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Hopper-Ausstellung in Basel : Maler des amerikanischen Albtraums

Das Sonnenlicht auf einer Hauswand – mehr wollte Edward Hopper, wie er in einem seiner seltenen Interviews bekundete, nie malen. Wie unheimelig und unwirtlich seine Häuser und Landschaften sind, zeigt die Fondation Beyeler in Riehen.

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          Drei Zapfsäulen vor einem Tankstellenhäuschen in nächtlicher Waldlandschaft, 1940“. So würde vermutlich Künstliche Intelligenz, unfähig zur Empathie, Edward Hoppers berühmte Tankstelle „Gas“ beschreiben. Menschen allerdings würden auf diesem Aushängeschild seiner Kunst, nun zu sehen in der Ausstellung „Edward Hopper“ in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel, beträchtlich mehr erkennen.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Sie würden die mehr als merkwürdige Beleuchtungssituation des hölzernen Tankstellenhäuschen bemerken, das wie eine chinesische Pagode aus allen Tür- und Fensteröffnungen in die Dämmerung hinausstrahlt, dabei aber noch nicht einmal eine Tür nach außen oder Stühle und Vorhänge innen hat – dieser Pavillon scheint nach allen Seiten offen; Schutz bietet er nicht. Dann stehen da diese drei anthropomorphen, grellroten Zapfsäulen mit ihren leuchtenden Köpfen.

          Sie überragen den bejahrten Tankwart fast um das Doppelte. Ist die Gasse zwischen ihnen und dem Haus schon so eng, dass ein damaliger Straßenkreuzer – den man sich in dieser gottvergessenen Waldeinsamkeit ohnehin kaum vorstellen kann – nicht hindurchpassen würde, wirken drei Tanksäulen für diesen einen Menschen surreal überfordernd. Zumal in der Parkgasse niemals drei Autos hintereinander Platz hätten. Nicht zuletzt manipuliert Hopper das Signet der Ölfirma Mobilgas auf dem Schild subtil, so dass der feuerrote Pegasus seinen Kopf nun zur Seite wendet und in gestrecktem Galopp zu einem gewaltigen Sprung über die Zaunhürde des undurchdringlich dichten schwarzgrünen Waldes ansetzt. So viel Musenflug des geflügelten Rosses wirkt schlicht deplaziert in dieser menschenleeren Einöde.

          Ins Innere dringt man nicht vor

          Hopper scheint damit in der Art Magrittes in „Gas“ eher die leere Seelenlandschaft des alten Tankwarts zu porträtieren als eine real existierende. Es ist tatsächlich „Ein neuer Blick auf Landschaft“ – im Gegensatz zu „Natur“ eben immer menschengemacht –, der in Basel laut Untertitel der Schau auf Hoppers Bilder gerichtet wird. Wenig verwunderlich auch, haben auf ihn folgende Maler wie Ruscha, Warhol oder Richard Prince doch diese mit symbolträchtigen Werbeschildern angereicherten Landschaften einer staubigen Psyche verehrt.

          Der wesentliche Unterschied zwischen Menschen und KI ist somit, dass die Maschine es nie vermag, über ein Bild und das in ihm Dargestellte hinauszudenken; sie wird daher per definitionem kein Bild von Hopper verstehen können. Gefragt, welchem Stil Hopper mit der Tankstelle eigentlich zuzuordnen wäre, würde der Computer im Bestfall vielleicht ein „Durch Ausbildung in Paris von der Lichtmalerei des französischen Spätimpressionismus geprägt, entwickelte Hopper von den zwanziger Jahren an ein amerikanisches Pendant zur Neuen Sachlichkeit in Deutschland“ herunterrattern. Auch das würde nicht den eigentümlichen Kitzel seiner Bilder erklären, die doch eher dem Magischen Realismus eines Edgar Ende oder Franz Radziwill ähneln. Das Wesentliche bei ihm spielt sich außerhalb der Bilder, in unserer Phantasie ab – für logisch denkende Zeitgenossen und Maschinen bleibt es unsichtbar.

          Die beiden aufeinanderfolgenden Häuser in „Two Puritans“ etwa haben keine Türen im dafür vorgesehenen Rahmen – es starrt eine weiße Fläche auf die Außenwelt. Ins Innere dieses puritanischen Gebäudes dringt man nicht vor, will es auch nicht.

