https://www.faz.net/-gqz-9gb1a

Mysterium Cady Noland : Amerikanisches Requiem mit Weißwandreifen

Jahrzehntelang war die Künstlerin Cady Noland abgetaucht und verbot alle Ausstellungen. Ihre Werke wurden unterdessen immer begehrter. Jetzt gelingt dem Frankfurter MMK eine sensationelle Ausstellung.

          5 Min.

          Es gibt mehrere Gründe dafür, dass man diese Ausstellung ein außergewöhnliches Ereignis nennen muss. Der erste Grund liegt in der einfachen Tatsache, dass es seit mehr als zwei Jahrzehnten keine Ausstellung mehr zum Werk von Cady Noland gab, und zwar nicht deswegen, weil sich keiner dafür interessierte: Noland, die 1956 geboren wurde und mit Skulpturen, die sie aus Alltagsobjekten zusammenstellte, bekannt wurde, ist mit Sicherheit eine der einflussreichsten lebenden Künstlerinnen, die eine ganze Objektsprache erfunden und geprägt hat. Sie wollte es nicht. Sie verschwand, und wenn sie irgendwo auftauchte, dann mit ihren Anwälten, die gegen alle vorgingen, die Noland an diesem Verschwinden hindern wollten.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Dem kleinen Booklet zur Ausstellung liegt eine Biographie bei, der zu entnehmen ist, dass die amerikanische Künstlerin 1988 ihre erste Einzelausstellung in einer Galerie in Rotterdam hatte und dass in den folgenden acht Jahren noch acht weitere stattfanden. Danach, vor genau 22 Jahren, war Schluss: Als nach den Künstlern auch der Kunstmarkt Nolands Werk entdeckte und die Preise begannen, Rekorde zu brechen, zog sich die damals Vierzigjährige aus dem Kunstbetrieb zurück. Es gab keine Ausstellungen mehr, wer ungefragt die auf dem Kunstmarkt existierenden Werke in Gruppenausstellungen zeigte oder verkaufen wollte, bekam Post von Nolands Anwälten oder sogar die Mitteilung, Frau Noland habe das zum Verkauf stehende Werk soeben aberkannt, es sei kein Werk mehr von ihr und dürfe nicht als solches gezeigt oder gehandelt werden.

          Retroaktive Verknappung

          Diese rabiate Form von retroaktiver Verknappung sorgte natürlich dafür, dass die wenigen überlebenden Werke wie Preziosen zu Rekordpreisen verkauft wurden, und die Geschichte der mysteriösen, wie J. D. Salinger in absoluter Zurückgezogenheit lebenden, keine Fotos von sich zulassenden Künstlerin trug das Ihre dazu bei: Die totale Verweigerung des Markts steigerte Nolands Marktwert ins Maßlose.

          Allein die Tatsache, dass es jetzt nach mehr als zwanzig Jahren zum ersten Mal überhaupt wieder eine von der Künstlerin abgesegnete und mitgestaltete Cady-Noland-Ausstellung gibt, ist so gesehen etwas Außergewöhnliches, das den Frankfurtern zeigt, was sie an ihrer neuen MMK-Chefin Susanne Pfeffer haben. Sie arbeitete an diesem Haus schon Anfang des Jahrtausends als Kuratorin, bevor sie erst in den Berliner Kunst-Werken und dann in Kassel am Fridericianum vielbeachtete Ausstellungen unter anderem zum Werk von Absalon oder zum Spekulativen Realismus organisierte und als Kuratorin des deutschen Pavillons in Venedig den Goldenen Löwen für die Präsentation von Anne Imhofs „Faust“ gewann. Die Ausstellung ist auch ein gutes Beispiel für einen neuen Ton, einen vielversprechenden Wandel der Frankfurter Museumswelt, die in Zukunft von gleich drei der interessantesten deutschen Kuratorinnen – Christina Lehnert, der neuen Leiterin des Portikus, Franziska Nori, der Chefin des Kunstvereins, und jetzt Susanne Pfeffer – geprägt wird.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Neuer Kandidat bei Demokraten : Ein Neuer für die Mitte

          Das Feld der demokratischen Präsidentschaftsbewerber ist gut gefüllt. Trotzdem macht nun noch ein Neuer mit. Der Einstieg Deval Patricks hängt auch mit der Unzufriedenheit vieler Großspender mit den bisherigen Kandidaten zusammen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.