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Schuh-Design im Ledermuseum : Das erotische Wippen der Schnäbel

  • -Aktualisiert am

Fünfzig Jahre trennen sie: Sneaker „Air Max 1 Ultra CITY Paris“ von Nike, Vereinigte Staaten, 2015, und von Roger Vivier für Christian Dior entworfene Pumps, Paris, Frankreich, um 1962. Bild: DLM, M. Özkilinc

Kunst zum Betreten: Das Deutsche Ledermuseum in Offenbach widmet sich dem Designwandel von Schuhen. Dabei zeigt sich unter anderem, dass Absatzschuhe ursprünglich eine Erfindung für Männer waren.

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          Gäbe es eine Auszeichnung für unheimliche Ausstellungshäuser, dann würde das Deutsche Ledermuseum bis vor einigen Jahren sicher in die enge Auswahl gekommen sein. Man stelle sich einen Besuch etwa so vor: Düstere, manchmal stockdunkle, mit Teppich ausgelegte, unübersichtliche Räume, in denen man allein zwischen vollgestopften Vitrinen wandelt. Inmitten eines Saals ein Nomaden-Zelt, aus dem Schummerlicht leuchtet. Stürmt da vielleicht im nächsten Moment sein einstiger Bewohner, ein von den Toten auferstandener Tuareg, heraus? Lampen flackern, surren und knacken, für den Besucher gesperrte Treppen führen irgendwo hinauf ins Nirgendwo – auf einen vielleicht noch unheimlicheren Dachboden?

          Noch immer sind einige solcher Grusel-Räume in Offenbach zu besichtigten. Mittlerweile aber schält sich ein neues, lichtes Museum aus der verstaubten Vergangenheit heraus. Im Erdgeschoss etwa darf man sich seit 2018 in einem multimedialen Raum durch die faszinierende Vielfalt des Materials Leder tasten: von festem Antilopenpergament über feines, leicht körniges Rochenleder bis hin zu geschmeidiger Ziegen- oder glatter, teils auch etwas schuppiger Pythonhaut.

          Im ersten und zweiten Stock zeigt das Ledermuseum jetzt eine Schau über Schuhe im Wandel der Zeiten. 150 Exemplare wurden aus der mehr als 10.000 Objekte umfassenden hauseigenen Schuhsammlung ausgewählt. Viele von ihnen schlummerten seit Jahren im Depot. Gezeigt werden unter anderem über zweitausend Jahre alte Sandalen aus Peru, ägyptische Pantoffeln aus dem dritten bis sechsten Jahrhundert, reichbestickte Seidenstiefeletten aus den 1870er Jahren, Reformschuhe der Jahrhundertwende, moderne Sneaker und Designer-Stücke von Jimmy Choo, Manolo Blahnik, Christian Louboutin.

          Kinderstiefel aus Amur, Sibirien, Anfang 20. Jahrhundert

          Mit jeder neuen Schau versuche sie, erklärt Direktorin Inez Florschütz, weitere Teile des Museums zu modernisieren. So wurden für die aktuelle Ausstellung, trotz geringem laufenden Budget, mit Unterstützung einer Stiftung alte Teppich- und Laminatböden entfernt, neue Regale gebaut, Vitrinen entkernt, mit LED-Licht ausgestattet und aufgehübscht. Die Exponate darin zeigen Trennendes und Verbindendes über Zeiten und Kulturen hinweg und liefern zum Beispiel Antworten auf die Frage, woher eigentlich der Absatz kommt.

          Als die Länge außer Kontrolle zu geraten schien

          Heute weiblich besetzt, stammt er, wie so vieles in der Mode, ursprünglich aus der Männerbekleidung. Anregungen kamen aus dem Orient, etwa von einem persischen Reitstiefel von 1650 aus grün gefärbtem Chagrinleder, dessen körnige Struktur erzeugt wurde, indem man Senfkörner auf die feuchte Tierhaut presste. Der Absatz diente dem Halt im Steigbügel und als Sporen. Ende des sechzehnten Jahrhunderts wanderte er dann in die westliche Mode, wo er im Barock und Rokoko - gefertigt aus Holz, Kork oder gestapelten Lederplättchen - zum zentralen Merkmal der höfischen Schuhbekleidung avancierte und von Männern, bald aber auch von Frauen und Kindern getragen wurde. Um Rang und Status zur Schau zu stellen, versah man die Schuhe mit opulenten, austauschbaren Schnallen und exquisiten Materialien wie Edelsteinen, feinem Leder, Seide oder Brokat. Als dann jedoch in der Französische Revolution die Bürger auf die Barrikaden gingen, war die Protzerei einstweilen vorbei: Hohe Absätze wurden, ebenso wie Schnallen, verboten.

          Mokassins, Nordamerika, 19./20. Jahrhundert

          Auch lange vor der Einführung des Absatzes gab es Mittel und Wege, seine soziale Stellung über Schuhwerk zu demonstrieren. Zeige mir deinen Schnabel und ich sage dir, wer du bist, war die Devise im Mittelalter. Damals trugen vor allem Adel, Klerus und später reiche Bürger Schuhe mit Schnabelspitzen, an deren Länge man den Rang des Trägers ablesen konnte. Die Fußbekleidung wurde zum Schutz vor Nässe und Schmutz auf Unterschuhe aus Holz, sogenannte Trippen, geschnallt. Als auch das gemeine Volk den Schnabel für sich entdeckte und seine Länge außer Kontrolle zu geraten schien, mussten die Obrigkeiten mit Kleiderordnungen intervenieren.

          In die Zukunft getragen

          „Natürlich hatten diese Schuhe auch etwas von einem Phallussymbol“, erklärt Maureen Ogrocki, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Schau. Wer im Mittelalter verführerisch mit seinem langen Schnabel wippte, erzeugte, so der Katalog, „erotische Gefühle bei allen Geschlechtern“. Schuhe und Erotik sind denn auch ein weiteres Thema der Ausstellung. Ebenso behandelt werden moderne Materialien und Fertigungstechniken. Gezeigt wird nicht nur ein zu Teilen von einem 3D-Drucker ausgeworfener Sneaker, sondern auch „The Plant Shoe“. Er ist zu hundert Prozent biologisch abbaubar.

          Reich intarsierter hölzerner Badeschuh aus Damaskus, 19. Jahrhundert

          Es wäre hilfreich, wenn man sich die spannenden Geschichten, die diese Schau zu erzählen hat, nicht mühsam aus dem Begleitheft und dem hervorragenden Katalog zusammenklauben müsste. Auf Saaltexte wurde, allerdings ganz bewusst, verzichtet. Dennoch ist es Inez Florschütz und ihrem Team gelungen, die in die Jahre gekommene Schuhsammlung einer Generalüberholung zu unterziehen, die sich sehen lassen kann. Die beiden zuletzt genannten Exponate stammen übrigens von 2019, wurden also erst kürzlich angekauft. So trägt man im Deutschen Ledermuseum nicht nur die räumliche Präsentation und die wissenschaftliche Aufarbeitung in die Zukunft, sondern auch die Sammlung selbst - Grusel-Image ade!

          Step by Step – Schuh.Design im Wandel. Im Deutschen Ledermuseum, Offenbach; bis zum 31. Mai 2020. Der Katalog kostet 34 Euro.

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