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Smartphone-Kunst : Ein Dialog in Handybildern

Bild: Fotografie als Sendung

Fotos, die bewegen: Wir scannen die Welt mit unseren Smartphones und ahnen gar nicht, wie viel Kunst in dem viel kritisierten Massenphänomen steckt - wenn man nur die Bilder miteinander sprechen lässt.

          3 Min.

          „Durch Bilder über Bilder sprechen“ – das ist das Anliegen von Gunnar Schmidt, Professor für Theorie und Praxis des Intermedialen, und Frank Wache, Fotograf und Gründer einer Hamburger Designagentur. Sie nahmen die Smartphone-Fotografie zum Anlass, in einen Dialog zu treten, der mit den „flüssigen“, schnellen Handybildern spielt. Auf dem ersten internationalen „Smartphone-Photographie“-Kongress in Mannheim wurde ihr Projekt und Buch vorgestellt.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Anders als getragene Theorien der Ästhetik, deren Bezugspunkt stets die komplexe Kunst in all ihren Facetten ist, ermöglicht das Smartphone den beiden Autoren eine spielerische Leichtigkeit, die trotzdem die „intellektuelle Lust am Bild“ nicht verliert. Sorglosigkeit bestimme vielmehr die Bebilderung von Kommunikation. „Fotografie als Sendung“ heißt denn auch ihr kleines Buch, in dem Schmidt und Wache ihr interessantes Projekt einer Verbindung von ästhetischer Imagination, Spiel und Dialog auf Grundlage der Smartphone-Fotografie veranschaulichen.

          Es enthält Texte beider Autoren, die der Machart eines Messengers nachempfunden sind, und Fotos, die ausschließlich mit dem Smartphone gemacht wurden. Die Welt ist eine einzige Bildoberfläche, die wir scannen – so beschreiben Gunnar Schmidt und Frank Wache unsere durch die Smartphones vermittelte Wahrnehmung. „Wir illuminieren die Welt“, umgeben von einer Unordnung der Bilderflut, die nicht zwangsläufig eine Verfallserscheinung darstelle, sondern vor allem mehr Freiheit erlaube: „die Freiheit ist nicht nur die Rückkehr zu einer laienhaften Ästhetik, zum gedankenlosen Knipsertum, sondern die Voraussetzung dafür, dass ein anderes Aussagen, ein anderes Formen stattfinden kann.“

          In der Smartphone-Fotografie seien Bilder nicht mehr Abbilder, sondern „Fahrzeuge in freier Bewegung, die sich selbst Zweck und Mittel sind“. Was passiert, wenn diese Fahrzeuge mit Texten in Verbindung gebracht werden? Wie sieht der von Schmidt und Wache erdachte Bilderdialog in seiner Umsetzung aus?

          Zunächst einmal ist es ein Dialog der Ungleichen, denn die Praxis des Fotografierens hat nur einer der beiden professionell gelernt. Somit stehen sich Profi und Laie gegenüber. Über die „Demokratisierung oder Enthierachisierung durch das Smartphone“ seien sie in der Lage gewesen, sich anders zu begegnen. Diese Feststellung spiegelt ein Stück weit die neue Realität der Smartphone-Existenz, die durch ihre massenhafte Verbreitung in der Tat egalitaristische Effekte hat. Jeder kann heute fotografieren – dass dies aber nicht nur zu beklagen ist, sondern produktiv gewendet und sogar zur Etablierung eines neuen ästhetischen Akteurs führen kann, zeigen Schmidt und Wache meisterhaft in ihrem schmalen Bändchen, das gerade durch seinen Werkstattcharakter seinen Charme erhält.

