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Das Garage-Museum in Moskau : Wer von euch ist der Spitzel?

Tarnung ist das halbe Künstlerleben: Ein interaktives Spiel testet die Kenntnisse des Betrachters. Bild: Garage Museum of Contemporary Art

Kleine Geheimnisse: Im Online-Programm „Selbstisolation“ des Moskauer Kunstmuseums „Garage“ geht der Besucher auf künstlerische Schatzsuche. Diese führt uns zu Werken von Künstlern aus dem Untergrund.

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          Die Moskauer Garage, die als führendes Museum für Zeitgenössisches im Land in der Sphäre digitaler Kunst- und Kommunikationsformen ohnehin eine Vorreiterrolle spielt, hält in diesen Tagen, da die meisten Moskauer ohne Online-Passierschein ihre Wohnung nicht verlassen dürfen, mit ihrem Programm „Selbstisolation“ (Samoisolazia) für virtuelle Besucher ein spartenübergreifendes Lehr- und Unterhaltungsangebot bereit, zu Teilen auch auf Englisch abrufbar.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Palette reicht von Videodokumenten wichtiger Tanz- und Performanceereignisse, Zoom-Konferenzen über Bücher, aber auch für Jugendliche, die sich über Navigationsstrategien im Informations-Ozean austauschen, über Künstlerpräsentationen, Themenvorträge bis zu Zeichenstunden für Kinder sowie der Videoanleitung eines Künstlerpaares, das in Gemeinschaftsproduktion mit den Kleinen ein Bild schuf und als Familienfahne aus dem Fenster hängte. „Wie man mit Kindern in der Selbstisolation nicht verrückt wird“ heißt der gutgelaunte Clip der Aktionskünstler Roman Mokrow und Mascha Obuchowa. Von den Kuratoren zusammengestellte Abspiellisten avantgardistischer Elektropopmusikstücke helfen mit psychedelischem oder meditativem Sound noch die kleinste Schlafstadteinzimmerwohnung zu entgrenzen.

          Geheimgesellschaften unter Stalin

          Die zurzeit geschlossenen Ausstellungen sind durch aufgezeichnete Video-Führungen der Kuratoren zu begehen. Die Schau „Wir bewahren unsere lichten Träume“ vergegenwärtigt russische und sowjetische Kunstströmungen, deren Vertreter Mitglieder in Geheimgesellschaften waren oder sich von esoterischen Ideen inspirieren ließen, und die spätestens unter Stalin verhaftet, getötet oder umerzogen wurden. Dokumente von Strafprozessen und Haussuchungen rekonstruieren endgültig verloren geglaubte Lebensläufe wie den der auf altpersische Sujets spezialisierten Künstlerin und Anthroposophin Rimma Nikolajewa, die in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Leningrad und Taschkent in Geheimgesellschaften aktiv war. Audio-Podcasts der aktuellen Moskauer Künstlergruppe „Wasjalauf“ leiten an zu Tanz- und Bewegungsübungen, die Rudolf Steiners Eurhythmie kreativ weiterentwickeln.

          Durch die Ausstellung „Kleine Geheimnisse: Die sowjetische Untergrundkultur der Jahre 1969 bis 1985 ausgraben“ führt der lettische Kurator Kaspars Varnags. Die Schau, die offiziell bis zum 24. Mai laufen soll, sei von dem beliebten sowjetischen Kinderspiel „Sekretiki“ (zu deutsch: kleine Geheimnisse) inspiriert, bei dem die Kleinen ihre Schätze – beispielsweise Federn oder Farbstifte – sammelten, an einem geheimen Ort, in einem Hof oder Wald arrangierten und versteckten, um sie dann ausgewählten Freunden zu zeigen, erklärt Varnags. So wurde in einem ideologisch kontrollierten Umfeld das kreative Gestalten von Einsamkeit sowie kluges soziales Engagement früh spielerisch trainiert.

          Verborgenheit schafft Schätze: „Bitte nicht stören!“ von Rimma Gerlowina

          Tatsächlich leben die materiell-technisch betont unscheinbaren Arbeiten vieler Untergrundkünstler von Geheimbedeutungen, die sich nur Eingeweihten oder besonders Achtsamen erschließen. Die Holzkistchen, in denen die Moskauer Konzeptkünstlerin Rimma Gerlowina Texte versteckte, die „kleinen Särge“, die Dmitri Prigows „abgelehnten Verse“ aufbewahren, waren paradoxe Schreine kreativer Freiräume. Die Aktion „Ordnung des Urinierens von Hunden“, bei der der Konzeptkünstler Vadim Sacharow damals nach dem Sternbild der Hunde berechnete Stellen in Moskau mit Lappen behängte, die der Hund Fedja markiert hatte, und die nur für Hunde wahrnehmbar gewesen wären, führte die Geheimhaltung lustig ad absurdum. Vielleicht weil das Gassi-Führen von Hunden derzeit für viele die einzige erlaubte Möglichkeit ist, die Wohnung zu verlassen, wurde der Aktion gestern eine Zoom-Konferenz gewidmet.

          Bei einer Aktion der Gruppe „Fliegenpilz“ (Muchomor) fungierte der Künstler Sven Gundlach selbst als der „Schatz“, der außerhalb der Stadt in einem Erdloch vergraben wurde, damit seine Freunde ihn dort entdeckten. Das kann man mit dem für die Online-Präsentation eigens kreierten interaktiven Videospiel nachvollziehen, das zugleich die Epochenkenntnisse des Nutzers testet. Dabei klickt man sich in eine Moskauer Künstlerwohnung, wo zu erraten ist, was für ein Buchumschlag klassischerweise den verbotenen Solschenizyn-Essay tarnte. Weiter geht es in den Vorortszug, der die Künstler zu Gundlachs Versteck bringt. Hier stellt sich die Frage, wer von den Mitreisenden der informelle Mitarbeiter ist, den der Staatssicherheitsdienst KGB auf die Konzeptualisten ansetzte. Natürlich ist es der am wenigsten Verdächtige im Jeansanzug, ein Journalist, der den Organen Bericht erstattete und dafür freigeistige Artikel in der Zeitung „Sowjetische Jugend“ veröffentlichen durfte.

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