https://www.faz.net/-gqz-15svc

Schweiz : Wählt Kunst!

Mit einem ungewöhnlichen und bereits bewilligten Kunstprojekt wollen Thomas Demand und der Londoner Architekt Caruso St John in Zürich einem chinesischen Widerstandsakt ein Denkmal setzen. Doch die SVP will es, vom Minarettverbot beflügelt, per Volksentscheid stoppen.

          2 Min.

          In Deutschland wurde, als der Bundestag erst über die Verpackung des Reichstags und dann auch noch über ein Kunstwerk von Hans Haacke zu entscheiden hatte, dieses Verfahren scharf kritisiert: Entscheidungen über Kunst dürften nicht aus den Händen der demokratisch dafür geschaffenen Gremien genommen und Politikern anheimgestellt werden, die oft nicht einmal eine rudimentäre Ahnung davon hätten, was in Museen und Ausstellungshallen passiert.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Hätte man, so die Kritiker, einst den Bau des Eiffelturms oder die Gestaltung des republikanischen Pavillons an ein positives Plebiszit geknüpft, dann hätte weder Paris ein Wahrzeichen, noch gäbe es in dieser Form Picassos „Guernica“. In der basisdemokratiefreudigen Schweiz hat man in dieser Hinsicht wenig Bedenken - und deshalb steht jetzt ein vom Zürcher Rat bereits bewilligtes Kunstprojekt des Berliner Künstlers Thomas Demand und der Londoner Architekten Caruso St John zur Disposition eines Volksentscheids.

          Das Kunstwerk als Wahlkampfthema

          Im Februar wurde noch verkündet, dass für das Projekt zur Gestaltung des nicht eben anheimelnden Escher-Wyss-Platzes 5,9 Millionen Franken bewilligt wurden - mit 76 zu 34 Stimmen. Demand und Caruso St John hatten vorgeschlagen, unter der Schnellstraßenbrücke ein abgerissenes chinesisches Nagelhaus wieder aufzubauen und so gewissermaßen eine zeitgenössische Variante der Architekturverpflanzung vorzunehmen, wie sie einst im höfischen Kontext mit den chinesischen Pavillons praktiziert wurde, wo asiatische, mit Chinoiserien dekorierte Architekturen als Fenster einer anderen Welt im hermetischen Schlossgarten auftauchten. Wobei der Nachbau des als Restaurant genutzten Nagelhauses kein bloßes Dokument einer diffusen China-Begeisterung wäre, sondern auch ein politischer Kommentar der chinesischen wie der Zürcher Baupolitik - und eine Antwort auf die Frage, wie lokale Identitäten entstehen oder zerstört werden. Denn das Haus stand einst in der chinesischen Metropole Chongqing - und war dort zum Symbol privaten Widerstands gegen eine korrupte und brutale Baupolitik geworden (siehe Wie das bekannteste Haus Chinas nach Zürich kam); zum Schluss stand es, weil die Besitzer sich weigerten, sich dem Druck zu beugen, wie ein verlorener Zahn allein auf einer Erdinsel in einer riesigen Baugrube.

          Jetzt sollte es als Nachbild und Wiedergänger einer verlorenen Urbanität wieder auferstehen und an dem eher ruppigen Ort das städtische Leben entfalten, das Chongqing verlorenging. Doch die SVP, vom Minarettverbot beflügelt, macht sich an die nächste Gestaltungsdiskussion. Sie will das chinesische Haus, das sie als „künstlerisches Fiasko“ bezeichnet, per Volksentscheid stoppen. Die dafür notwendigen Unterschriften hat die Partei zusammenbekommen, mit einer Entscheidung der Wähler wird im September gerechnet. Die SVP hat angekündigt, das Kunstwerk zum Wahlkampfthema zu machen. Ein solch direktes Votum über Gegenwartskunst gab es lange nicht mehr. Für die Befürworter des Projektes bedeutet das, Argumente für ein relativ komplexes Kunstwerk finden zu müssen, die auch dem Megaphon-Krieg auf dem Marktplatz standhalten. Man darf gespannt sein, wie dieser Kunstdiskurs jenseits des Diskurssystems ausgeht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wegbereiter eines großen Erfolgs: Almamy Toure (Mitte) lässt sich von Timothy Chandler feiern.

          2:0 gegen Leipzig : Frankfurt stoppt den Tabellenführer

          Ein Sieg wider die Gerechtigkeit: Die Frankfurter Eintracht besiegt das lange überlegene Team von RB Leipzig dank einer Leistungssteigerung in Halbzeit zwei. Touré ebnet den Weg. Und der Tabellenführer hadert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.