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Kulturgutschutzgesetz : Wem wird denn Schaden zugefügt?

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Die Kunstwelt steht Kopf. Weil ein Kulturgutschutzgesetz geplant wird, zieht Georg Baselitz Werke aus deutschen Museen ab. Gerhard Richter und die Nachkommen von Max Beckmann erwägen ähnliche Schritte. Wie wichtig sind Dauerleihgaben?

          Zwei der vernünftigsten Aussagen in dem Geschrei, das sich um den Gesetzentwurf zum Kulturgutschutz von Staatsministerin Monika Grütters erhoben hat, stammen vom berühmtesten lebenden deutschen Maler Gerhard Richter. Nein, heißt es nämlich erstens auf Anfrage dieser Zeitung aus dem Richter-Archiv, der Künstler plane „zum jetzigen Zeitpunkt und in der aktuellen Situation nicht, Leihgaben aus Museen abzuziehen“. Dies könnte sich aber dann ändern, wenn das Gesetz, so wie es jetzt in Vorbereitung sei, in Kraft trete. Man hoffe auf „wesentliche Korrekturen“, sonst würde auch er seine Bilder „aus den Museen holen, schnellstens auf den Markt bringen und verkloppen“. Der Konjunktiv „würde“ macht deutlich, dass Richter Wert darauf legt, festzustellen, womit wir es gerade zu tun haben: mit einem Entwurf nämlich, der ausdrücklich diskutiert werden soll. Die Drohung zeigt, wie weit das Gerücht vorgedrungen ist, wonach das geplante Kulturgutschutzgesetz ein gefräßiges Monster sei, das der Staat losschicke, um die sorgsam gehüteten Speisekammern von braven Künstlern, Sammlern und Museumsleihgebern zu plündern. Einige Gegner scheuen nicht einmal davor zurück, das Kulturgutschutzgesetz in die Nähe der NS-Beschlagnahmeaktion „Entartete Kunst“ zu rücken.

          Aber bevor wir zur zweiten vernünftigen Aussage von Gerhard Richter kommen, muss von einem anderen deutschen Maler und Bildhauer die Rede sein, der in dieser Sache die PR-trächtigste Krachmaschine angeworfen hat: Georg Baselitz. Der ließ bekanntlich verkünden, dass er seine sämtlichen Dauerleihgaben aus deutschen Museen abziehen werde. Aus München und Dresden folgten sofort die Trauerbekundungen: Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ließen mitteilen, dass sie den Abzug von fünf Leihgaben „außerordentlich bedauern“. Die Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden sprachen, dort sind zehn Arbeiten betroffen, von einem „schweren Verlust“. Die Kunstsammlungen in Chemnitz bestätigten den geplanten Abzug von zwei Baselitz-Gemälden.

          Wem schadet Baselitz?

          Wem aber fügt diese Aktion denn wirklich Schaden zu? Die Behauptung, es sei geplant, sämtliche Dauerleihgaben in deutschen Museen zu „nationalem Kulturgut“ zu erklären, hat sich als falsch erwiesen. Dafür genügt ein Blick auf die Internetseite der Staatsministerin. Nur Kulturgut, heißt es dort, das „dauerhaft in den Bestand einer solchen Einrichtung eingegliedert wurde, sei als nationales Kulturgut zukünftig geschützt“. Bei einem Leihvertrag sei „dies natürlich nicht der Fall, da solche Werke nicht ,in den Bestand eingegliedert‘“ sind. Die Ankündigung von Mayen Beckmann, der Enkelin von Max Beckmann, die Leihgaben der Familie aus dem Museum in Leipzig abziehen zu wollen, beruht also auf einem Irrtum.

          Wem also schadet Baselitz? In dem Bemühen, die Debatte weiter anzuheizen, hat er Brennstoff ins Feuer geworfen, den er zuvor der Öffentlichkeit vorenthalten hatte. Als nämlich diese Zeitung vor zwei Jahren bei den Dresdner Staatlichen Gemäldesammlungen anfragte, wem die Baselitz-Gemälde denn gehörten, die im Museum nur als „Dauerleihgabe aus Privatbesitz“ gekennzeichnet waren, hieß es: Gemäß den Leihverträgen könne man „zur Herkunft dieser Leihgaben keine weitergehenden Angaben“ machen. Dank Baselitz’ Furor weiß nun die Öffentlichkeit: Sie gehören dem Künstler selbst. Und offenkundig sind die Leihverträge so beschaffen, dass der Künstler jederzeit einen Laster vorbeischicken kann, um die Bilder wieder abzuholen. Warum lassen sich Museen auf solche Leihgaben ein?

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