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Serpentine Gallery : Wir bauen Sommerhäuser für alle

  • -Aktualisiert am

Wand mit Reißverschluss oder Plexiglasschlange, die ein Nilpferd verspeist hat? Der dänische Architekt Bjarke Ingels interpretiert eine Tradition. Bild: AFP

In London hat die Serpentine Gallery einen von Bjarke Ingels entworfenen Pavillon eröffnet, dazu erstmals vier experimentelle „Summer Houses“. Sie richten den Blick auf Bauutopien und Traditionen.

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          Vor einigen Jahren hatte der japanische Architekt Sou Fujimoto eine schöne Idee für ein aberwitzig schmales Grundstück in Los Angeles: Man könnte dort statt eines Hauses mit vier dünnen Wänden einfach eine sehr dicke Wand auf das Grundstück stellen, eine Wand mit Öffnungen, in die man sich einnistet wie in einen Felsen – man würde so nicht in seinen vier Wänden, sondern in der Wand selbst wohnen, sie wäre keine schmale Trennung mehr zwischen einem Innen und einem Außen, sondern selbst ein Raum.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Was man aus dieser Idee der bewohnbaren Wand auch machen kann, zeigt der dänische Architekt Bjarke Ingels jetzt in den Kensington Gardens. Seit dem Jahr 2000 hat die scheidende Leiterin der Serpentine Gallery, Julia Peyton-Jones, jedes Jahr einen Architekten beauftragt, für die Sommermonate einen temporären Pavillon in den Park hinter ihrem Haus zu stellen. Einer der spektakulärsten war vor zwei Jahren der aus hauchschmalen Stahlbeinen zusammengesetzte Pavillon von Sou Fujimoto, der wie eine verpixelte weiße Wolke, die gerade Gestalt annahm, in der Landschaft schwebte, als leichte Überdachung eines Cafés diente, aber auch als Bühne und Amphitheater, auf dessen getrepptes Dach man hinaufklettern durfte. Verglichen mit diesem filigranen Zauberwerk, ist das, was Ingels jetzt in den Park stellte, eine sehr eindeutige Sache: Der Däne ließ 1800 Fiberglasmodule so stapeln, dass es aussieht, als hätte man eine Wand wie einen Reißverschluss aufgezogen. Man könnte auch sagen: Wenn ein Elefant sich längs in eine aus Kisten aufgestapelte Wand drängeln würde oder wenn eine gepixelte Boa Constrictor ein unsichtbares Nilpferd verschluckte, sähe das Ergebnis so aus.

          Aus jedem Blickwinkel heraus entstehen vielseitige Assoziationen mit dem Bau der Bjarke Ingels Group.

          Das Erstaunlichste an diesem Pavillon ist der Effekt der plötzlichen Entmaterialisierung: Weil die aus vier Platten zusammengeschraubten Fiberglas-Bausteine an den Stirnseiten offen sind, wirkt der Pavillon je nach Blickwinkel mal wie eine massive Skulptur, mal wie ein transparentes Netz, das zwischen den Bäumen aufgespannt wurde. Hinaufklettern wie auf den Pavillon von Fujimoto, auf ihm auftreten, herumhängen darf man aber nicht. Man geht hinein wie in einen Sakralraum und erfreut sich an den Lichteffekten (überhaupt erinnert das Ding sehr an eine ambitioniertere skandinavische Kapelle).

          Am Tag der Eröffnung stand ein Kran neben dem Pavillon und stapelte die letzten Module auf, und man dachte, das wäre wirklich ein aufregendes Projekt im Geist der großen Bau-Utopiker von Superstudio, wenn dieser Kran die kommenden Monate einfach immer weiterarbeiten würde und der Pavillon wie eine metabolistische Endlosschlange quer durch London und in Richtung Europa wachsen würde, als Anti-Brexit-Happening, aber so war das mit dem Kran nicht gedacht; man war schlicht nicht fertig geworden.

          Der Pavillon des deutschen Architekten Barkow Leibinger ist mehr Wahrnehmungsmaschine denn Gebäude.

          Ein historisches Vorbild für die gekippten Wände und den geschwungenen Grundriss des diesjährigen Pavillons findet man in Le Corbusiers 1957 entworfenem Philips-Pavillon – vor allem aber ist die Fiberglaskathedrale mit ihrer getreppten Fassade ein typischer Ingels-Bau: Er könnte auch das übergroße Modell für eine der zahlreichen terrassierten Wohnanlagen sein, mit denen die Architekturfirma des 1974 geborenen Architekten, die den breitbeinigen Namen B.I.G. trägt und ein zeichenhaftes Haus nach dem anderen auf den Markt der spektakulären Formen donnert, bekannt wurde. Demnächst stellt B.I.G. einen pyramidenförmigen Luxusapartmentturm in Manhattan fertig, in London arbeitet man an den Google Headquarters, in Kalifornien am Googleplex, einem 316000 Quadratmeter großen Campus im Stil von Buckminster Fuller und Frei Otto, den großen Utopikern der sechziger Jahre.

