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Serpentine Gallery : Wir bauen Sommerhäuser für alle

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Dass diese Utopiker in London nicht nur als Zitatbaukasten für die Superarchitekturfabriken des kognitiven Kapitalismus auftauchen, ist der Entscheidung der Serpentine-Kuratoren zu verdanken, in diesem Jahr nicht nur einen Pavillon, sondern dazu – als Abschiedsgeschenk von Peyton-Jones an die von Mietpreisen und allgemeinem Immobilienwahnsinn geplagten Londoner – auch noch vier weitere Pavillons als öffentliche Sommerhäuser zu errichten. Ein solches Sommerhaus gab es im Park nicht weit von der Serpentine Gallery entfernt schon – den 1734 von William Kent entworfenen neoklassischen „Queen Caroline’s Temple“. Vier Architekten wurden beauftragt, eine Antwort auf Kent zu finden – der 1976 geborene nigerianische Architekt Kunlé Adeyemi, das deutsch-amerikanische Büro Barkow Leibinger, der Londoner Architekt und Designer Asif Khan und der 93 Jahre alte ungarisch-französische Architekturutopiker Yona Friedman, der in seinem Leben zwar kaum etwas gebaut, aber das architektonische Denken vielleicht mehr als jeder andere lebende Architekt beeinflusst hat.

Die „Innenansicht“ des Leibinger Pavillons zeigt, dass kein Dach vorhanden ist. Es geht um Licht, Geräusch, Geruch und andere Sinnlichkeiten.

Friedman wurde 1956 mit seinem Manifest für eine mobile Architektur berühmt, einem Generalangriff auf die dogmatische und technokratische Nachkriegsmoderne. Die leichten Stahlrohrstrukturen, die er jetzt in den Kensington Gardens auftürmt, könnten Böden und Decken tragen und so zu einer „Ville spatiale“ anwachsen, in der die Bewohner flexibel und spontan an-, um- und überbauen können, wie sie es möchten – es ist eine Architektur ohne Architekten, eine Weak-Form-Struktur, der es nicht darum geht, Skulpturen zu schaffen, sondern Netze und Bühnen, auf denen sich das Leben in seiner ganzen Ungeplantheit einnisten soll.

Auch keine Skulptur im klassischen Sinn ist Barkow Leibingers dynamisch kurvende Struktur aus gebogenen Sperrholzplatten – sie wirkt eher, als hätten die labyrinthisch mäandrierenden Bewegungen der Parkbesucher eine Form angenommen. Dieses Sommerhaus ist der Wiedergänger eines ebenfalls von Kent entworfenen, später abgerissenen Tempels, der sich um 360 Grad drehen ließ und so Blicke in alle Richtungen ermöglichte. Barkow Leibingers Sommerhaus, das aus jedem Winkel anders aussieht und weder Vorder- noch Rückseite hat, ist eine gebaute Unruhe, die nicht Schutz bieten und immobilisieren will, sondern wie ein Barockbau zum Aufbruch und Weitergehen treibt (und mit seinem Serpentinata-Motiv eine charmante Antithese zum statuarischen Neoklassizismus des Kent-Tempels ist): Das Haus ohne Dach ist eine Maschine zur Wahrnehmungssteigerung, in der man dem Tropfen des Regens auf dem nassen Holz zuhört und in die verregnete Wiesenlandschaft der Gardens schaut, die wie in Antonionis „Blow up“ vor dem Schwarz der alten Bäume liegt – und das etwas sparkassenvorhangsartige Objekt von Khan in einen gnädigen Nebel aus alles durchdringender Feuchtigkeit hüllt.

Kunlé Adeyemis Sommerhaus schließlich sieht aus, als habe jemand Kents Tempel aus der Verankerung gerissen und um neunzig Grad auf die Nase gekippt, so dass er mit der Fassade nach unten im Gras liegt. Die Form, die entsteht, hat der in Amsterdam und Lagos arbeitende Architekt mit dünnen Sandsteinplatten verkleidet und innen mit weißem Kunstleder bezogen, so dass Architektur und Möbel, das Öffentliche und das wohnzimmerhaft Private, durcheinandergebracht werden – das Sommerhaus als Sofa für die Stadt.

Wie jung einen das utopische Denken hält, konnte man am Eröffnungsabend bei einem Fest im Haus des Architekten Richard Rogers sehen, in dem eine Band spielte und Yona Friedman, gestützt von seiner Tochter, in der wogenden Menge energisch mittanzte. Er entwerfe gerade, erzählte er, als er sich kurz unter einem Gemälde von Cy Twombly hinsetzte, eine Stadt für Flüchtlinge, aber da kam schon wieder ein Lied, das ihm gefiel, und so tanzte der Architekt unbeirrt weiter in die Londoner Nacht hinein.

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