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Somuk im Musée du quai Branly : Zwischen Ethnographie und Art brut

  • -Aktualisiert am

Undatierte Zeichnung des malenden Klan-Chefs Somuk Bild: Somuk

Eine Ausstellung im Musée du quai Branly zeigt den pazifischen Künstler, der auch Jean Dubuffet inspirierte. „Somuk, der erste moderne Künstler des Pazifik“ ist eine Wiederentdeckung.

          4 Min.

          Oft wurden Missionare in fernen Ländern auch zu ersten Ethnographen neuentdeckter Kulturkreise. Sie beschrieben Lebensweisen, zeichneten lokale Mythen auf, sammelten Kulturgut und brachten ihre Studien zurück nach Europa. Anfang des neunzehnten Jahrhunderts wurde in Frankreich die Ordensgemeinschaft der Maristen-Brüder gegründet, die sich zunächst der Schulbildung widmeten, bald aber auch in die Kolonien aufbrachen und dort neben einem bilderreichen Katechismus Lesen und Schreiben lehrten. In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schickte der Leiter des Pariser Musée de l’Homme den maristischen Missionar und Ethnologen Patrick O’Reilly auf die Insel Bougainville, um völkerkundliche Studien zu betreiben.

          Vor Ort trifft O’Reilly auf den charismatischen Klan-Chef Hermano Somuk. Er ist ein glänzender Erzähler und hat durch die Missionare als einer der ersten Inselbewohner eine „abendländische“ Ausbildung bekommen. Somuk, um 1900 geboren, avanciert zum Katechisten seiner Dorfgemeinschaft, wird aber auch zu O’Reillys bevorzugtem Informanten. Der Missionar drückt ihm Tusche, Bunt- und Bleistifte mitsamt Papier in die Hand und lässt ihn Riten, Mythen und Legenden nicht nur erzählen, wie es in der oralen Kultur des Salomon-Archipels üblich ist, sondern bildlich darstellen.

          Schmerzliche Subordination

          1935 kehrt er mit seinem ethnologischen Material nach Paris zurück und bleibt weiterhin über einen Maristenbruder mit Somuk in Kontakt. Der Blick auf die Inselbewohner ist ein völkerkundlicher. Die Zeichnungen werden als naive und eher pittoreske Bebilderung der lokalen Mythen angesehen, selbst wenn Somuks Talent neben anderen Zeichnern hervorsticht. Erst als Jean Dubuffet, der Maurice Leenhardt, dem Gründer des Musée de l’Homme nahestand, in den vierziger Jahren auf Somuks Zeichnungen aufmerksam wird, ändert sich die Perspektive. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Jean Paulhan organisiert Dubuffet eine Ausstellung bei Gaston Gallimard, dann, 1949, bei seinem Galeristen René Drouin. Die Pariser Intellektuellen begeistern sich für Somuks filigrane Figuren in schwarzer Tusche, für die dramatischen Situationen und ausdrucksvollen Gesten, für den eindringlichen Bezug zur Welt der Mythen und die comicartige Sequenzierung der Erzählung.

          Sogar die Galerie Maeght stellt Somuk aus, der plötzlich, zumindest in Paris, vom ethnologischen Objekt und Mittler zum künstlerischen Subjekt und Gestalter geworden ist. In seinem Dorf auf Bougainville ahnt Hermano Somuk nichts von der fernen Begeisterung über sein Schaffen. Dubuffet nimmt drei Somuk-Zeichnungen in seine Sammlung der „Compagnie de l’art brut“ auf. Bis zu einer letzten Ausstellung im Jahr 1951 in der Pariser „Mission des îles“ bleibt Somuk im Gespräch – dann gerät er wieder in Vergessenheit. Dubuffets Interesse wendet sich zunehmend den marginalen Kunstschaffenden und antiakademischen Outsidern zu.

          Gezeigt werden in Paris siebzig Werke, Fotografien und sonstige Objekte, darunter vierzig Originalzeichnungen. Bilderstrecke

          Das Musée du quai Branly mit seinen hervorragenden Beständen zu allen außereuropäischen Kulturen – von Jacques Chirac, dem ehemaligen Präsidenten und feinen Kenner insbesondere der asiatischen und ozeanischen Kunst initiiert –, beherbergt eine der größten Sammlungen von der Insel Bougainville. Die regelmäßigen temporären Ausstellungen widmen sich oft ungewöhnlichen transversalen oder komparativen Themen. „Somuk, der erste moderne Künstler des Pazifik“ ist eine Wiederentdeckung. Die Ausstellung könnte auch für das Frankfurter Weltkulturen Museum von Interesse sein, das als erstes Museum in Europa, dank des besonderen Engagements seiner Leiterin Eva Raabe, zeitgenössische Kunst aus Ozeanien, insbesondere Papua-Neuguinea sammelte.

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