https://www.faz.net/-gqz-13jll

Seefahrer James Cook : Verschwindet von hier!

  • -Aktualisiert am

Mit den Originalen aus dem achtzehnten Jahrhundert betreten wir eine Welt, in der die Antwort darauf, wie wir leben sollen, noch vielstimmig war. James Cook traf auf Kulturen, die kein Metall kannten, kaum domestizierbare Tiere oder kultivierte Pflanzen. Statt Gewändern, die mit Goldfäden bestickt und Metallknöpfen besetzt waren, trugen sie aus Vogelfedern oder Kokosfasern gewebte Umhänge, die mit Haifischzähnen oder Perlmutt verziert wurden. Wie in England waren auch ihre Gesellschaften zumeist als Königreiche organisiert; sie pflegten Handel mit benachbarten Kulturen, bauten sich Waffen aus Holz oder Stein, navigierten mit Hilfe der Sterne und Strömungen. Ackerbau, Viehzucht, Wald und Metall hatten die Engländer zu einer expansiven, seefahrenden Nation gemacht. In Antwort auf die Beschaffenheit der Umwelt hatten sich auf der anderen Seite der Erde, auf Tonga, Tahiti, Hawaii, Neuseeland oder Australien, ebenfalls jeweils eigene Kulturen herausgebildet.

Die Geschichte ihrer Enteignung

Auf der ersten Reise hatte Cook Glück: Als die HMS Endeavour am 14. April 1769 auf Tahiti anlegte, schloss man Freundschaft mit dem jungen Polynesier und Priester mit Namen Tupaia. Zusammen mit seinem Diener Taiata schloss er sich für einige Zeit den Engländern an. Tupaia kannte die umliegenden Inseln, er half beim Navigieren, dolmetschte, wo das Schiff anlegte und führte die Engländer freundlich ein. Mit Tupaias Hilfe fand man Australien, den Kontinent, dessen Existenz man zuvor angenommen hatte. Die Ausstellung zeigt Bilder, die Tupaia gezeichnet hat: musizierende Einwohner der Gesellschaftsinseln oder den Botaniker Joseph Banks, dem eine Languste überreicht wird. Dann ging die Fahrt weiter nach Indonesien, Tupaia erkrankte an der Ruhr und starb.

Von da an gehen die Geschichten auseinander. Schon in Australien bemerkte Cook über die Einwohner: „Alles, was sie zu begehren scheinen, war, dass wir wieder verschwanden.“ Zum ersten Mal hatte Tupaia nicht dolmetschen können, da in Australien keine polynesische Sprache gesprochen wurde. Für die Aborigines begann nun die Geschichte ihrer Enteignung, für die Engländer die der Landnahme. Cook hatte eine Schneise in den pazifischen Raum geschlagen, durch die bald ganz Europa einfiel, um sich an den Tropen zu bereichern. Während Cook seine Schätze noch als Geschenk erhielt oder im Tausch erwarb, riss man danach alles an sich, was nicht niet- und nagelfest war. Was nicht geraubt wurde, zerstörten die Missionare vor Ort. Die friedliche Begegnung der Kulturen, eine Erfahrung, nach der Cook die „Freundschaftsinseln“ benannte, klang bald wie eine Legende aus einer anderen Welt.

Es ist eine seltsame Wendung, dass ausgerechnet die Kultur, die den Untergang herbeiführte, inzwischen zum einzigen Zeugen geworden ist: Zur Ausstellungseröffnung reiste Hon Fatafehi o Lapaha Tuita an, die Tochter der Prinzessin von Tonga. Auf ihrer Insel hat sich nichts aus der Zeit erhalten. Überdauert hat es allein in westlichen Museen. „Ich grüße die hier versammelten polynesischen Götter, möge ihr Geist uns erleuchten“, beginnt die Kuratorin Kaeppler ihr Grußwort im Katalog. Dass die Ausstellung ihnen gewidmet ist und weniger dem Sterblichen Cook, darin liegt wohl das Geheimnis ihres Gelingens.

Weitere Themen

Sängerin Mon Laferte prangert Gewalt in Chile an Video-Seite öffnen

Mit nackter Brust : Sängerin Mon Laferte prangert Gewalt in Chile an

Um gegen die Gewalt und Korruption in ihrem Heimatland Chile zu protestieren, zog die Sängerin auf dem roten Teppich der Latin Grammy Awards blank. Die Verleihung der Preise in Las Vegas nutzen auch andere Musiker, um gegen die Unterdrückung der Bevölkerung in lateinamerikanischen Ländern ihre Stimme zu erheben.

Der andere Bibliothekar

Hans Magnus Enzensberger : Der andere Bibliothekar

„Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten“ – so kündigten Hans Magnus Enzensberger und der Verleger Franz Greno 1985 die „Andere Bibliothek“ an. Eine Würdigung des Feuilletons zum 90. Geburtstag ihres einstmaligen Herausgebers.

Topmeldungen

Immerwährender Wahlkampf: Trump am Donnerstag in Bossier City, Louisiana

Zweites Selenskyj-Protokoll : Trumps Entlastungsangriff durch Geplänkel

Das Telefonat, das Trump im Juli mit dem ukrainischen Präsidenten führte, ist schwer zu verteidigen. Also veröffentlichte das Weiße Haus das Protokoll eines früheren Gesprächs. Da ging es um leckeres Essen und schöne Ukrainerinnen.
Helfen pflanzliche Mittel und Gespräche genauso wie Hormone aus der Pillenpackung?

Hilfe in den Wechseljahren : Während hitziger Zeiten

Hormone versprechen Frauen in den Wechseljahren schnelle Hilfe. Doch neue Studien zeigen: Das Risiko einer solchen Ersatztherapie wurde bislang unterschätzt. Welche Alternativen gibt es für die Betroffenen?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.