiden Trauerfällen auf den Punkt: „,Souris‘ ist der Name, den ich am häufigsten in meinem Leben ausgesprochen habe und den ich nachts noch immer manchmal flüstere. Souris’ Lieblingsterritorium war der Raum zwischen meinen beiden Kopfkissen. Diese Leerstelle ohne jeden Atem ist der Ort, wo die Abwesenheit am schreiendsten ist. Verliert man den Vater, schläft man nicht mit seinem Phantom neben sich im Bett.“

          „Beau doublé, Monsieur le marquis!“ ist Calles erste größere Ausstellung in Frankreich seit Jahren. Eine stimmige, schräge, schwerelose Schau. Zu ihrem besonderen Gelingen tragen auch die Skulpturen von Serena Carone bei, welche die Konzeptkünstlerin eingeladen hat, zu ihren oftmals auf Texten und Fotos basierenden Werken einen dreidimensional-figurativen Kontrapunkt zu setzen. „Deuil pour deuil“ etwa („Trauer für Trauer“), eine lebensgroße liegende „Grabfigur“, zeigt Calle inmitten eines Areopags ausgestopfter Tiere, die verstorbene Vertraute verkörpern. Unter ihnen die Mutter, Monique: eine Giraffe. Der Vater, Bob: ein Tiger. Und der Kater Souris: ein Zebra.

          Sophie Calle und Serena Carone. Beau doublé, Monsieur le marquis! Musée de la chasse et de la nature, Paris; bis 11. Februar. Das in der Ausstellung durch Sophie Calle vorgetragene Gedicht „Les Fanfares de circonstance“ ist in einem gleichnamigen Kunstbuch der Pariser Editions Xavier Barral publiziert, das 69 Euro kostet.

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