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Schirn Kunsthalle : Der Mann, der sich Penck nennt

In der DDR blieb er weitgehend unbekannt. Seine Arbeiten entsprachen nicht dem ästhetischen Ideal des sozialistischen Realismus. Erst als Ralf Winkler alias A. R. Penck in den Westen ging, eroberten seine Bilder die Welt. Die Frankfurter Schirn widmet ihm jetzt eine großartige Retrospektive.

          Solange er in Dresden lebte, war Ralf Winkler Schlagzeuger, Filmemacher, Maler, Graphiker, Schriftsteller, doch der Öffentlichkeit blieb er unbekannt; denn an den Akademien der DDR war der 1939 geborene Autodidakt ebenso abgelehnt worden wie vom Verband Bildender Künstler, in den er 1966 hatte eintreten wollen. Seine Arbeiten entsprachen nicht dem ästhetischen Ideal des sozialistischen Realismus.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Als Musiker spielte er Freejazz, als Filmemacher dokumentierte er den Verfall seiner Heimatstadt, als Maler pflegte er eine an halbabstrakten Piktogrammen orientierte Bildersprache, als Graphiker fertigte er Künstlerbücher und Schallplattenhüllen ohne Genehmigung an, und als Schriftsteller schließlich verfasste Winkler Manifeste, die das Rhythmus-, Inszenierungs-, Form- und Unabhängigkeitsgefühl der anderen Betätigungsfelder zu einem ganz eigenen Ton verdichteten: „Ein Embryo durch alten Geist verführt, so deutsch, wie dumm, die schlimmste Perversion. Scheißlöffel, der in großer Kacke rührt, der Mangel selbst, das Elend der Nation. Doch war sie ein Versuch, Versuch zu leben als Totgeburt, Versagen, Wahnsinnsschweben“ - das rief Winkler 1993 der DDR hinterher. Dreizehn Jahren zuvor war er in den Westen gegangen.

          Im Westen gefeiert - im Osten einberufen

          Dort kannte ihn jeder, allerdings nicht als Ralf Winkler, sondern als A.R. Penck. Dieses Pseudonym, dem sächsischen Geographen Albrecht Penck entliehen und um den abgekürzten eigenen Vornamen erweitert, hatte Winkler 1968 gewählt, als er seine erste Einzelausstellung bekam - natürlich nicht in der DDR, sondern in einer Kölner Galerie. Von dort aus gingen die Bilder um die ganze Welt; denn was die DDR-Kulturpolitik daran so verabscheute, wurde im Westen gefeiert: Der dominante Zeichencharakter und die rauhe Linienführung galten als Mittelweg zwischen Abstraktion und Realismus - und das war auch ganz im Sinne von Winkler, der sich nunmehr nicht länger um Anerkennung in Ostdeutschland bemühte, sondern konsequent seinen künstlerischen Weg beschritt und die gesamte Bildproduktion in den Westen verkaufte.

          Mit den Einnahmen konnte er seine anderen künstlerischen Vorlieben in Dresden weiter pflegen und Freunde bei den ihren unterstützen - wobei nicht wenige Weggefährten später als Stasi-Spitzel enttarnt wurden. Der Staat verübelte dem ungeliebten Künstler die individuelle Freiheit. Nachdem Pencks Bilder 1972 zum ersten Mal auf der documenta gezeigt worden waren, erhielt der Mittdreißigjährige eine verspätete Einberufung zur NVA. Auf einem Bild dieser Zeit, „Standart 1897“ betitelt, ist der ganze Spott des Malers über die ideologische Verbohrtheit der DDR zu finden: „Deutschland Kitschland“ ist da in einem Bildfeld hingekritzelt, daneben die zweite Strophe der „Internationalen“. Und darunter stellt Penck die Frage: „Warum ist der Imperialismus im ökonomischen Wettstreit von vornherein unterlegen?“ Als Antwort folgt: „Weil er eine ganze historische Epoche zurückliegt.“ Bitterer konnte man die Widersprüchlichkeit zwischen der These vom Sieg des Sozialismus und dem Weiterbestand der Systemkonkurrenz nicht formulieren.

          Strichmännchen

          Solch scharfzüngige Satire dürfte die meisten Besucher der heute eröffnenden Ausstellung in der Frankfurter Schirn überraschen; denn jeder hat zunächst nur eines zu Pencks Werk im Kopf: Strichmännchen. Seine an archaischer Kunst, an Höhlenmalerei und Stammesikonographie geschulten Motive haben Epoche gemacht, lange bevor Keith Haring diese Figurensprache mit seiner Graffitikunst noch bekannter und marktgängiger machte. Vom Musiker, Filmemacher, Graphiker und Schriftsteller Winkler weiß heute kaum noch jemand etwas. Der Erfolg des Malers Penck hat all das vergessen lassen. Und einiges von der eigenen ästhetischen Entwicklung gleich mit, darunter auch die satirische Bildersprache von „Standart 1897“.

          Das Bild ist Teil dieser ersten Retrospektive zu Pencks Werk seit neunzehn Jahren. Die Schirn hat sich dabei nicht wenig vorgenommen: Neben mehr als hundert Bildern und fünfzig Skulpturen und Objekten sind auch ein Dutzend von Penck gestaltete Schallplattenhüllen zu sehen, es gibt Musik von ihm zu hören und etliches zu lesen, was er geschrieben hat. Nur auf das filmische Werk muss die Schau verzichten. Obwohl der Großteil der sechzehn zwischen 1970 und 1979 gedrehten Arbeiten schon bereitstand, zog Penck diese Werke wieder zurück. Immerhin weiß man nun wenigstens, dass die Filme nicht, wie bisher aus Dresden kolportiert wurde, verloren sind.

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