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Shakespeare-Porträts : Dies Bildnis ist bezaubernd blass

Im Mainzer Dom- und Diözesanmuseum wurden zwei Shakespeare-Porträts vorgestellt. Aber zeigen sie ihn wirklich? Die Bilder werfen Fragen auf. Und dann ist da noch diese Maske.

          Runde Geburtstage können ausgesprochen praktisch sein: Erst tauchte pünktlich zu Büchners zweihundertstem Geburtstag die Zeichnung eines jungen Mannes auf, in dem Teile der Büchnerforschung den jungen Georg erkennen möchten. Jetzt wurde mit viel Voraustrubel die Präsentation gleich zweier Porträts angekündigt, für die der vor 450 Jahren geborene Shakespeare persönlich Modell gesessen haben soll. Ort der Enthüllung: das Dom- und Diözesanmuseum in Mainz. Warum ausgerechnet hier? Weil der Mainzer Domherr Franz von Kesselstatt (1753 bis 1841) einer der Besitzer der umstrittenen Totenmaske Shakespeares war, deren Echtheit die Anglistin Hildegard Hammerschmidt-Hummel 1995 mit Unterstützung von medizinischen und kriminaltechnischen Gutachtern bewiesen haben möchte.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Jetzt hat die Forscherin ihre vor allem mit Hilfe eines ehemaligen BKA-Mitarbeiters entwickelten Untersuchungsmethoden auf zwei Gemälde angewendet, von denen in Mainz indes nur Reproduktionen zu sehen waren: das sogenannte „Wörlitz-Porträt“ aus dem Besitz der Fürsten von Anhalt-Dessau gilt seit 1945 als verschollen, das „Boaden-Porträt“ ist nur von einem Stich bekannt, den der Journalist und Shakespeare-Forscher James Boaden 1824 in einem Buch publizierte, das pikanterweise der Frage nach der Authentizität diverser Shakespeare-Bildnisse gewidmet war. Einigermaßen rätselhaft ist, dass Boaden in seinem Werk kein Wort über die Abbildung verloren hat.

          Die Originale sind also verschwunden, aber für die Thesen der Anglistin ist das nicht weiter schlimm, denn Hildegard Hammerschmidt-Hummel hat ein Argumentationsmuster entwickelt, bei dem sich eine hübsch biegsame Indizienkette zum Zirkelschluss rundet. Die Kurzformel lautet etwa so: Die Porträts ähneln der Totenmaske, die Totenmaske ist echt, also sind die Porträts echt. Und da die Porträts echt sind, muss die Totenmaske es ja erst recht sein. Shakespeares Grabmal in Stratford wurde übrigens nie geöffnet und auch nicht vom BKA untersucht. Der Dichter hat in weiser Voraussicht in seiner Grabinschrift all jene verflucht, die es wagen würden, seine Gebeine zu bewegen. Und mit Flüchen ist es wie mit Dichterreliquien: Alles ist wahr, wenn man daran glaubt.

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