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Schloss Oranienburg : Das Gewicht einer Krone

Erfolgspläne: Jan Mijten malte den Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg und seine Familie um 1666. Bild: SPSG/Wolfgang Pfauder

Seine Frau brachte Glanz nach Preußen: Zum 400. Geburtstag des „Großen Kurfürsten“ Friedrich Wilhelm von Brandenburg zeigt das Schloss Oranienburg dessen historisches Erbe.

          5 Min.

          Der erste preußische König hätte Karl Emil heißen können. Das war der Name des Kurprinzen, des Thronfolgers im Kurfürstentum Brandenburg zu jener Zeit, als dessen Herrscher über die Rangerhöhung seiner Familie zum Königshaus nachzudenken begann. Die Möglichkeit dazu hatte sich Friedrich Wilhelm, dem damaligen Kurfürsten, 1660 nach dem Frieden von Oliva geboten, in dem Brandenburg nach vierjähriger Teilnahme am Schwedisch-Polnischen Krieg die Souveränität über das Herzogtum Preußen zugesprochen bekam, das bis dahin der polnischen Krone lehenspflichtig gewesen war. Der ehemalige preußische Ordensstaat mit der Hauptstadt Königsberg lag außerhalb der Grenzen des Heiligen Römischen Reiches, er konnte also, falls der Kaiser in Wien mitspielte, zum Königreich erhoben werden.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Auf dem kurfürstlichen Familienbild, das der holländische Porträtist Jan Mijtens 1666 malte, steht der elfjährige Prinz Karl Emil neben seinem Vater und hält den Kurhut, die Fürstenkrone, die, wie der purpurne Mantel Friedrich Wilhelms, mit Hermelin verbrämt ist, ein Vorrecht, das eigentlich nur Königen zustand. Rechts neben dem Kurfürsten sitzt seine Gattin Luise Henriette von Oranien mit dem jüngsten Kind der beiden, dem neugeborenen Ludwig, auf dem Schoß; neben ihr posiert ihr zweitältester Sohn Friedrich, drei früh gestorbene Kinder schweben als Engel über der Szene.

          Es ist ein Gemälde, das auch die Gefühlsbeziehungen innerhalb der Herrscherfamilie festhält, denn der impulsive, für alles Militärische schwärmende, bildungsresistente Karl Emil war der Augapfel Friedrich Wilhelms, die Kurfürstin dagegen bevorzugte den Zweitgeborenen. Aber Karl Emil starb 1674 in Straßburg an einer Krankheit, die er sich im Feldlager gegen die Franzosen zugezogen hatte, während der schwächliche, körperlich missgebildete Friedrich überlebte. Knapp dreißig Jahre später setzte er sich in Königsberg als Friedrich I. die Krone auf, nach welcher der Vater vergeblich gestrebt hatte, allerdings nur als König „in Preußen“. So nannte noch Maria Theresia ihren Widersacher Friedrich den Großen im offiziellen Schriftverkehr. Erst nach dessen Tod hießen die Hohenzollern Könige „von Preußen“.

          Das Bild von Jan Mijtens hängt heute im Schloss Oranienburg, das die Mutter von Karl Emil und Friedrich ab 1650 zu einem Landsitz im holländischen Stil ausbauen ließ. Dabei wurde das Jagdhaus, das hier seit hundert Jahren stand, durch Nebengebäude und einen breiten Graben zu einem Wasserschloss arrondiert und mit einem Lustgarten gekrönt. Erst Friedrich I., der Oranienburg zu einem Memorialort für seine geliebte Mutter machte, gab der Anlage durch Seitenflügel und eine Orangerie ihre heutige Gestalt.

          Jan Mijtens Kurfürstin Luise Henriette von Brandenburg (um 1665)

          Das weitere Schicksal des Schlosses ist wenig erbaulich: 1802 wurde es an einen Baumwollfabrikanten verkauft, dessen Erben hier eine Chemiefabrik gründeten, später zog ein Lehrerseminar ein, und in den dreißiger Jahren residierten hier die SS-Totenkopfverbände aus dem nahen Konzentrationslager Sachsenhausen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Schloss Offiziersschule der Volkspolizei und Kaserne der DDR-Grenztruppen. Schon im neunzehnten Jahrhundert brannten Mittelbau und Südostflügel, alliierte Bomben brachten weitere Zerstörungen. Erst seit zwanzig Jahren ist Schloss Oranienburg wieder museal erschlossen; seit 2001 teilt sich die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten die Nutzung mit dem Heimatmuseum des Landkreises Oberhavel.

          Zentralfigur der borussischen Geschichtsschreibung

          In diesem Jahr hat die Schlösserstiftung ihre Dauerausstellung durch eine Sonderpräsentation zum vierhundertsten Geburtstag Friedrich Wilhelms von Preußen ergänzt. Dass dieser Kurfürst ein „großer“ war, ja der „Große Kurfürst“ schlechthin, hätte noch vor zwei, drei Generationen außer Frage gestanden. Als angeblicher Gründer des preußischen Staates war Friedrich Wilhelm eine Zentralfigur der borussischen Geschichtsschreibung, die seit Ranke und Treitschke die deutschen Lehrstühle dominierte. Inzwischen ist der Ruhm des „Großen Kurfürsten“ verblasst, sein Bild hat Flecken bekommen. Auf die zweibändige Biographie Ernst Opgenoorths aus den siebziger Jahren folgte in diesem Frühling eine aktualisierte Lebensbeschreibung von Jürgen Luh, der die wankelmütige, durch häufige Bündniswechsel geprägte Politik Friedrich Wilhelms als Spielfeld von Macht- und Geltungsansprüchen beschreibt: Ansprüche auf Territorien, die er nicht erringen, und Statusprivilegien, die er nicht erzwingen konnte. „Groß“ war dieser Kurfürst mehr im Wollen als im Tun. Die Zeichen seines Scheiterns sind in der Oranienburger Ausstellung schwierig zu lesen. Aber es gibt sie.

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