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„Stonewall“-Jubiläum : Alle Liebenden müssen kämpfen

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Abschlussdemonstration des Pfingsttreffens der Homosexuellen Aktion Westberlin 1973. Bild: Rüdiger Trautsch/Schwules Museum

Queeres Leben in Ost- und Westdeutschland: Das Schwule Museum zeigt in seiner Ausstellung „Love at the First Fight“ die Entwicklung der Homosexuellenbewegungen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs.

          Am 30. Juni 1984 gehen Tausende Menschen in West-Berlin auf die Straße, um für ihre Anerkennung und gleiche Rechte zu demonstrieren. Es ist der sechste Christopher Street Day in der Inselstadt, die sich zum schwul-lesbischen Zentrum der alten Bundesrepublik entwickelt hat und zur Hochburg politisch-gesellschaftlicher Debatten in Bezug auf homosexuelle Lebensweisen.

          Nur wenige Kilometer vor den Toren der Stadt spielt sich eine ganz andere Szene ab. Im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen auf dem Staatsgebiet der Deutschen Demokratischen Republik trifft sich eine kleine Gruppe junger Männer und Frauen. Sie alle sind homosexuell. Sie alle sind dort versammelt, um an einem gleichsam stillen und vehementen Protest teilzunehmen, der schon seit mehreren Jahren immer im Sommer stattfindet.

          Kränze werden niedergelegt, als Erinnerung an die vielen homosexuellen Opfer, die in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten starben. Am selben Tag versammeln sich auch in Buchenwald achtzig Menschen und umgehen damit das Versammlungs- und Demonstrationsverbot in der DDR. Ziel ist es, ein neues Narrativ zu schaffen, das die Emanzipation der Schwulen und Lesben in der DDR als Teil des antifaschistischen Gründungsmythos des sozialistischen Landes versteht.

          Biografien abseits der Schwulenikonen

          Dieser frühe Versuch, eine Opposition gegen den repressiven Umgang mit der homosexuellen Gemeinschaft im Land zu etablieren, misslingt allerdings. Schon 1984 hat sich die Staatssicherheit unter die protestierenden Männer und Frauen gemischt, die Bewegung ist durchsetzt von Inoffiziellen Mitarbeitern. Ähnliche Aktionen spielten sich zwischen 1984 und 1986 auch in der Gedenkstätte Ravensbrück ab. Die Ost-Berliner Gruppe „Lesben in der Kirche“ will öffentlich den im Dritten Reich verfolgten Lesben, die in dem Frauenkonzentrationslager ermordet und eingesperrt waren, gedenken. Es war die erste auf lesbische Frauen ausgerichtete Protestaktion in der DDR und Beispiel für die vielen kleinen Gruppierungen, die sich seit den Siebzigern für die Gleichstellung homosexueller Lebensweisen engagierten.

          Fotos und Originaldokumente dokumentieren das kräftezehrende Engagement dieser Bewegungen, die sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR häufig im Untergrund arbeiten mussten und Anfeindungen ausgesetzt waren. Gezeigt werden sie in der Ausstellung „Love at First Fight – Queere Bewegungen in Deutschland seit Stonewall“, die sich im Schwulen Museum Berlin mit der Frage auseinandersetzt, wie die Aufstände in der New Yorker Christopher Street die deutsche Schwulen- und Lesbenbewegung beeinflusste. Dafür hat das Museum eine Sonderausstellung konzipiert, die jederzeit auf einen USB-Stick geladen werden kann und weltweit auf Tour gehen wird.

          Auftritt der queeren Theatergruppe Hibaré in den Siebzigern in Ostberlin Bilderstrecke

          Die Schau zeigt anhand von Fotografien, Plakaten, Magazinen und Flyern, in welchen Wechselbeziehungen die Stonewall Riots 1969 mit der deutschen Homosexuellenszene standen und wie die Initiative zur homosexuellen Befreiung maßgeblich von unten durch Graswurzelbewegungen bestimmt war. Das ist auch der Grund, warum die Ausstellung besonders die Einzelschicksale engagierter Homosexueller in den Mittelpunkt stellt und persönliche Biographien abseits von Schwulenikonen wie Rosa von Praunheim thematisiert.

          Die Bar als Treffpunkt des „queeren“ Berlins

          Viele bisher unbekannte Proteste rücken die Kuratoren in den Mittelpunkt, so zum Beispiel den „Marlboro-Boykott“ Anfang der neunziger Jahre, der die gleichnamige Bewegung in den Vereinigten Staaten zum Vorbild hatte. Weil der Zigarettenkonzern den republikanischen und homosexuellenfeindlichen Senator Jesse Helms finanzierte, kam es auch in Deutschland zu einer Protestwelle in der Schwulengemeinschaft, die dazu beitrug, dass Philipp Morris in den Vereinigten Staaten und Westeuropa seine Werbestrategie umstellte, sich mit den Protestierenden solidarisierte und zu einem Vorreiter des auf homosexuelle Käufergruppen zugeschnittenen Marketings wurde.

          Neben den politischen Themenschwerpunkten zeigt die Ausstellung aber auch die Vielfalt der deutschen Homosexuellenbewegung und die skurrilen Aspekte der Jahrzehnte dauernden Emanzipationsgeschichte. So präsentiert die Schau in Fotografien das Interieur der Mulackritze, einer Berliner Kneipe, die in den Goldenen Zwanzigern zu einem Treffpunkt des queer Berliner Nachtlebens wurde. In der verruchten Atmosphäre der Kellerbar trafen sich Schwule und Lesben, ebenso wie Travestiekünstler, das Showgeschäft und die organisierte Kriminalität.

          An diesem Ort wurde wie an keinem anderen der Nimbus Berlins als Schwulenhauptstadt geprägt. Das Schwule Museum hat für die Ausstellung nachverfolgt, was mit der Bar und den Menschen passiert ist. Nach Kriegsende 1945 wurde der Barbetrieb im Berliner Scheunenviertel wiederaufgenommen und bis 1951 fortgeführt, bis die DDR-Autoritäten die Konzession entzogen. Charlotte von Mahlsdorf, der bekannteste Transvestit Ost-Berlins, sammelte seit dem Krieg historische Einrichtungsgegenstände und kaufte die Einrichtung der Mulackritze.

          Im Keller des von ihr geleiteten Gründerzeitmuseums in Mahlsdorf richtete sie die Kneipe wieder im Originalzustand ein. Im neuen Domizil wurde die Bar erneut ein Treffpunkt des homosexuellen Lebens in Ost-Berlin. So fanden hier ab 1974 die Zusammenkünfte der „Homosexuellen Interessensgemeinschaft Berlins“ statt, einer der ersten schwulen Aktivistengruppen in der ehemaligen DDR. Auch diese Bewegung hatte mit Repressionen durch die DDR-Staatsorgane zu kämpfen und arbeitete großenteils abseits der Öffentlichkeit. Die Möbel der Mulackritze sind seit 2002 wieder im Gründerzeitmuseum zu sehen. Und so zeigt die tiefgründig recherchierte Ausstellung auch anhand dieses Falls, wie das Widerspiel von Emanzipation und Repression die deutsche Homosexuellenbewegung auf beiden Seiten der Mauer jahrelang prägte.

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