          Es transportiert in Text und Bild das intellektuelle Spiel, das die beiden Autoren in Form ihres bebilderten Dialogs der Unberechenbarkeit spielen. Frank Wache erklärt, dass das Projekt als „eine Art Entwicklerschale“ zu verstehen sei, „in die wir digitale Bilder von heute werfen, um zu sehen, was aus ihnen darin wird“.  Dabei gilt für beide, den „Bildermacher“ und den „Bildforscher“, das Prinzip, dass die Bilder für sich sprechen, und zwar nicht als singuläres Ereignis, sondern als „Korrespondenz“ zwischen zwei Bildern.

          Zu diesem Zweck haben die Autoren nach ihrem dialogischen Text, der das Projekt erklärt und theoretisch reflektiert, auf jede Doppelseite zwei Fotos gestellt, die sie mit dem Smartphone gemacht haben – jeweils eines von Schmidt und eines von Wache, wodurch das Prinzip des Dialogs fortgesetzt wird. Zwischen diesen Bildern, das ist die erzählerische Absicht, die dahintersteckt, passiert etwas. So wird das Foto nicht nur, wie Schmidt einmal schreibt, „etwas anderes, sobald ich es an dich versende“, sondern es bekommt in seinem Bezug zum gegenübergestellten Foto auch eine neue Bedeutung, die sich bei jeder Betrachtung noch einmal verändern kann: „Eine aufeinander wirkende Kombination kann wie quer gestellte Spiegel wirken, wo sich etwas beständig ineinander bewegt, das niemals zur Ruhe kommt.“

          Da findet sich zum Beispiel ein Bild von einem Schmetterling, einem Pfauenauge, der auf einem gelben Vorhang sitzt; die Vorhangstange scheint zu leuchten. Das gegenüberliegende Bild zeigt einen erleuchteten Fußboden, der in verschiedenfarbigen Quadraten unterteilt ist. Schattenumrisse von Menschen stehen auf dem Boden, zu sehen sind aber nur ihre Füße und Beine; einer fegt etwas weg, vielleicht Rosenblätter. Was ist das verbindende Element zwischen den Bildern? Das Leuchten? Die Farben? Die Fotos faszinieren in ihrer gemeinsamen Betrachtung, vielleicht gerade weil sie so viele Fragen aufwerfen und doch auf unbestimmte Weise harmonisch wirken.

          Massenphänomen wird Kunstphänomen

          Ein anderes Bilderpaar zeigt verpixelt ein Hochhaus bei Nacht, am Himmel steht der Halbmond. Das Pendant zu diesem Foto ist das Bild von einer Art blauem Schal mit zwei Löchern, der offenbar auf einem Bett liegt. Durch die Löcher sieht es so aus, als zeigte das Bild ein Gesicht mit zwei Augen. Und plötzlich scheint es so, als gehörten beide Fotos untrennbar zusammen, als würde das freundliche Gesicht mit dem Mond sprechen.

          Mit diesem Projekt zeigt sich die Smartphone-Fotografie von einer Seite, die vermutlich die wenigsten vermutet hätten. Aus einem Massenphänomen, das regelmäßig Gegenstand harscher Kulturkritik ist, wird hier anspruchsvolle Kunst destilliert, die zugleich einen hohen Unterhaltungswert hat. Sie stimmt einen zuversichtlich, weil sie die flächendeckende Smartphone-Fixierung produktiv zu wenden versteht und sich gegenüber den neuen Entwicklungen der Fotografie nicht verschließt.

          Die Bilder von Gunnar Schmidt und Frank Wache sind in ihrer dialogischen Anordnung auf wundersame Weise in Bewegung, sie bringen den Betrachter zum Lachen und vermögen all jene zu berühren, die sich auf diese Form der Imagination einlassen können. Und so mag auch für die Leser gelten, was einer der Autoren über sich selbst sagt: „Das Bild, wenn es mir geglückt erscheint, belebt mich.“

          Das Buch

          Frank Wache/Gunnar Schmidt: „Fotografie als Sendung. Ein Dialog“, Berlin: Edition Imorde 2016, 96 S. 19,80 €.

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