https://www.faz.net/-gqz-8yj68

„Skulptur Projekte“ Münster : Der heiße Draht von Marl

Am kommenden Wochenende eröffnet in Münster die Schau „Skulptur Projekte“. Die Großausstellung lädt alle zehn Jahre Künstler aus aller Welt ein. Im Ruhrgebiet setzt sie jetzt schon einen Kontrapunkt.

          „Ich hoffe, es ist niemand vom Bauordnungsamt der Stadt Marl da“, strahlt Bürgermeister Werner Arndt in seiner launigen Begrüßungsrede, „weil wir eigentlich die Vorschrift haben, nicht mehr als 280 Personen in diesem Saal zu empfangen.“ Doch „es sind deutlich mehr“. Den quirligen Malochertyp, der als ausgebildeter Energieanlagenelektroniker unter Tage gearbeitet hat, ficht das nicht an. Im Gegenteil: Stolz erklärt er, dass noch nie so viele Besucher, und dazu habe er sich mit dem langjährigen Museumsdirektor Uwe Rüth bereits ausgetauscht, zu einer Kulturveranstaltung ins „denkmalgeschützte Rathaus“ gekommen seien. Was ist los in Marl? Wie kann es sein, dass die Kunst sich hier frech über geltende Vorschriften hinwegsetzt und so viele Menschen auf die Beine bringt?

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Als Hotspot der Kunst ist die 85.000-Einwohner-Stadt am Nordrand des Ruhrgebiets bisher nicht gerade aufgefallen – oder, um genau zu sein, lange nicht mehr. Doch an diesem Sonntag erlebt sie ihr kleines Pfingstwunder: Die Skulptur Projekte, jener Ausstellungszyklus zur Kunst im Stadtraum, der seit 1977 alle zehn Jahre in Münster stattfindet, eröffnet ihre fünfte Ausgabe 2017 nicht mit einem Heimspiel, sondern im sechzig Kilometer weiter südlich gelegenen Marl, das sie sich als kritischen Kontrapunkt ausgesucht hat: „The Hot Wire“, so der Titel einer mit dem Skulpturenmuseum Glaskasten erarbeiten Kooperation, soll einen heißen Draht zwischen beiden Städten spannen. Ist Marl als Partner für einen Perspektivwechsel der Skulptur Projekte in Münster, was Athen für die Documenta in Kassel ist? Der Vergleich hinkt gewaltig, und das nicht nur mangels Akropolis (und allem, wofür sie steht).

          Das Kuratoren-Team der Skulptur-Projekte Münster 2017, Marianne Wagner (von links), Kasper König und Britta Peters stehen in Münster (Nordrhein-Westfalen) auf dem Dach des LWL-Museums vor dem Dom.

          Und doch ist etwas dran. Denn auch Marl ist ein Synonym für Krise, wenn auch weniger der finanz- als der strukturpolitischen. Die beiden Städte, keine Autostunde voneinander entfernt, könnten unterschiedlicher kaum sein. Kasper König, Mitinitiator und künstlerischer Leiter der Skulptur Projekte, stellt es heraus: Münster, mehr als 1200 Jahre alt, Bürger- und Universitätsstadt – „sehr in sich ruhend, alles picobello, man registriert kaum etwas anderes“ – mit der Tendenz zum „akademischen Florida“; Marl, eine Zusammenlegung von Dörfern und Industriearbeitersiedlungen, der die Nationalsozialisten 1936, zwei Jahre vor Gründung der Chemiewerke Hüls, die Stadtrechte verliehen. Erst 2015 wurde die letzte Zeche geschlossen, der Chemiepark ist einer der größten in Deutschland.

          Starke Tradition gegen schwache Tradition. Diese erlaubte Marl, als es in den fünfziger Jahren rasant gewachsen ist und eine der reichsten Kommunen im Ruhrgebiet wurde, einen Neuanfang zu setzen und sich eine große Zukunft zu entwerfen: Das Amtshaus im alten Stadtkern war zu klein geworden, ein neues Rathaus sollte zur neuen Mitte werden, die besten Architekten Europas, darunter Alvar Aalto, Arne Jacobsen und Hans Scharoun, wurden zum Wettbewerb geladen, den Johan Hendrik van den Broek und Jacob Berend Bakema aus Rotterdam gewannen.

          Unser Angebot für Erstwähler
          Unser Angebot für Erstwähler

          Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

          Zum Angebot

          Das Rathaus besteht aus einem flachen Publikumsgebäude, einem Stahlbetonskelettbau mit freitragendem, gestrecktem Faltwerkdach, sechzig Meter lang und 28 Meter hoch, sowie zwei Dezernatstürmen, den ersten Hochhäusern (43 und 35 Meter) in Deutschland mit einer Hängekonstruktion: Eine „Stadtkrone“ (Bakema), die zusammen mit dem von einem Luftkissendach versehenen Einkaufszentrum „Marler Stern“ sowie dem künstlich angelegten City-See eine Platzanlage flankiert. Doch „das deutsche Klein-Brasilia“, so der Schriftsteller Horst Krüger 1968 im „Merkur“, ist, von der Kohlenkrise eingeholt und ausgebremst, ein Torso geblieben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

          „Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

          Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.