https://www.faz.net/-gqz-9gzan

Wundersame Rückkehr : Kunstkrimi um gestohlene „Sonnenblumen“ von Emil Nolde

NDR-Intendant Lutz Marmor präsentiert die zurückeroberten „Sonnenblumen“. Bild: obs

Im Mai 2017 fand der NDR-Justitiar Michael Kühn einen Brief in seiner Post mit dem nun einer der spektakulärsten Kunstdiebstähle Hamburgs aufgeklärt wurde – und das nach fast vier Jahrzehnten.

          Sie habe da ein Bild zu Hause hängen, ließ eine Berliner Witwe Kühn in dem Schreiben über ihre Anwältin wissen. Es könne sein, dass es sich dabei um ein Gemälde Emil Noldes handele, das Pfingsten 1979 beim NDR gestohlen wurde. Tatsächlich: Das fast vier Jahrzehnte verschollene Ölbild „Sonnenblumen“, das der Expressionist 1926 malte, ist wieder aufgetaucht.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Am Freitag präsentierte NDR-Intendant Lutz Marmor das kunsthistorisch bedeutsame Gemälde im Hauptsitz des Senders in der Rothenbaumchaussee in Hamburg, nur wenige Büros von dem Zimmer entfernt, aus dem es vor bald vier Jahrzehnten spurlos verschwand.

          „Mit Noldes ,Sonnenblumen‘ verbindet den Norddeutschen Rundfunk eine besondere Geschichte“, sagte Marmor. Die Geschichte des Bildes, das als erstes Sonnenblumen-Gemälde Noldes gilt, mit dem NDR ist älter als der Sender selbst: 1950 kauft Adolf Grimme, der damalige Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks, für sein Arbeitszimmer das Bild des Malers aus Seebüll in Schleswig-Holstein.

          Ein wenig Licht ins Dunkel

          Nolde und Grimme kannten sich schon aus der Weimarer Republik, wo Grimme bis 1932 Preußischer Kulturminister war. Die beiden waren befreundet. 10000 Mark hat der Rundfunk damals für das Gemälde gezahlt. Kunstkäufe seien für die Sender in der Nachkriegszeit kein ungewöhnlicher Vorgang gewesen, sagt Marmor. Der Rundfunk sei, wie andere öffentliche Institutionen, verpflichtet gewesen, auch bildende Kunst zu unterstützen.

          Später hingen die „Sonnenblumen“ in verschiedenen Büros beim NDR in der Rothenbaumchaussee – bis es am Pfingstwochenende 1979 aus dem Zimmer des damaligen Justitiars gestohlen wurde. Mit den „Sonnenblumen“ verschwand Pfingsten 1979 auch ein Aquarell Noldes, „Landschaft mit Bauernhaus“, das bis heute nicht wiederaufgetaucht ist. Die Räume waren über das Wochenende verschlossen, Einbruchsspuren gab es nicht – der Polizei gelang es nie, den Diebstahl aufzuklären.

          Anfang November stand jetzt nun endgültig fest: Das Ölgemälde in der Wohnung der Berliner Witwe war der echte Nolde, der 1979 gestohlen worden war. Die Rückgabe des Bildes und die Berichte der Frau haben jetzt zumindest ein wenig Licht ins Dunkel dieses Kriminalfalls gebracht. Ihr Mann habe das Bild von einem Freund als Geschenk erhalten, ließ die Frau über ihre Anwältin mitteilen.

          Schwierige juristische Situation

          Dieser Freund, ein damaliger Produktionsmitarbeiter des NDR, habe behauptet, er habe das Bild für „kleines Geld“ aus dem Requisitenfundus des NDR erhalten. Jetzt lastet auf ihm der Verdacht, der Dieb gewesen zu sein. Aufklären wird sich der Fall aber nie: Beide Männer sind mittlerweile verstorben. Die Witwe habe herausfinden wollen, wo denn das Original der „Sonnenblumen“ hänge, heißt es. Dabei habe sie in Noldes Werksverzeichnis entdeckt: „1979 in Hamburg beim NDR gestohlen.“

          Da die rechtliche Situation schwierig war, hat sich der Sender bereit erklärt, der Witwe 20000 Euro „Finderlohn“ zu zahlen. Marmor präsentierte das Ölgemälde jetzt hinter Glas, etwas, das Nolde selbst für seine Bilder nie wollte.

          Doch in den Jahren in Berlin hat das Bild gelitten. „Es war nicht in einem optimalen Zustand“, sagte der frühere Direktor des Sprengel-Museums in Hannover, Ulrich Krempel, „man hat es nicht so liebevoll behandelt.“ Der Kunsthistoriker begleitete die Rückgabe des Noldes als Sachverständiger für den NDR.

          Sotheby’s schätzt den Wert der „Sonnenblumen“ heute auf 900.000 bis 1,2 Millionen Euro. Krempel meint, bei einer Auktion sei gut und gerne auch das Doppelte zu erzielen. „Wir haben nicht vor, das Bild zu verkaufen“, sagt Intendant Marmor. „Wir möchten das Bild allen Menschen in Norddeutschland zugänglich machen.“ Die „Sonnenblumen“ werden deswegen in den nächsten Jahren in allen vier Ländern gezeigt, in denen der NDR sendet.

          Den Anfang macht im Frühjahr das Sprengel-Museum, es folgt 2020 die Kunsthalle Hamburg, und später kommen die „Sonnenblumen“ in die Kunsthalle Kiel und für 2022 schließlich ins Staatliche Museum Schwerin. Kunstgeschichte kann so spannend sein wie ein Kriminalroman.

          Weitere Themen

          Ja, aber

          Rundfunkrat zu HR-Umbau : Ja, aber

          Der Rundfunkrat verhält sich abwartend zu den Umbauplänen des Hessischen Rundfunks. Die angepeilte jüngere Zielgruppe wird begrüßt, die aktuellen Umsetzungspläne stoßen auf Skepsis.

          Wiederbelebung der Neiddebatte

          TV-Kritik: Anne Will : Wiederbelebung der Neiddebatte

          Die SPD hatte bisher das einzigartige Talent, die Probleme ihrer Konkurrenz zu den eigenen zu machen. Bei der Debatte um den Solidaritätszuschlag scheint das anders zu sein, wie bei Anne Will zu beobachten war.

          Topmeldungen

          Proteste gegen China : Hongkong ist eine Gefahr für die Weltwirtschaft

          Chinas innenpolitischer Konflikt bedroht die ohnehin schon trübe Weltkonjunktur. Auch Pekings Vorgehen gegen die Fluggesellschaft Cathay sollte deutschen Unternehmen eine Warnung sein – denn auch Daimler und Lufthansa gerieten schon mal ins Fadenkreuz.

          TV-Kritik: Anne Will : Wiederbelebung der Neiddebatte

          Die SPD hatte bisher das einzigartige Talent, die Probleme ihrer Konkurrenz zu den eigenen zu machen. Bei der Debatte um den Solidaritätszuschlag scheint das anders zu sein, wie bei Anne Will zu beobachten war.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.