          Oder auch „Cape Cod Morning“ von 1950. Aus dem dreiseitigen Erker eines aseptisch weiß gestrichenen Hauses in einer Waldeinsamkeit blickt eine Frau in Rot auf die verdorrte Wiese vor ihr. Indem die Frau sich weit vorgebeugt mit beiden Armen auf ein Tischchen vor sich stützt, um mit ihrem Oberkörper so nah wie möglich an das vordere Fenster zu gelangen, kann der Betrachter gar nicht anders, als ihren Blick nach draußen als offensichtlich sehnsuchtsvoll zu empfinden. Zumal ansonsten nichts auf dem Bild passiert und die Frau im Erker auffällig vom Licht der Morgensonne wie von einem Filmspot beleuchtet wird. Wer oder was da allerdings auf das Haus zukommt, ist nicht zu sehen und wird vom Maler wiederum bewusst außerhalb des Bildes gelassen.

          Perfide aber ist Hoppers Gestaltung des Erkers: Er läuft derart schmal zu, dass auf der Frontseite, aus der die einsame Frau nachgerade gierig die Landschaft mit ihren Blicken abgrast, nur noch ein schießschartenschmaler Sehschlitz übrig bleibt. Allein mit diesem optischen Kniff, der abermals eher unterbewusst wahrgenommen wird, macht Hopper Einsamkeit und Eingesperrtsein der Frau deutlich. Nicht im geräumigen Haus porträtiert er die Spähende, vielmehr in der klaustrophobischen Enge eines stark durchfensterten Erkers, wie ein Falter unter einem Glassturz. Hierin gleichen seine Bildgefängnisse denen Carl Spitzwegs: den isolierten Albraum-Bewohnern wie dem armen Poeten in seiner Dachkammer, den Kaktusliebhabern am Fenster oder den Eremiten in Waldhöhlen, die sich in den Vereinigten Staaten glänzend verkauften und die Hopper, zeitlebens sehr interessiert an deutscher Kultur, kannte.

          Es ist zudem dasselbe bretterbeschlagene Haus, das Alfred Hitchcock 1960 für den Film „Psycho“ von seinem Bühnenbildner nach dem Vorbild „House by the Railroad“ von 1925 bis ins kleinste Detail der sogenannten stehenden Volutenkonsolen unterm Dachgesims nachbauen ließ. Einsam auf einer Anhöhe stehend und mit seinen dunklen Fensteraugen den unglücklichen Zufallsbesuchern entgegenglotzend, möchte man in diesen Hopper-Häusern weder hinter den Duschvorhang noch auch nur vorübergehend unterschlüpfen.

          Was man über Edward Hopper weiß

          Hopper ist der Maler des amerikanischen Albtraums. Einige seiner Bilder waren vergangenes Jahr in der Kölner Schau „Es war einmal in Amerika – 300 Jahre US-amerikanische Kunst“ als Ikonen dieses zwiespältigen Landes ausgestellt. Und so nimmt es auch nicht wunder, dass sich Barack Obama die abschüssige, rotgestrichene Farmscheune „Cobb’s Barns, South Truro“ von 1930, vielleicht sogar im Hinblick auf Wähler im ökonomisch abschüssigen Mittleren Westen, ins Oval Office hing. Ein Meisterwurf Hoppers, wie der Blickwanderer vom Hang oberhalb der roh gezimmerten Farm auf diese stürzt, was sich in Basel im Saal mit dem Bild gleich mehrfach durch Wiederholung derselben Idee des Ins-Bild-Stürzens auf weiteren Gemälden am eigenen Leib erfahren lässt. Eine Überraschung ist zudem der Raum mit Zeichnungen und Aquarellen, etwa „Road and Rocks“ von 1927, mit raschen Kohlestrichen. Hier ist Hopper dem Film der Roaring Twenties am nächsten.

          Der im letzten Saal gezeigte, eigens zur Schau gedrehte Film von Wim Wenders rundet sie ab: In einem Henne-oder-Ei-Loop namens „Two or three things I know about Edward Hopper“ zitiert ihn der Regisseur von „Paris, Texas“ und „Don’t Come Knocking“ (aus dem die Hopper-Häuser des Baseler road movie stammen) und fragt, wie sehr Hopper vom Film seiner Zeit geprägt ist und wie stark er wiederum Filme von Hitchcock, natürlich von Wenders selbst, aber auch von David Lynch und vielen anderen Spezialisten des Psycho-Suspense beeinflusste. Könnte es sein, dass uns die Bilder Hoppers als nächtliche Traumbilder immer schon begleitet haben?

          Edward Hopper – Ein neuer Blick auf Landschaft. In der Fondation Beyeler, Basel; bis zum 17. Mai. Der Katalog kostet 58 Euro.

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