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Arnulf Rainer zum Neunzigsten : Schöpferische Befreiung

  • -Aktualisiert am

Altersweise: Arnulf Rainer Bild: dpa

Der obsessive Charakter seines ebenso kraftvollen wie hochsensiblen Werks lässt keine Altersschwäche zu. Zeichnen und Malen war für ihn immer „provoziertes Leben“. An diesem Sonntag wird Arnulf Rainer neunzig Jahre alt.

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          Wer wie Arnulf Rainer seinen neunzigsten Geburtstag mit distanziertem Blick auf ein vollendetes Werk begehen kann, den darf man als weise bezeichnen. Und schon hört man den Zweifler aus der Ferne lachen. So ganz freiwillig legt ein leidenschaftlicher Künstler wie er Pinsel und Stift auch nicht zur Seite. Sein reiches künstlerisches Œuvre hat Rainer, der am 8. Dezember 1929 in Baden bei Wien zur Welt kam, vor einigen Jahren aus freiem Entschluss beendet und widmet sich seither ganz seiner zweiten Leidenschaft, dem Lesen.

          Der obsessive Charakter seines ebenso kraftvollen wie hochsensiblen Werks lässt keine Altersschwäche zu. Zeichnen und Malen war für ihn immer „provoziertes Leben“ im Sinne von Gottfried Benn, der damit Steigerung zu höheren geistigen Formen und Reizbarkeit der Sinne meinte: Existenz verstanden als Nervenexistenz. Eine solche Anspannung ist in jeder seiner Linien nachvollziehbar, vom gespannt gebündelten Linien-Bogen, der häufig aus der dichten glänzenden Graphitschwärze die geballte Farbentfaltung vital hervorspringen lässt, bis zur tastenden Linie mit geschlossenen Augen bereits in den frühen „Blindzeichnungen“ und „Zentralgestaltungen“ des Zweiundzwanzigjährigen. In der Malerei teilt sich sein großer körperlicher Einsatz mit, aber nicht als Aktion eines L’art pour l’art. Er ist als vehementer Malakt physisch spürbar, ja nachvollziehbar und psychisch nicht selten als ein schmerzhaftes Aufbegehren zu erfahren.

          Die Wunde als Leitmotiv

          Vor Rainers ebenso aktionistischer wie meditativer Malerei – zwei Pole, zwischen denen das Werk immer dranghaft hin- und herpendelte – kann man sich nicht im Sessel zurücklehnen und ausruhen. Sie verlangt unsere Teilnahme. Eine Fotoübermalung aus der Reihe der Beethoven-Totenmasken-Bilder von 1978 zeigt die für Rainers Kunst so entscheidende Doppelbildlichkeit im Akt der „Übermalung“, die für sein Werk prägend wurde. Aus einer tiefroten Schusswunde mittig oberhalb des Schädels strömt sinnbildlich Blut; flankiert wird diese Spur des Fließens von zwei weiteren strömenden blutroten Bahnen, zwischen denen zusätzlich ein changierendes Blau hervortritt, wodurch das Rot zum Glühen kommt.

          Es ist ein ausdrucksstarkes Geschehen, das sich als gemalte Projektion vor der Totenmaske abspielt – das innere Drama eines tauben Komponisten vor der Erlösung des Todes, die sich in den ruhenden Zügen seiner Totenmaske ausdrückt. Diese erscheint im Hintergrund als Zweitbildlichkeit übergroß in den Grautönen der Fotografie mit der für Beethoven so typisch expressiv zusammengepresster Mundpartie.

          Arnulf Rainer, Atomisation, Öl auf Holz, 54,5 x 36,5

          Die Wunde ist eines von Rainers Leitmotiven. Eine realistische Bleistiftzeichnung auf Pergamentpapier von 1948 setzt sie programmatisch ins Bild als „der Einschuss in der Bauchgegend“ mit einem Revolver, wie Rainer seitlich mit kleiner Schrift vermerkte. Die Wunde kehrt in den frühen Aquarellen der „Ausgießung des Heiligen Geistes“ ganz sanft in blassen Tönen wieder und in dramatischer Form in den großen Kreuzesbildern und Kreuz-Übermalungen, die sein Werk von den Anfängen bis ins Alter durchziehen. Mimik und Gestik des Schmerzes bestimmen das Bild, sichtbar oder durch Rainers Malerei verdeckt. Sein Detailblick gilt immer wieder dem Gesicht und den Wundmalen in den Händen und Füßen am Kreuz, die er als Teil des Corpus Christi oder als Detail aus Büchern der europäischen Malerei und Skulptur herausfotokopierte, um mit ihnen in einen künstlerischen Dialog zu treten. Dazu gehörten immer wieder Detailabbildungen von Grünewalds Isenheimer Altar.

          Aber auch der Van-Gogh-Zyklus in der Auseinandersetzung mit dessen Selbstporträt der Selbstverwundung. Vielleicht ist Rainers Werk zu einem ganz wesentlichen Teil als eine Auseinandersetzung mit der Wunde im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn zu verstehen. Er war zehn Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Seine Kriegstraumata brachen sich sichtlich in der Kunst ihre Bahn, einer expressiven großen Malerei. Rainer hat sie in der zweiten Hälfte des zwanzigsten und beginnenden einundzwanzigsten Jahrhunderts nicht nur mitgeprägt. Er hat sie zu einem Zenit geführt.

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