          Dass diese Utopiker in London nicht nur als Zitatbaukasten für die Superarchitekturfabriken des kognitiven Kapitalismus auftauchen, ist der Entscheidung der Serpentine-Kuratoren zu verdanken, in diesem Jahr nicht nur einen Pavillon, sondern dazu – als Abschiedsgeschenk von Peyton-Jones an die von Mietpreisen und allgemeinem Immobilienwahnsinn geplagten Londoner – auch noch vier weitere Pavillons als öffentliche Sommerhäuser zu errichten. Ein solches Sommerhaus gab es im Park nicht weit von der Serpentine Gallery entfernt schon – den 1734 von William Kent entworfenen neoklassischen „Queen Caroline’s Temple“. Vier Architekten wurden beauftragt, eine Antwort auf Kent zu finden – der 1976 geborene nigerianische Architekt Kunlé Adeyemi, das deutsch-amerikanische Büro Barkow Leibinger, der Londoner Architekt und Designer Asif Khan und der 93 Jahre alte ungarisch-französische Architekturutopiker Yona Friedman, der in seinem Leben zwar kaum etwas gebaut, aber das architektonische Denken vielleicht mehr als jeder andere lebende Architekt beeinflusst hat.

          Die „Innenansicht“ des Leibinger Pavillons zeigt, dass kein Dach vorhanden ist. Es geht um Licht, Geräusch, Geruch und andere Sinnlichkeiten.

          Friedman wurde 1956 mit seinem Manifest für eine mobile Architektur berühmt, einem Generalangriff auf die dogmatische und technokratische Nachkriegsmoderne. Die leichten Stahlrohrstrukturen, die er jetzt in den Kensington Gardens auftürmt, könnten Böden und Decken tragen und so zu einer „Ville spatiale“ anwachsen, in der die Bewohner flexibel und spontan an-, um- und überbauen können, wie sie es möchten – es ist eine Architektur ohne Architekten, eine Weak-Form-Struktur, der es nicht darum geht, Skulpturen zu schaffen, sondern Netze und Bühnen, auf denen sich das Leben in seiner ganzen Ungeplantheit einnisten soll.

          Auch keine Skulptur im klassischen Sinn ist Barkow Leibingers dynamisch kurvende Struktur aus gebogenen Sperrholzplatten – sie wirkt eher, als hätten die labyrinthisch mäandrierenden Bewegungen der Parkbesucher eine Form angenommen. Dieses Sommerhaus ist der Wiedergänger eines ebenfalls von Kent entworfenen, später abgerissenen Tempels, der sich um 360 Grad drehen ließ und so Blicke in alle Richtungen ermöglichte. Barkow Leibingers Sommerhaus, das aus jedem Winkel anders aussieht und weder Vorder- noch Rückseite hat, ist eine gebaute Unruhe, die nicht Schutz bieten und immobilisieren will, sondern wie ein Barockbau zum Aufbruch und Weitergehen treibt (und mit seinem Serpentinata-Motiv eine charmante Antithese zum statuarischen Neoklassizismus des Kent-Tempels ist): Das Haus ohne Dach ist eine Maschine zur Wahrnehmungssteigerung, in der man dem Tropfen des Regens auf dem nassen Holz zuhört und in die verregnete Wiesenlandschaft der Gardens schaut, die wie in Antonionis „Blow up“ vor dem Schwarz der alten Bäume liegt – und das etwas sparkassenvorhangsartige Objekt von Khan in einen gnädigen Nebel aus alles durchdringender Feuchtigkeit hüllt.

          Kunlé Adeyemis Sommerhaus schließlich sieht aus, als habe jemand Kents Tempel aus der Verankerung gerissen und um neunzig Grad auf die Nase gekippt, so dass er mit der Fassade nach unten im Gras liegt. Die Form, die entsteht, hat der in Amsterdam und Lagos arbeitende Architekt mit dünnen Sandsteinplatten verkleidet und innen mit weißem Kunstleder bezogen, so dass Architektur und Möbel, das Öffentliche und das wohnzimmerhaft Private, durcheinandergebracht werden – das Sommerhaus als Sofa für die Stadt.

          Wie jung einen das utopische Denken hält, konnte man am Eröffnungsabend bei einem Fest im Haus des Architekten Richard Rogers sehen, in dem eine Band spielte und Yona Friedman, gestützt von seiner Tochter, in der wogenden Menge energisch mittanzte. Er entwerfe gerade, erzählte er, als er sich kurz unter einem Gemälde von Cy Twombly hinsetzte, eine Stadt für Flüchtlinge, aber da kam schon wieder ein Lied, das ihm gefiel, und so tanzte der Architekt unbeirrt weiter in die Londoner Nacht hinein.

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