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Iranisches Trio in Frankfurt : Die Acryl-Touristen kommen

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In dem Bodengemälde, das Ramin Haerizadeh, Rokni Haerizadeh und Hesam Rahmanian für die Kunsthalle Schirn schufen, trifft Drag auf Islam und Tourismus auf Flüchtende. Alles ist kombinierbar, aber dahinter steckt ein strenges Ritual.

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          Eine „Hyperkultur“ löst sämtliche Grenzen auf und bedient sich nach Belieben bei anderen Kulturen. Manche könnten in diesem Lebensstil schon wieder einen eigenen, etwas verschrobenen Kulturkreis sehen, glaubt der Soziologe Andreas Reckwitz. Einen solchen Kreis bildet vielleicht das iranische Künstlertrio aus Ramin Haerizadeh, Rokni Haerizadeh und Hesam Rahmanian. Ihr Bodengemälde „O You People!“, das größte Gemälde, das jemals in der Frankfurter Kunsthalle Schirn stand, zeigt ein alternatives Zweistromland, speist sich aber aus mehr als zwei Strömungen: Orientalische Tradition und westliche Moderne, Hochkultur und Camp, Historie und Hightech flossen ein, und nichts war vor der Aneignung sicher. Die Motive konkurrieren um die reizüberfluteten Betrachter, selbst Männerbeine in High Heels und islamische Ornamente sind hier widerspruchsfrei kombinierbar – „was wiederum wunderbar zu uns in der Schirn passt“, sagt die Kuratorin Martina Weinhart.

          Haerizadeh, Haerizadeh und Rahmanian, deren erste deutsche Einzelausstellung heute eröffnet wird, legen gleichzeitig großen Wert auf Gemeinschaft. Im Exil in Dubai fanden sie ihre Wahlverwandten in dem internationalen Künstlerkollektiv, mit dem sie nun regelmäßig kollaborieren – für die Schirn etwa mit Hoda Tawakol, die zwei Textilarbeiten beitrug. Außenstehende würden über die strengen künstlerischen Rituale dieser Community wohl den Kopf schütteln: Um die Faserplatten von „O You People!“ mit Schlieren und Strudeln zu grundieren, mussten sich die verkleideten Künstler wie bei all ihren Bodengemälden in das Fabelwesen „Dastgah“ verwandeln, das die Farbpumpen bedienen darf.

          So ein Dastgah trägt ein riesiges Ohr, mit dem es hört, was in der Welt gerade politisch interessant ist; außerdem wahlweise ein Frauenkleid oder eine Rettungsweste, um als Medium die Schwingungen von Geschlechterdebatten oder Migrationskrisen zu empfangen. Selten sind die Verfahren der Hyperkultur so rigide gewesen.

          Erst um die figürlichen Elemente zu malen, kehrten sie in ihre eigene Haut zurück. Das Bodengemälde, das sich außerdem noch auf zwei Wände erstreckt, knarzt manchmal unter den Schritten der sich verteilenden Besucher. Zusätzlich muss es einen Schwarm von Acryl-Touristen beherbergen. Alle leicht bekleidet, mit Smartphone oder Eiswaffel gerüstet, und in die dickliche Form des islamischen Sonnenmotivs gepresst, ähneln sie den anonymen Fischen, die unter der Vogelperspektive und den Füßen dahinziehen.

          Ganz anders gestaltet sind die anthropomorphen Tiere, die man von der Seite sieht. Gedrängt sitzen sie auf einem langen Finger, der ein überfülltes Schlauchboot meint, aber erhalten sich auf der Reise ihre bunte Individualität; mimisch wie auch modisch. Ein eingezwängter Elefant hat sogar die Hand auf seinem Bauch, in dem ein Elefantenfötus steckt. Weiter flussabwärts findet man den Anarcho-Schrei, den diese heillose Arche auslöst. Er kommt nicht wie in Picassos „Guernica“ von einem Pferd, sondern aus den Mäulern riesiger Esel. Für Weinhart der Underdog unter den Tieren, ist der Esel bei Haerizadeh, Haerizadeh und Rahmanian gerade deshalb das Leitmotiv.

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