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Somuk im Musée du quai Branly : Zwischen Ethnographie und Art brut

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Nicolas Garnier, der die Schau konzipiert hat – in der Hoffnung, in einigen Jahren eine umfangreichere organisieren zu können –, forscht schon seit fünfzehn Jahren auf den Spuren von Somuk. Gezeigt werden in Paris siebzig Werke, Fotografien und sonstige Objekte, darunter vierzig Originalzeichnungen. Das besondere an Somuks Zeichnungen ist, dass er nicht nur isolierte Figuren der Mythologie oder Einzeldarstellungen eines Rituals entwirft, sondern Szenen, Landschaften und auch narrative Zyklen bildet, wobei jedes Blatt trotz einer kaum vorhandenen Perspektive von einer inneren Energie belebt wird. Eine der erstaunlichsten Zeichnungen ist eine Nachtszene; hier entsteht durch die Positionierung der schwarzen Figuren, die von grauschwarzen Kreideschlieren umfangen werden, eine unauslotbare und beunruhigende Tiefe im Bild.

Die Ausstellung zeigt Somuks Werke in ihrem Kontext. Der zeitweilige Pariser Enthusiasmus, von dem der Betroffene selbst nichts erfährt, schreibt sich letztlich genauso in eine kolonialistisch geprägte kulturelle Überheblichkeit ein wie die Tatsache, dass seine Zeichnungen von O’Reilly als ethnographisches Material einfach mitgenommen wurden. Vier Zeichnungen von Jean Dubuffet zeigen Somuks möglichen Einfluss. Im Bestand des New Yorker MoMA befindet sich Dubuffets Zeichnung „Plage aux baigneurs“ aus dem Jahr 1944 (in Paris nicht zu sehen), die direkt von Somuk inspiriert sein könnte.

Schmerzlicher ist allerdings die tatsächliche Subordination der Insel-Bevölkerung, die im Quai Branly durch Zeichnungen von Somuk und anderen Künstlern der Insel thematisiert wird: Sie wurde Opfer der japanischen und amerikanischen Luft- und Seeschlachten im Zweiten Weltkrieg, dann zu Zwangsarbeitern einer riesigen australischen Kupfermine. Der Krieg, den die Einheimischen seit 1988 gegen die australischen Verwalter führten, kostete fünfzehn- bis zwanzigtausend Menschen das Leben. Gerade im vergangenen Dezember haben 98 Prozent der Einwohner von Bougainville für die Unabhängigkeit gestimmt, die ihnen laut einem Abkommen nun nach und nach zugestanden werden soll.

In einem die Schau begleitenden Film kommen Somuks Nachkommen zu Wort. Ihnen wurden Kopien seiner Zeichnungen zurückgebracht (nicht die Originale), und sie erinnern sich noch daran, dass er bis zu seinem Tod 1965 unermüdlich malte. Ab und zu sei jemand vorbeigekommen, um die Blätter abzuholen. Bekannt sind heute 96 Zeichnungen. Letztendlich widersteht Somuks künstlerische Arbeit jedoch der Vereinnahmung. Er hatte sich im frühen zwanzigsten Jahrhundert die Bilderwelt der Katechismen angeeignet. Die illustrierte Erzählform, die die Missionare für ihre Überzeugungsarbeit nutzten, und das für ihn neue Ausdrucksmittel des Zeichnens verwendete er, um seine eigene Kultur darzustellen, sie durch die Qualität und Eindringlichkeit seiner Zeichnungen mindestens gleichrangig neben die christliche Bildwelt zu stellen. Er gab ihr dadurch schon damals Wertschätzung und visuelle Existenz zurück, seinen Nachfahren heute Stolz und ein Stück ihrer kulturellen Identität, selbst wenn ihnen die Originale noch vorenthalten werden.

Somuk – Der erste moderne Künstler des Pazifik. Im Quai Branly, Paris; bis zum 8. März. Kein Katalog.

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